HALLO FACEBOOK,

ich wollte dir nur ganz kurz sagen, dass ich es super finde, wie du Verantwortung übernimmst. Es ist gut zu wissen, dass du dich mit eigens programmierten Algorithmen um deine 31 Millionen Nutzerinnen und Nutzer allein in Deutschland kümmerst.
Werbeanzeigen ausspielen und Targeting funktionieren nahezu perfekt, das machst du echt prima. Das Geschäft brummt.

Es ist auch toll zu sehen, dass du hart durchgreifst: Wenn man zum Beispiel einen Nippel („Nippel! Nippel! Nippel! Boing“) oder eine stillende Mutter („WHAT!!!!??? Da saugt ein Baby an einem Nippel! GUCKT DA NICHT HIN!!! DAS IST WIE SEX!!! MAMA, WO SIND DIE TASCHENTÜCHER?!?!“) postet, wird man sofort gesperrt.

Oder das hier: wenn man von einem verwirrten Rechtsradikalen beschimpft wird und das mit einem Screenshot der Beschimpfung und einer harmlosen Zeile („Wenn die Hupe besser denken kann als das Gehirn“) kommentiert, wird gedroht, dass man gesperrt wird.
Wenn man sich mit dir in Verbindung setzen will, um das aufzuklären, wird man gesperrt.

Dieses konsequente Durchgreifen ist genau richtig.

Nicht.

Nochmal:

Hey Facbook,

du bist ein großartiges Netzwerk. Katzenvideos, Zucchini-Rezepte, Selfies, lustige Geschichten und so weiter. Ich bin mir sicher, dass viele nur deshalb ihren Eltern und Arbeitskollegen von 1983 gratulieren, weil du sie immer schön daran erinnerst. Und Geschenkvorschläge hast du ja auch immer gleich parat.
Aber mal ehrlich, Facebook, du bist nur noch uneigentlich großartig.
Denn das, was du geschaffen hast, ist zu einem digitalen Frankenstein-Monster geworden, das voll unter Strom steht.

Du hast die Kontrolle verloren.
Komplett.
Deine „Regulierungsversuche“ sind – naja, um ehrlich zu sein, agierst du wie jemand, der versucht, das Fahrwerk seines Autos zu reparieren. Während er mit 180 Sachen über eine kurvige Landstraße brettert. Im Nebel. Bei -1 Grad Außentemperatur. Durch ein Waldgebiet.
Mit 31 Millionen Leuten auf der Rückbank, die nicht angeschnallt sind.
So wie es aussieht, wird es nicht besonders gut ausgehen.

Durch dein Sperre hatte ich genügend Zeit, mal deine Gemeinschaftsstandards durchgelesen. Weil ich wissen wollte, wo genau ich dagegen verstoßen habe.

Irgendwie glaube ich, dass du überlegen solltest, dir entweder neue Gemeinschaftsstandards auszudenken oder dir hier in Deutschland mal testweise ein Team von ca. 5.000 Menschen (das sind diese Fleischsäcke, die mit Knochen, Innereien und einem funktionierenden Gehirn gefüllt sind) an Rechner setzt, damit diese echten Menschen (-> Fleischsäcke) prüfen, was gepostet und ggf. gemeldet wurde.

Möglichst in Echtzeit.

Wahrscheinlich reicht ein altes Callcenter irgendwo im Industriegebiet am Rande einer Stadt. Jeder Mitarbeiter bekommt eine Visitenkarte mit einem attraktiven Titel, sowas wie Realtime Verification Manager und einen Rechner.
Dazu gibt es ein kleines Onboarding in Form einer einstündigen Moralschulung. Und immer schön frisches Obst. Das sollte reichen.
Du als Unternehmen solltest es dir leisten können, denn du verdienst ja ganz gut. (Außerdem könnte „Realtime Verification Manager“ sogar ein Ausbildungsberuf werden. Sag doch deinem Algorithmus mal, dass er darüber mal nachdenken soll.

Also gut.

