Die AfD hat Angst vor einer Frau!

Nanu!

Eine reißerische Headline, die mir als sexistisch ausgelegt werden kann. „Die AfD hat Angst vor einer Frau.“

Wie es zu dieser Zeile kommt?
Sie ist wahr.
Ich habe das Statement vom Impf-Opi Gauland mal gelesen – und dafür einen Visit auf der Homepage der AfD hinterlassen.

Das Interview werde ich jetzt hier 1:1 wiedergeben und meine Anmerkungen drunterkritzeln.

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(Gauland)
„Wenn es nach den Grünen geht, soll nun also Annalena Baerbock die nächste Bundeskanzlerin werden. Die Frau, die meint, in Batterien wohne ein Kobold und Strom könne man ‚im Netz‘ speichern hat sich gegen Robert Habeck durchgesetzt, der weder weiß, welche Aufgaben die BaFin hat noch was eigentlich die Pendlerpauschale ist. In Sachen Kompetenz war das also ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen….“

-> Wer den Versprecher aus einem ZDF-Sommerinterview braucht, um jemanden zu diskreditieren, zeigt vor allen Dingen eines: Unsicherheit und Angst. Und er zeigt, dass hinter der Dackelkrawatte ein Patriarch (durch und durch) steckt, der diesen Versprecher dazu nutzen muss, um seine Machtphantasie zu demonstrieren.
Der Nazi-Opa Gauland verspricht sich natürlich nie. (Es sei denn, es geht um den „Vogelschiss der Geschichte“.)
Hier will der Ehrenvorsitzende der AfD demonstrieren, dass man Annalena Baerbock nie glauben sollte, weil sie doch nur ein dummes, dummes Ding ist, das hinter den Herd gehört. Unfähig, Politik zu betreiben. Eine, die sich verspricht, kann doch nicht Kanzlerkandidatin sein!

Dass der gute Mann in derselben Interviewreihe extrem abgekackt hat, hat er Dank seiner Verkalkung vergessen.
Hier, Opi. Lass dir das nochmal von deinem Zivi vorlesen:

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/alexander-gauland-im-zdf-sommerinterview-wie-sich-der-afd-chef-selbst-zerlegt-a-00000000-0003-0001-0000-000002735188


(Gauland weiter)
„Es ist im Ergebnis egal, wer für die Grünen antritt. Denn das Programm, dass diese Partei vorlegt, ist darauf ausgerichtet, Deutschland in allen Bereichen schwerste und irreparable Schäden zuzufügen. Für Deutschland wäre eine Bundesregierung unter Führung der Grünen eine Katastrophe und würde unserem Land noch mehr staatlichen Zwang und Unfreiheit bescheren und zu einer weiteren Zerstörung von Wohlstand, Innerer Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt führen.

-> Man kann natürlich gut verstehen, dass die AfD das rot markierte „das“ reflexhaft mit „ss“ schreibt. Soll aber hier und jetzt nur eine Nebensache sein.
Dass das Programm der GRÜNEN darauf ausgerichtet sein soll, Deutschland irreparable Schäden zuzufügen, ist so nur aus der Position der AfD, einer bornierten Partei, die geistig irgendwo vor Stalingrad im Matsch feststeckt, zu bewerten.
Gauland faselt von „Unfreiheit“, von „staatlichem Zwang“ und von „Zerstörung von Wohlstand, Innerer Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.“ Diese Vokabeln sind schwere Geschütze, die nur deshalb aufgefahren werden, weil die Partei innerlich komplett zerrissen ist und deshalb schon jetzt mediale Großkaliber auffahren muss.

Wen hat die Partei einer Annalena Baerbock entgegenzustellen? Den lupenreinen Nazi Landolf Ladig? Den sturen Meuthen? Die zickige Alice Weidel? Die wutschnaubende Beatrix von Storch, die gern auf Frauen und Kinder schießen lassen würde? Der dauerkeifende Stephan Brandner, der sich wie der allerletzte 8,3 Promille-Stadtfest-Idiot aufführt, sobald er den Mund aufmacht?

Oder Alexander Gauland, der 80 Jahre alt ist?
Der Mann könnte (rein rechnerisch natürlich) der Opa von Annalena Baerbock sein. Also genau der Stinkstiefel, der auf dem Familienfest zu viel Cognac drin hat, der von der „guten alten Zeit faselt, in der noch vernünftige Autobahnen gebaut wurden, aber das darf man ja heute nicht mehr sagen!“ und dem man mit einem Taschentuch den Speichel aus dem Mundwinkel tupfen muss, während er langsam in den Sessel pullert.

(Gauland weiter)
„…leider ist ein Wahlerfolg der Grünen alles andere als unwahrscheinlich, denn Frau Baerbock kann unter anderem auf die Unterstützung und Hilfe der zahllosen Sympathisanten der Grünen in den Medien zählen….“


-> Hier wird die Opferrolle schon mal zurechtgemacht wie ein gemütliches Bett. Alexander Gauland gibt an dieser Stelle zu, wie viel Angst der Mann – und mit ihm die Partei – vor Annalena Baerbock hat.
Die Opferrolle wird einfach schon mal prophylaktisch eingenommen „denn Frau Baerbock kann unter anderem auf die Unterstützung und Hilfe der zahllosen Sympathisanten der Grünen in den Medien zählen.„.
Ja, klar. Die bösen, bösen linksgrünversifften Mainstream-Medien! Sind vollkommen undifferenziert, beklatschen die GRÜNEN und geben der AfD keine Sendezeit! GEZ abschaffen! Gehören deportiert!
Das werden die Argumente sein. Hier zeigt Alexander Gauland offen, wie wenig die AfD inhaltlich zu bieten hat.
Wenig?
Nix.
Und das haben mittlerweile auch die Wähler*innen gemerkt.

(Gauland weiter)
Es bleibt zu hoffen, dass die Bürger nicht auf die als freundlich präsentierte Fassade hereinfallen und das wahre Gesicht dieser Partei erkennen.“

-> Hahahahahahahaha! Da möchte man sich vor Freude und gleichzeitigem Fremdschämen direkt mal gepflegt einpieschern.
Alexander Gauland ist Vorsitzender einer demokratiefeindlichen Nazipartei, die sich in den Bundestag provoziert und gepöbelt hat, die ganz offen Rechtsextremisten in den eigenen Reihen hat, die Faschisten duldet, die mit Neonazis marschiert, die übelsten Geschichtsrevisionismus betreibt, die demnächst höchstoffiziell vom Verfassungsschutz beobachtet werden wird – und sich den Deutschen als „bürgerliche Partei“ verkauft.
Und Alexander Gauland spricht davon, dass „die GRÜNEN eine freundlich präsentierte Fassade haben, hinter der das wahre Gesicht lauert.“

Die AfD proklamiert „Mut zur Wahrheit“ für sich. Beziehungunsweise: „Deutschland. Aber normal.“

Die Wahrheit ist: Die AfD kann nichts. Die Partei ist fertig. Und bald wird es wieder normal sein, dass keine Faschisten im Bundestag sitzen.

So sieht es aus.

Danke, Annalena Baerbock. Und danke, Robert Habeck.




AUF DEM SCHÜTZENFEST.

Es läuft: „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen. Es ist gerammelt voll, alle haben sich ordentlich vollgetankt, die Luft besteht aus Schweiß, Nebelmaschinendampf und Rülps.
Außerdem geht eine ganz fiese Magen/Darm-Grippe rum, weiß auch jeder. Die Toiletten sind besetzt, draußen vor der Tür kotzen blasse Menschen ihren Mageninhalt in den Matsch. Trotzdem wird geknutscht.

Armin Laschet rumpelt durch die Menge, johlt und lacht es weg, wenn er jemandem aus Versehen auf den Fuß tritt, umschubst, das Bier aus der Hand schlägt, weil er einfach zu töffelig ist. Er hat das Bewegungstalent der „EVER GIVEN“, die sich im Suezkanal verkeilt hat.
Wenn er tanzt, ist er null im Takt, der DJ verdreht die Augen und ist kurz davor, eine Meditations-CD aufzulegen, damit der Mann ruhig ist.

Markus Söder kommt direkt aus dem Fitness-Studio auf das Fest, er trägt schwere Stiefel, hat literweise CK One aufgetragen und schiebt die Leute mit seinen angespannten, gut durchbluteten Muskeln weg. Da wo er herkommt, läuft es. (Er wohnt bei seinen Eltern unter dem Dach – und da ist die Welt noch in Ordnung.)
Er will jetzt auch tanzen, hat aber noch keine Ahnung, ob sein Bewegungsapparat das hinbekommt. Aber mit der Hilfe von Gott wird das schon.

Ein paar andere von aus UnionsClique haben Stress mit den Tresenkräften, weil sie mit Pfandbechern betrogen haben. Außerdem haben sie Senftuben geklaut und sind reingekommen, ohne Eintritt zu zahlen (€ 1,50,-).

Olaf Scholz von der SPD sagt jedem den er trifft, dass er der nächste Schützenkönig wird. Und dass das nächste Dorffest größer und schöner wird. „Jeder Schuss ein Treffer!“, prahlt er.
Er fuchtelt dabei mit einer hellblauen Erbenspistole rum und wird von allen Außenstehenden belächelt. Auch weil jeder hier weiß, dass er gehörig Stress mit seiner Bank hat.

Annalena Baerbock und Robert Habeck von den GRÜNEN stehen am Wurststand und sagen seit vier Stunden: „Wenn du mich vorlässt, lass ich dich wieder vor.“ Sie blockieren den Laden und fragen sich, wo der Senf ist. Die Leute sind genervt.

Christian Lindner steht beim DJ, sagt, wie man die Übergänge besser hinbekommen kann und wünscht sich Lieder, die niemand hören will.
Wolfgang Kubicki schnappt sich immer mal wieder das Mikro und brüllt besoffen Sachen wie „So, Ladies! Titten raus!“

Angela Merkel steht am Sicherungskasten und kann jederzeit den Strom abdrehen – dann ist das Ding hier eh gelaufen.

Und die gefährlichen Dorfschläger der AfD stehen am Rand und gucken sich den ganzen Quatsch an. Die Hände schön in den Taschen – sie haben gelernt, wann es besser ist, mal ruhig zu sein. Nämlich dann, wenn die anderen sich komplett zerlegen.

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In fünf Monaten sind Bundestagswahlen. Und es ist mir gerade ein bisschen zu ruhig um die AfD.

Die gesamte Politik ist momentan darauf ausgerichtet, mit Maskendeals, mit Wankelmut, mit falschen Entscheidungen en Masse möglichst viel Verdrossenheit zu produzieren – und eine Wahlbeteiligung von unter 60 % zu erreichen.

Da die AfD ihre Wählerinnen und Wähler auf jeden Fall wird mobilisieren können, ist die Gefahr, dass die AfD im Herbst die Gewinnerpartei sein wird, leider sehr realistisch.

Allein um das zu verhindern muss die Politik jetzt zusammenstehen, um die vermaledeite Pandemie jetzt endlich mal unter Kontrolle zu bekommen.
Ein Virus bleibt nicht an einer Landesgrenze stehen und denkt: „Och nee, hier ist Hessen, hier gelten ja andere Bedingungen als in Niedersachsen.“ Ein Virus schert sich nicht um Ländergrenzen.
Es braucht eine Gesamtstrategie. Ohne Ländergrenzen. Ohne Ego. Ohne Ellenbogen.

Ganz einfach eigentlich.

Und: Was ist eigentlich aus der Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz geworden?




DIE TÜR.