Zu deinen Gemeinschaftsstandards:


Du schreibst:

„Manchmal teilen Menschen Inhalte, die Hassrede einer anderen Person enthalten, um für ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren oder Aufklärung zu leisten. So kann es vorkommen, dass Worte oder Begriffe, die ansonsten gegen unsere Standards verstoßen könnten, erklärend oder als Ausdruck von Unterstützung verwendet werden. Dann lassen wir die Inhalte zu, erwarten jedoch, dass die Person, die solche Inhalte teilt, ihre Absicht deutlich macht, so dass wir den Hintergrund besser verstehen können. Ist diese Absicht unklar, wird der Inhalt unter Umständen entfernt. Wir lassen Humor und Gesellschaftskritik in Verbindung mit diesen Themen zu. Wir sind außerdem der Ansicht, dass die Nutzerinnen und Nutzer, die solche Kommentare teilen, verantwortungsbewusster handeln, wenn sie ihre Klarnamen verwenden.“

Du meinst:

„Unsere mies programmierten Algorithmen sperren erstmal alles, was von verwirrten Seelen, die stündlich ihren ätzenden Hass in die vergilbten Tastaturen absondern, gemeldet wird. Egal, ob lustig, satirisch oder sonstwas. Eine kontextuelle Prüfung findet nie statt. Wie denn auch?!?!?
Und gegen Bots und Fake-Profile haben wir noch kein Mittel gefunden.
Pffffft…..na und? Uns doch egal. Erstmal sperren.
Sollen die Leute doch sehen, was sie davon haben. Sperren ist schön einfach. So einfach wie eine Mauer um ein Land bauen – nur viel, viel billiger!“

Und das hier, du schreibst:

„Wir möchten die Menschen dabei unterstützen, stets informiert zu sein, ohne die produktive öffentliche Diskussion zu behindern. Zudem besteht nur ein schmaler Grat zwischen Falschmeldungen und Satire oder Meinungen. Daher entfernen wir Falschmeldungen nicht von Facebook, sondern reduzieren stattdessen ihre Verbreitung erheblich, indem wir sie weiter unten im News Feed anzeigen.“

Du meinst:

„Ist doch voll geil, wie die Leute immer wieder auf Fakenews reinfallen. Guck mal – schon wieder. Und hier: schon wieder. Und hier: hahahaha! Komm, lass nochmal Lügen verbreiten. Hier ist eine geile – die packen wir ganz nach oben in den Newsfeed!“

Du schreibst:

„Wir tolerieren auf Facebook keine Belästigung. Wir möchten, dass Menschen sich sicher fühlen, wenn sie sich mit anderen Mitgliedern unserer Online-Gemeinschaft verbinden und mit diesen kommunizieren. Unsere Richtlinien für Belästigung gelten sowohl für Personen des öffentlichen Lebens als auch für Privatpersonen.“

Du meinst:

„Ach, wir sind da nicht so. Wenn jemand einen anderen „ins Gas“ schicken will, ist das nicht schlimm, weil das ja auch was mit einem Herd zu tun haben könnte. Und wenn jemand einem anderen Menschen wünscht, „es von einer Horde ordentlich hart besorgt zu bekommen“, finden wir das auch nicht so schlimm. Denn unser Programm kennt das Wort „Horde“ ganz einfach nicht. Und mit „ordentlich hart besorgt“ sind ja sehr wahrscheinlich hart gekochte Eier gemeint.
Und wenn ein krankes Hirn eine Seite, die sich sehr eindeutig gegen Rechtsradikalismus positioniert, mit den Worten „Das ist eine Faschoseite, die von Nazischweinen betrieben wird“, ist das ja nur lustig und niedlich gemeint. Hihi. Haha.“

Du schreibst:
„Wir möchten eine besser informierte Gemeinschaft aufbauen und die Verbreitung von Falschmeldungen mithilfe verschiedener Methoden reduzieren, u. a. durch Folgendes:

– Reduzierung wirtschaftlicher Anreize für Personen, Seiten und Domains, die Fehlinformationen verbreiten.

– Verwendung verschiedener Signale, einschließlich Feedback unserer Nutzerinnen und Nutzer, mit denen wir ein Machine Learning-System trainieren, das voraussagt, welche Meldungen falsch sein könnten.