Querdenker: „DA IST KEINE TÜR! Die Baubehörde lügt! Wir versammeln uns vor genau dieser Maueröffnung. Und wir werden und nicht nur versammeln, wir werden hier ein Dorf errichten! Bastelt schon mal Schilder mit „Wir sind hier in Freiheit und nicht auf der Flucht!“ 
Wir sind gegen die Baubehörden-Diktatur! Die Baubehörde wird von „denen da oben“ geleitet! Und die wollen eine neue Weltordnung! So wie die Rothschildts. Alles eine Mischpoke! Die Baubehörde muss gesprengt werden!“

Schwurbler:innen: „Wer diese Tür anguckt, ist verloren! Der Disney-Konzern malt euer Gehirn mit Wachsmalkreide aus und übernimmt euer Denken, ich habe gerade mit Elvis gesprochen, der sagt das auch. Glaubt ihr nicht? IHR SCHLAFSCHAFE! Was meint ihr denn, wer hinter dieser Tür steht? Adolf Hitler natürlich, zusammen mit Calamity Jane und Knut dem Eisbären probt er hier. Die drei wollen als erste Lebewesen den Marathon unter zwei Stunden laufen. Die machen das mit Joghurtbechern statt mit Schuhen. Becher sind schneller als Schuhe! Das lief heute im Hirnfernsehen, das vom Mond ausgestrahlt wird, in dem Adelheid Streidel moderiert. Saxophone sind in Wahrheit Gänsemikrophone! Ihr Unwissenden!“

Querdenker mit Geschäftssinn: „Kauft jetzt die Kraft-Brosche für nur € 79,90 und die Fußmatte mit dem Spruch „TÜR AUF! für nur € 59,90. Bucht euch ein Reiseticket bei Eso-Tours zur nächsten Veranstaltung in Berlin für € 299,90!“

Xavior Naidoo: „Diiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiese Tür stand für Freiiiiiiiiiiiheiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiit, sie ist auuuuuuuuuuuuuuus Kinderblut geschmiiiiiiiiiiiiiiiiedeeeeeeeeeeee-heeeeeet.“

Trottel: „Ich bin ja kein Baubehördenhasser, aber dass ausgerechnet hier eine Tür stehen muss, ist echt heftig. Hätte es früher nicht gegeben.“ 

Unionspolitiker:innen: „Ich muss mal mit einem befreundeten Bauunternehmen aus Baku sprechen. Wir werden den Markt mit überteuerten Fluchttüren fluten. Hier ist noch der ein oder andere Euro zu machen.“

Nena: „Danke, Xavier. Hat jemand mein Mondwasser gesehen?“

AfD-Politiker:innen: „Es ist jawohl klar, wer hier nicht stehen darf! Irgendwelche „Zugezogenen“, die hier ihre Ziegen parken wollen! Aber stolze Deutsche dürfen hier selbstverständlich stehen. Nein. Sie müssen hier sogar stehen. Denn wir sind STOLZ AUF DIESE DEUTSCHE TÜR! Deutsche, wehrt euch gegen diese Baubehördendarsteller!“

BILD-Redakteure: „BAUBEHÖRDE HASST ALLE DEUTSCHEN!“, „HIER IST DER LEITER DER BAUBEHÖRDE NACKT ZU SEHEN!“, „BUMMELBEHÖRDE STELLT DEUTSCHLAND TÜREN IN DEN WEG!“

Vernünftige Menschen: „Ah. Die Tür freihalten. Ok. Ansage verstanden, ich stell mich dahinten hin.“

LIEBE SABINE, LIEBER TORSTEN,

liebe Querdenker:innen mit allen anderen Namen,

ihr macht euch Sorgen. Das ist verständlich.
Ihr spürt eine diffuse Angst, die euch 24 Stunden am Tag in den Nacken haucht und die einen manchmal etwas panisch und grimmig werden lässt. Das ist auch verständlich.
Diese Angst wandelt ihr irgendwo in eurem Inneren in eine sehr dämliche Wut um. Das ist insofern dämlich, weil ihr eure Wut rauslasst wie ein wildes Tier, das jahrelang in einen Käfig gesperrt war.

Diese Wut ist nicht mehr kontrollierbar.

Eure Wut macht Quatsch. Leider nicht den Quatsch, den man sich in ein paar Monaten oder Jahren anguckt und denkt: „Haha! Was war denn da los mit mir?“ Naja, egal. Das ist ja lange her….“.
Sowas wie dem Gastgeber einer Party ins Waschbecken kotzen oder sich in einer Hotellobby nackt ausziehen oder sich eine unmögliche Frisur zulegen. Was Harmloses.

Euer Wutquatsch ist nicht lustig, sondern gefährlich.

Ihr spielt nämlich leider mit dem Leben vieler und auch mit vielen Existenzen.
Das seht ihr natürlich genauso – doch euer Blickwinkel ist einfach nur das Gegenteil von den Fakten. Nicht wenige von euch denken, dass die Erde eine Scheibe ist. „Ja! Das stimmt! Das denken viele rund um die Welt!!!“.
Ihr geht auf Demonstrationen, um euch über die fehlende Meinungsfreiheit zu beschweren, sagt Quatsch wie: „Das ist hier in Deutschland schlimmer als in Nordkorea!“
Für so eine Aussage kommt man in Deutschland in einen Videoclip. In Nordkorea käme man für so eine Aussage für 20 Jahre in ein Arbeitslager. Das ist der Unterschied. Eure Wut macht euch blind.

Langsam aber sicher verwechselt ihr die Wahrheit, die auf Fakten beruht mit der Wahrheit, die z.B. ein Attila Hildmann, eine sehr gefährliche Eva Rosen oder ein Björn Banane durch Megaphone und Mikrophone in eure Denkwelt pusten.

Ihr randaliert mit Sprühdose. Das macht ihr wirklich: steht nachts auf, rennt durch die Stadt und sprüht Parolen in die Gegend. Anweisungen werden (aus euren Augen) verbessert. Aber in Wahrheit verschlimmert. Guckt euch mal an mit euren Schildern, angemaltem T-Shirts und holocaustrelativierenden Aufnähern.

Eine Frage, die ich euch stellen möchte – und die ihr euch vielleicht auch mal stellen solltet: Seid ihr vielleicht gar nicht wütend auf die Corona-Maßnahmen? Seid ihr vielleicht einfach wütend auf den Menschen, der euch letztens den Parkplatz weggenommen hat, auf euren Nachbarn, weil das Treppenhaus nicht ordentlich gewischt wurde? Auf den Elefanten im Zoo, weil der den Apfel, den ihr verfüttern wolltet, in den Matsch fallen ließ? Auf euer Kind, weil es gekleckert hat? Auf euren Hund, den Umzugsunternehmer, den Liter Milch?

Seid ihr vielleicht wütend auf euer Leben? Ist es das?

Was gerade passiert: Ihr entfernt euch aus der Gesellschaft, bleibt aber trotzdem die Nachbarin von X, der Arbeitkollege von Y, die Kindergärtnerin, der Lehrer, der Baggerfahrer, was auch immer.
Das zerreisst euch, ihr seid in einem System, in dem ihr euch eingesperrt fühlen werdet wie ein wildes Tier in einem Käfig. So werdet ihr zwangsläufig immer wütender. Auf alles. Auf jede und jeden. Die Spirale dreht sich nach unten.

Früher oder später wird man sich von euch abwenden.
Auch weil ihr zeigt, dass ihr leider nicht dazu geeignet seid, euch mit großen Themen zu beschäftigen. Wie soll man mit euch die Klimakatastrophe abwenden?

Die Pandemie wird im Herbst unter Kontrolle sein – ihr nicht. Vielleicht, weil ihr die Wut gut findet, weil ihr sie wollt, weil ihr sie braucht. So wie ein Junkie sein Crystal Meth.

Und das macht mir echt Sorgen.

Viele Grüße

SoBo

HALLO DEUTSCHLAND,

du bist ein tolles Land mit einer wunderschönen Landschaft, einer beeindruckenden Kultur, vielen tollen Bräuchen und sehr guten Eigenschaften.
Deine Berge sind schön, das Münsterland ist klasse, die Küste sowieso, dein Bier ist super. Oder Lübecker Marzipan. Und das Automobil. Und die Rechte erst. (Nein. Nicht die Rechten. Die sind scheiße.)

Das Demonstrationsrecht zum Beispiel ist ein hervorragendes und sehr wichtiges Grundrecht in Deutschland. Es ist sogar im Artikel 8 des Grundgesetzes festgeschrieben.
Es ist wichtig und richtig, von diesem Recht Gebrauch zu machen, weil dadurch die Demokratie geschützt wird.

Rechtlich spricht man übrigens nicht von einer Demonstration, sondern von einer Versammlung. Und seit der Föderalismusreform 2006 fällt das Versammlungsrecht in die ausschließliche Gesetzgebungskompetenz der Länder. Das Versammlungsgesetz des Bundes gilt gemäß Art. 125a Abs. 1 GG fort, soweit die Länder es nicht durch eigene Gesetze ersetzen. Die Länder können also selbst bewerten, wie sie eine Versammlung einschätzen.

Versammlungen unter freiem Himmel müssen in Deutschland nicht genehmigt, aber angemeldet werden. Und es gibt zum Glück kein Versammlungsverbot in Deutschland.

Es sei denn, die Versammlung gefährdet unmittelbar die „Öffentliche Sicherheit oder Öffentliche Ordnung“.

Das, liebes Deutschland, ist der Punkt: Heute, am 20. März 2021, wurde in Kassel „gegen die Maßnahmen der Regierung“ demonstriert. In Berlin auch, da wurde die Demonstration allerdings schnell aufgelöst.

In Kassel nicht.

Da wurde mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie, die die ganze Welt und natürlich auch dich als Land lähmt, die die Wirtschaft lahmlegt, die die Kultur ausbluten lässt und sehr viele Existenzen zerstört, die nebenbei schon sehr viele Tote gefordert hat, demonstriert.
An so einem Tag ist eine Versammlung von Coronaleugnern und sogenannten „Querdenkern“, welche die Pandemie leugnen, welche sich nicht an die vorgegebenen Maßnahmen wie z.B. die Abstandsregel oder das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes halten, nicht nur unglaublich empörend, sondern vor allem eines: gefährlich für die öffentliche Sicherheit. Und hätte niemals stattfinden dürfen. Oder sofort aufgelöst werden müssen.

Föderalismusreform hin oder her: Es kann nicht sein, dass der Hessische Verwaltungsgerichtshof eine Demonstration dieser offenen Demokratie- und Lebensgefährder nicht verbietet.
Denn der Hessische Verwaltungsgerichtshof lebt ja nicht unter einem Stein und dürfte mitbekommen haben, dass die ignoranten„Querdenker“ sich immer weiter radikalisieren.
Von den politischen Strömungen, die in dieser Gruppierung eine Heimat gefunden haben, mal ganz zu schweigen. Dadurch, dass diese – in Relation zur gesamtdeutschen Bevölkerung  wenigen Menschen sich versammeln, werden viele Menschenleben gefährdet. Und das geht nicht.

So eine Veranstaltungen ist so ein Superspreader-Event und wird sich auf das Infektionsgeschehen auswirken. Die Wirtschaft wird durch diese Demonstration noch länger leiden, es werden weitere Existenzen zerstört. Die Kultur wird weiter ausbluten. Jeder Schritt eines jeden Querdenkers auf so einer Demonstration ist ein Schlag mit der Spaltaxt. Das Land wird gespalten –  und es wird durch diese hirnverbrannten Idioten noch länger leiden.

Das Coronavirus kennt nämlich keine Ländergrenzen.

Wäre also vielleicht mal an der Zeit, durchzugreifen. Auch, um etwas des verlorenen Vertrauens in die Politik zurückzugewinnen.

Meinst du nicht?

Viele Grüße

dein SoBo

WAS MAN SEIN WILL. UND WAS MAN IST.

Nein. Ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid nur der ignorante, hässliche, schleimige und stinkende Bodensatz des Volkes.

Ätzende Krümel seid ihr. Ein paar lächerliche Döspaddel seid ihr. Nicht der Rede wert seid ihr.