Du meinst:

„Ähem – na komm, wir sind ehrlich: es geht uns natürlich immer nur um Kohle, das sollte jedem klar sein. Soziale Verantwortung, obwohl das, was wir hier machen unter „social media“ fällt? Nicht wichtig für uns. Überlegt doch mal: sonst hätte PEGIDA nicht stattgefunden. Die AfD wäre nicht im Bundestag. Sonst dürfte die BILD bei uns nichts posten, sonst hätte auch eine verwirrtes Lügenmaul wie Henryk Stöckl auf unserer Seite nichts zu melden.
Wir argumentieren natürlich nur mit „wirtschaftlichen Anreizen“ weil unser Anwalt uns das so empfohlen hat. Graubereich. Ihr wisst schon. Sonst hätten wir ja nicht geschrieben: „mit denen wir ein Machine Learning-System trainieren, das voraussagt, welche Meldungen falsch sein könnten.“ Hallo?!?! Konjunktiv! KÖNNTEN.
Uns interessiert nur, was sein könnte. Nicht, was ist. (Datenlecks interessieren uns übrigens auch nicht.)

Denn das Abgefahrene ist ja, dass die Leute gerade auf Falschmeldungen so anspringen und sich auslassen und die teilen und kommentieren – das erhöht die Reichweite. Und dann klingeln bei uns wieder die Kassen. Aber so richtig! Es ist phantastisch! Ist noch Hummer da? Wo der Schampus? Gibt es den Lambo auch in 18 Karat?“

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Hey Facebook,

ich habe bei dir bald 9.000 Follower, einige meiner Beiträge haben eine Reichweite im hohen sechsstelligen Bereich. Ich schreibe, was ich mit dem Bauch denke, was ich für wichtig halte. Manchmal ist das sogar lustig, meistens hat es mit Haltung zu tun. Ich bin aber nur eine kleine Funzel in deinem Las Vegas-artigen Vergnügungspark mit Milliarden Flutlichtern.
Ich schreibe echt gern für dich, ich lass mich auch gern von Rechten Idioten und FDP-Mitgliedern beschimpfen. Und ich weiß, dass du bestimmt ein paar gute Dollar mit meinen Gedanken machst. (Weil ja Targeting & Co bei dir wirklich gut funktionieren).
Und ich lasse mich natürlich von deinen Algorithmen sperren.
Ist mir egal.

Hier auf meiner eigenen Seite habe ich sagenhafte 12 Follower – und für die schreibe ich sehr gern mit Herzblut, Leidenschaft und Bauchgefühl.
Denn ob 12 oder knapp 9.000: Ich mache da keinen Unterschied.

Du anscheinend schon.

Ach nee, sorry: ich meinte:

Dein Algorithmus anscheinend schon.



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Diese Zeilen habe ich vor ein paar Tagen geschrieben – als ich von der Sperre erfahren habe. Vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas zu emotional, aber ich lass das hier trotzdem mal so stehen.




4 Gedanken zu “HALLO FACEBOOK,

  1. Du hast völlig recht. Man versucht überall kleine Brände zu löschen um dem Hass etwas entgegen zu setzen, dann merkt man aber meistens, wie egal Facebook jegliches Engagement sein muss. Da werden Morddrohungen zugelassen und man bekommt ein hübsche Bestätigung wie toll FB das noch findet. Also ist man teils völlig wehrlos. Dabei ist es das einzige Mittel was Facebook anbietet. Eine automatische Kontrolle durch Facebook, auch wenn sie durch Menschen begleitet wird, halte ich aber auch für falsch. Dieses große Rauschen im Netz muss mehr Einfluss durch die Gesellschaft bekommen. Wenn jemand am Stammtisch andere anpöbelt bekommt er ja auch keine Likes und die Gegenrede wird vom Wirt geblockt. Die Moral die Facebook vertritt, ist leider die des Geldes. Soziales Medium sein zu wollen, ist dabei nur ein Werbeslogan.

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  2. Ich verstehe es auch nicht, wie absolut schlampig Facebook in Deutschland handelt. Ich bin übrigens schon seit Jahren nicht mehr bei Facebook. Dieser stupide Algorithmus „ Leute die das gesehen haben, mögen auch das hier“ lies nur Vorschub für Eintönigkeit und Uniformität in unserer Welt.

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