Eure bunten Multifunktionsjacken kriegen mehr auf die Reihe als ihr. Ihr seid nämlich monofunktional. Und die einzige Funktion, die ihr habt: ganz ekelerregende Dummheit zeigen.

Ihr seid miese Knallwürste, die die Gesundheit des Volkes und der Nachbarländer des Volkes aufs Spiel setzen. Ihr seid die Kurzluntigen.

Mit eurem eingeschränkten Denkversuchen, eurem pubertären „dagegen“-Wutgestampfe und dem vorsätzlich ignoranten Verhalten pisst ihr allen Corona-Opfern aufs Grab oder direkt ins Beatmungsgerät.

Ihr verhöhnt Ärztinnen und Ärzte, ihr verteilt Backpfeifen an die Pflegekräfte. Und an die Kinder, die Alten, an eure Nachbarinnen und Nachbarn, an Kolleginnen und Kollegen. Kurz: An alle.
Und ihr findet das auch noch toll.

Ihr ruiniert die deutsche Wirtschaft, ihr riskiert noch längere Lockdowns mit noch schärferen Einschränkungen. Ihr zerstört Existenzen.

Warum?

Weil ihr euch aufstacheln lasst, weil ihr lieber irgendwelchen YouTube-Honks glauben wollt, als der Wissenschaft zu vertrauen. Weil ihr ganz armselige Mitläuferinnen und Mitläufer seid.
Ihr kriegt euer Maul nur auf, wenn ihr das Gefühl habt, viele zu sein.

Ihr seid aber nicht viele.

Ein lächerlicher Haufen Hirnamputierter seid ihr.
Ein bisschen laut seid ihr, die Mehrheit hört euch aber nicht.

Ein Teil von euch ist gewaltbereit – wenn ihr euch von diesen gefährlichen Typen nicht abgrenzt, nickt ihr der Gewalt zu. Ihr akzeptiert Gewalt. Aber ihr akzeptiert es nicht, eine Maske zu tragen und Abstand zu halten. Wie dumm muss man sein, um so zu denken?

Ihr seid der kleine hässliche Eiterpickel im System. Sobald MediaMarkt wieder aufmacht, geht ihr da hin und kauft euch neue Fernseher. Euch ist im Grunde genommen alles egal. Hauptsache alles schön bunt.

Wenn Morgen gegen Wildgänse demonstriert wird, geht ihr da hin.

Wenn Übermorgen gegen Sodbrennen demonstriert wird, geht ihr da hin.

Wenn nächste Woche gegen Wackelkontakte, gegen Handtücher oder gegen Autobatterien demonstriert wird, geht ihr da hin.

Weil euch egal ist, wofür ihr auf die Straße geht. Hauptsache, ihr könnt DAGEGEN sein.

Ihr seid für das Land, auf das ihr stolz sein wollt, so wertvoll wie ein Stück Hundekacke, das man sich mit einem
Stock aus den Rillen in der Schuhsohle kratzen muss.

Ihr seid die, die man mit „ihr“ ansprechen muss, um sich ganz klar von euch abzugrenzen.

Bei euch ist die Hoffnung verloren, ihr habt Bock auf die dritte und vierte Welle. Ihr seid der Abschaum des Landes, ihr seid seid das Allerletzte. Ihr seid eine Schande für Deutschland.

Das seid ihr.

Aber ganz bestimmt nicht das Volk.

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Ich weiß, dass ich jetzt sehr viel Gegenwind bekommen werde. Und ich weiß auch, dass viel zurückbeleidigt und diskutiert werden wird.

Diskutiert nicht mit mir. Diskutiert mit denen.

KANN ES SEIN, DASS ICH HODENKREBS HABE?

(Vorab:) Diesen Text wollte ich eigentlich auf der Bühne lesen. Bei meinem Auftritt, der seit über einem Jahr nicht stattfindet. Und ich habe ihn ein paar Verlagen geschickt – als Exposé. Für meine Buchidee: „Wenn Dann Sonst“
Ein Buch voller Sorgen und sehr peinlichen Momente, die ein immer ein kleines Fazit beinhalten. Von den Verlagen habe ich viele nette Absagen bekommen. Eine bemannte Marsmission ist momentan eher denkbar als ein Bühnenauftritt.
Deshalb kommt der Text jetzt einfach hier rein. Stellt euch einfach vor, dass ich ihn vorlesen würde.

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Hier am Küchentisch haben wir schon oft gesessen, Filterkaffee getrunken und geredet. Heute über Turnaufführungen, über Mehlschwitze und über klemmende Garagentore.

Und als wir da gesessen und redeten, und unseren Kaffee aus bedruckten Werbetassen tranken, sagte meine Mutter irgendwann nach einem Mehlschwitzetipp: „Ach so: Klaas, mit dem du in die erste Klasse gegangen bist, hat jetzt ja auch Hodenkrebs.“

„Oh.“

Man hätte mir mit einer Kneifzange jeden einzelnen Fingernagel rausziehen, oder mir den Arm mit einem stumpfen Schwert abhacken können, man hätte mir mit einem Backstein den Schädel einschlagen können – ich hätte nur dieses Ziehen in der Lendengegend gemerkt.
Krebs, das Superarschloch, das im menschlichen Körper wütet wie die AfD in der Demokratie, hat auch in meiner Familie und auch im Freundeskreis zugeschlagen. Es gab Diagnosen, es gab Leid, es gab ein paar kurze Momente des Glücks und es gab den erlösenden Tod.

In den nächsten Tage ist mein Gehirn auf die Größe einer dunklen Murmel zusammengeschrumpft und auf der Murmelbahn der Angst in den Abgrund gerollt. Immer wieder.
Und obwohl ich genau wie jeder andere Mensch genau weiß, dass man es nicht tun soll, habe ich es trotzdem getan: Ich habe mich auf knackendes Eis begeben und „Symptome Hodenkrebs“ in das Fenster der Suchmaschine getippt. 823873423462342389 Milliarden Ergebnisse in 0,0001 Sekunden.

„Stechende Schmerzen beim Pinkeln“.
„Ziehen im Hoden.“
„Trockene Haut am Ellenbogen.“
„Kratziges Husten, der linke Arm zwickt, man humpelt und schielt.“
„Eier so groß wie Wassermelonen und so schwer wie ein Ölfass.“
„Mach dein Testament. Du bist eigentlich schon tot.“ 

Lesen – schlecht fühlen – weiterlesen – absterben. Denn ich hatte natürlich jedes der acht Fantastilliarden Symptome. 

Meine nächste Suchanfrage war: „Wie groß können Wassermelonen werden?“ und „Urologe Hamburg“. Auch hier gab es erstaunlich viele Ergebnisse.
In meiner Nähe gibt es eine Praxis, der ich sofort eine locker formuliere Mail geschickt habe. „sofort locker formuliert“ bedeutet in dem Fall: „sechs Stunden dran rumgeschrieben, damit es nicht so heulig-verkrampft wirkt.“


„Hallo und guten Tag, 

ich würde gern mal einen kleinen Check machen lassen. (Bin Mitte/Ende 40 und es wird mal Zeit…)

Kann ich überhaupt einen Termin bei Ihnen bekommen? War noch nicht bei Ihnen, bin Kassenpatient,  wohne in blablabla, mein Hausarzt ist Dr. Sowieso und meine Hoden sind so groß wie Wassermelonen.

Freue mich über eine Nachricht, viele Grüße, 

Ihr SoBo“

Ob ich wirklich einen Urologen angeschrieben habe, oder ein Start-Up für Sportlernahrung, war mir nicht ganz klar. Denn auf der Urologen-Website haben mich drei durchtrainierte Schulhofschönheiten angegrinst – vielleicht Triathleten. Jung, dynamisch, erfolgreich, das Urologie-Studium mit Model-Jobs finanziert, immer Autos geleast und spontan mal nach Mailand gefahren. 
Ich war mir sicher, dass ich nie wieder was von denen hören würde, weil sie natürlich nur komplett durchtrainierte Erfolgsmenschen untersuchen. Immobilienmakler, Anwälte, Banker, Privatiers, Menschen mit Oldtimersammlungen, Urologen-Club-Mitglieder, so was. 

Aber allein das Abschickgeräusch der Mail hat mein Gewissen beruhigt, das Ziehen und Stechen in meinem Hodensack verschwand mit dem Whhhuuuush, mit dem die Mail in das Glasfaserkabel eingetaucht ist. Whhhhhhusssh – weg.

Wie gut wäre es, wenn man das mit allen Sorgen und Problemen machen könnte, die einem so das Leben versperren. Einfach aufschreiben, wegschicken. Raus aus dem Kopf. Raus aus dem Leben.
Stress mit dem Vorgesetzten: Tippen, Whhhhhhusssh – weg.
Abflussrohr verstopft: Aufschreiben. Whhhhhhusssh – weg.
Backpulver alle: Whhhhhhusssh – weg.
Liebeskummer: klicker-di-klacker-di-klack. Whuuuush – weg.
„Hallo WMF, mir ist Kartoffelpürree im Topf angebrannt. Den krieg ich nie wieder sauber.“ Aufschreiben. Losschicken. Scheiss auf den Topf.
„Ach ärgerlich, schon wieder gute Viertausend Euro im Dispo, aber die Uhr ist echt schön, die musste ich haben. Und mein Schuldenberg wächst.“ Whhhhhhusssh – welcher Schuldenberg?
„Liebes Mailprogramm, mir ist ein gigantischer Auftrag durch die Lappen gegangen, weil ich mich wirklich außerordentlich dumm verhalten habe. Jetzt fehlen der Firma 1.7 Millionen. Sorry.“ Aufschreiben, losschicken, egal. Und dann am nächsten Tag zur Arbeit und fragen: „Na, Jungs? Heute Mittag mal schön Currywurst?“
Es wäre so schön. Reset per Mail. Oder WhatsApp. Früher ging das nicht.

Ich konnte mich wieder um meine anderen Probleme kümmern, um mein ziemlich neues Fahrrad, ein petrolblaues, kompliziertes Biest aus Aluminium und Steckverbindungen und einem Riemenantrieb. Ein Rad, auf dem ich sitze wie ein Affe auf einem Schleifstein.
Und natürlich konnte ich mich um meine Familie kümmern und meinen Job und um Freunde, um meine anderen paar Millionen Sorgen.

Ein paar Tage später klingelte mein Telefon. Auf dem Display stand „Unbekannter Teilnehmer.“, bin aber trotzdem rangegangen. Am anderen Ende die Mensch gewordene gute Laune. „Haha, ja. Na klar können Sie.“
So fing unser Gespräch an. Und ich fragte mich natürlich, wem ich meine Nummer gegeben habe und in was für einem Zustand ich gewesen sein muss.
Warum werde ich angerufen?
Wer ruft einen heutzutage eigentlich noch an? Es gibt doch Mails. Und Nachrichtenkurzdiente. Und WhatsApp. 

Wie haben die Leute das früher im Wählscheibenzeitalter gemacht?
Das Schützengraben-Brakelit-Telefon, das schon im ersten Weltkrieg an der belgischen Front im Einsatz war, hängt im Flur, das Kabel ist nur 1.5 Meter lang, der Hörer 8 Kilo schwer. Und dann wählt man eine Nummer – am besten noch eine mit Vorwahl. Insgesamt 46 Zahlen.
Das dauert ein paar Minuten und die Finger nutzen sich davon ab wie Tafelkreide. Vieltelefonierer der 70 und 80er Jahre hat man an den sehr kurzen Fingern erkannt, abgeraspelt an der Wählscheibe. Und am schiefen Gang. Der kam von den verkürzten Halssehnen – vom Hörereinklemmen, wenn man diese ellenlangen Nummern aufschreiben musste.

Und dann wählt man sich sechzehn Stunden lang die Fingerkuppen ab – und es ist besetzt. Und man versucht es nochmal. Und nach vielen Neumonden und Winterschlussverkäufen geht ein genervter Vater ran und bundeswehroffiziert ins Telefon. „Schmidt!“. Und allein diese Stimme pulverisierte die Wirbelsäule, man sackt zusammen und wollte doch eigentlich so dringend die 14jährige Nina sprechen. Und das Knacken in der Leitung klingt so als würde im Hintergrund eine Schrotflinte durchgeladen. Und dann: „Ich – äh – äh – äh – äh…“
Tuuuuut – Tuuuuuut – Tuuuuuut.

So sind viele Teenie-Romanzen gar nicht erst entstanden. Wie viele Beziehungen wurden durch Wählscheibentelefone verhindert? Wie viele Kinder nicht geboren? Wie viele Familienwagen nicht gekauft, wie viele Einfamilienhäuser nicht gebaut?
Die leeren Liegen am Pool in Spanien sind die Mahnmale für die verhinderten Ehen.
Heute geht das ja ganz einfach. Tinder. WhatsApp. „Bock auf Poppen?“ „Klar, komm rum, bring noch ein paar Freunde mit. Dann legen wir los. Wir streamen den Porno direkt ins Netz, unsere Lehrer gucken auch zu.“ „Gut, bis gleich.“

Ich wusste immer noch nicht, wer da am anderen Ende war und gute Laune versprühte.
„Sie können nächsten Dienstag um 8:30 vorbeikommen. Adresse haben Sie ja, wir freuen uns auf Sie.“

Diese Information spürte ich sogar in meinem Testikel.
Es bimmelte im Hodensack. Klar. Der dynamische Urologe. 

Frisch geduscht, ohne Frühstück, ein bisschen angeschwitzt vom Radfahren bin ich da am nächsten Dienstag aufgeschlagen. Etwas früh, ich war um 7 da. Und ich war so aufgeregt wie vor der entscheidenden Abi-Klausur.

Drinnen war alles wirklich sehr modern – so wie es die Website versprach. Eine Mischung aus Raumschiff, Fashion-Store und Berliner Start-Up. Und ein bisschen Arztpraxis. Modernste Computer, auf dem Tresen aus Tropenholz standen Duftstäbchen, die den Duft „ultimate Relaxation“ verteilten. Zimt-Vanille-Koriander mit einer leichten Lavendel-Note. Dinge, die man sich nicht mal als Duftbaum in vollgequarzten Opel Kadett gewünscht hätte.
Die Mitarbeiter trugen weinrote Uniformen, das Wartezimmer war voll und mir wurde noch schnell ein Angebot gemacht. „Das kleine Programm oder für einen Aufpreis von 189 Euro das Große.“
Ich habe das Große genommen, damit ich die komplette Gewissheit haben würde. Inklusive Ultraschall.

Als ich da im Wartezimmer saß, bin ich alle 823873423462342389 Milliarden Einträge von Google durchgegangen. Und war gerade bei Eintrag Nummer 63 („habe gehört, dass einem bei Hodenkrebs auch die Füße abfaulen sollen.“), als mein Name aufgerufen wurde.

Zunächst wurde ich durch ein Labyrinth geführt und auf einen Stuhl geschnallt. Mir wurde eine Kanüle von der Größe einer Straßenlaterne in die Vene gerammt. Ungefähr 30 Liter abgezapftes Blut später wurde ich ins Zimmer geholt. Blass. Zittrig. Nassgeschwitzt.

Ärzte.

Das Bild, das man im Kopf hat, wenn man „Arzt“ hört, ist ein alter Mann in einem Kittel. Gern mit Halbglatze. Und vielleicht nur mit einem Arm – es war ein Schrapnell an der Ostfront. Oder eine liebevolle Arztomi, die einem erzählt hat, dass ihre Enkel jetzt auch schon in die zwölfte Klasse gehen.
Der Blick auf diesen sehr durchtrainierten Mann, der jetzt mit wehendem Kittel und weißen NIKE Air-Schuhen reingetanzt kam, ließ mich nochmal um ein paar Jahre altern. Obwohl ich ihn schon vom Foto der Website kannte – ein Discotyp. Zwei Meter groß, geschmeidige Bewegungen, perfekte Zähne. Der einzige Makel war die etwas zu große Nase. Spitz und gefährlich, wie ein Raubvogelschnabel.

„So, herzlich Willkommen beim Eier-TÜV. Erzählen Sie mal.“
Dann gab er mir die Hand. Kann aber auch sein, dass ich einer hydraulischen Rettungsschere mit einer Quetschkraft von 120 Kilonewton die Hand gegeben habe. Die Abdrücke davon sind noch heute zu sehen.
Ich habe erzählt, dass es mir nicht gut geht, dass ein Klassenkamerad aus der ersten Klasse Hodenkrebs hat.“

Während er mir die ersten beiden Frage gestellt hat, hat er auf das Klemmbrett vor sich geguckt und mit einem hellblauen Kugelschreiber Notizen gemacht.
„Zieht es beim Wasserlassen?“ und „Haben Sie etwas Ungewöhliches ertastet?“
Bei der dritten Frage hat er mir ins Gesicht geguckt. Vielleicht hat er aber auch gezielt… „Haben Sie gegoogelt?“ 

Meine Antworten waren: „Nein“, „Nein“ und „Äh.“

Sein Blick. Dieser Blick. Wissen und Enttäuschung. Es war ihm klar. Ich war auch so einer.
„Gut. Stellen Sie sich mal hin – Sie kennen das noch von der Musterung. Bitte ziehen Sie die Hose runter.“
Er zog sich Latexhandschuhe an, die Handschuhränder  knallten auf sein Handgelenk – und dann stand ich da. Mit runtergelassener Hose.
„Husten sie mal.“ Öchel.
„Und jetzt gehen Sie mal zur Liege rüber.“ Wackel. Ich bin dann so rübergeschlendert wie wenn man schnell zur Tür muss, weil es geklingelt hat, man aber gerade gemütlich auf dem Topf saß.

„Legen Sie sich bitte mal auf den Rücken.“
Natürlich habe ich mich auf den Bauch gelegt.
„A-u-f d-e-n R-ü-c-k-e-n.“
„Haha. Morgens höre ich noch nicht so gut.“
„Ja. Und mich kosten Sie nur Zeit.“

Ich war mir sicher, dass er mir jetzt mit seinem Schnabel ins Gesicht hacken würde. Um mir, dem schüchternen Küken, das gegoogelt hat und das auf der Schlachtbank vor ihm lag, die Augen auszuhacken. Hack! Hack! Hack! Und bei jedem Stoß würde er mir vorwerfen, dass Leute wie ich ihn nur Hack! Zeit Hack! kosten Hack! würden. Hack!

Hack! Hack! Hack! Blut! Fleisch! Schmerzen. Aber immerhin müsste ich die blutenden Wunden und die Fleischfetzen nicht auch noch sehen müssen – weil ich ja keine Augen mehr haben würde.

Ich lag da. Meine Augen zugekniffen, mein Glied wie eine welke Blume. Eine Lilie, die schon alle Blätter verloren hat. Schlaff, in sich gekehrt. Totes Fleisch, von weicher Haut umhüllt. Ein Souffleé, das implodiert ist.
Er hat mir dann auf den Bauch gespritzt. Kalten Glibber – und ist mit dem Ultraschallgerät über meinen Bauch gefahren. Über meinen blassen Bauch, der aussieht wie ein Mozarella, der vor ein paar Monaten hinter den Herd gerollt ist. Und dann hat er auf den Bildschirm gezeigt, wo ein schlechtes Satellitenbild der Alpen zu sehen war. Oder ein Computerabsturz. Auf eine kleine Bohne hat er gezeigt und gesagt: „Niere gut. Blase gut. Hier ist alles in Ordnung.“

„Bitte drehen Sie sich auf die Seite.“

Uuuuumpf.

Die U-Boote der Klasse 212 A sind die modernsten U-Boote  der Deutschen Marine. Sie sind weltweit die ersten außenluftunabhängigen Boote, deren Antriebsanlage für Tauchfahrten auf Brennstoffzellen basiert.
Ein U-Boot der Klasse 212A ist 56 Meter lang, 7 Meter breit und elfeinhalb Meter hoch.

Und so eins wurde mir jetzt, nachdem es kurz in Vaseline getaucht wurde, rektal eingeführt.

Als ich da lag, war ich ein schwitzendes, unterzuckertes Wrack mit einem U-Boot im Leib. Und das war genau der Moment, in dem ich daran denken musste, dass ich ja am Vortag Lauchsuppe gegessen habe.

Nachdem er noch ein bisschen in mir rumgewühlt hatte, sagte die fröhliche Stimme, dass bei mir alles in Ordnung ist.
Er holte eine Rolle Haushaltspapier von 1941, kann auch Raufasertapete gewesen sein, dann durfte ich mir das Gleitgel am Hintern abwischen. Ich stand da sprachlos mit heruntergelassener Hose, beschämt, mit Haushaltspapier in der Hand. Und dann sagte er: „Ist ok. Machen Sie mal.“
Und dann habe ich mir den Hintern abgewischt. Es war furchtbar. Er sagte noch, dass ich mal meine Sitzposition beim Fahrrad überprüfen sollte. Das könnte eine Ursache für die Schmerzen sein.

Ich war heilfroh. Nicht nur weil ich mich überwunden hatte und beim Arzt war. Auch weil bei mir alles bestens ist. Vor allen Dingen war ich erleichtert, dass ich den Mann nicht auch noch mit einem Lauchsuppenfurz angepustet habe.
 
Ein paar Tage später habe ich meinen kleinen Sohn vom Turnen abgeholt.
Und als ich da mit vielen anderen Eltern in der Umkleidekabine stand und meinem Sohn beim Umziehen assistiert habe, ging die Tür auf und jemand kam rein. Auf klackernden Radschuhen, mit Radhelm und Radklamotten. Er guckte durch den Raum, suchte jemanden, unsere Blicke haben sich getroffen. Wir haben uns aber nicht sofort erkannt.
Hätten sich nur sein U-Boot-großer Zeigefinger und mein Poloch getroffen, hätten sie sich ganz schnell und unverbindlich gegrüßt.
So war es eine Mischung aus: „Ich will echt keine Patienten in meiner Freizeit sehen“ und „Oh Nein! Das ist so peinlichpeinlichpeinlich!“

Tja. Das war schlimm. Aber: Kein Hodenkrebs.

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WENN man das Gefühl hat, dass was mit einem nicht stimmt, sollte man nicht bei Google gucken. Oder Nachts halbgare Eigendiagnosen ins Kopfkissen schwitzen.

DANN sollte man zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Man bekommt eine Diagnose (die in meinem Fall glücklicherweise gut war.). Das Schlimmste, was passieren konnte: diese hochpeinliche Situation. Aber auch sowas geht vorbei – und wird irgendwann von anderen (vielleicht noch peinlicheren) Situationen überlagert.

SONST dreht man irgendwann wirklich durch und taucht in eine dunkle Abwärtsspirale. Und das ist dann irgendwann nicht mehr so lustig. Ich habe das Fahrrad, auf dem ich gesessen habe wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, verkauft – und mir ein neues, gemütliches Fahrrad zugelegt.
Und es ist alles besser geworden. 

SOCIAL MEDIA

Die sozialen Medien gehören mittlerweile zum Alltag wie die FFP2-Maske. In regelmäßigen Abständen ploppen neue Kanäle und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten auf, die von den Communities gehassliebt werden wie eine Tüte Chips, die man sich beim Binge-Watching reinzieht. Hier eine kleine Übersicht.
(Quelle: Internet.)

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Facebook ist das Altenheim der sozialen Medien. Verknöcherte Gichtfinger hämmern hier größtenteils Inhalte in die Tastatur, in denen aufgezeigt wird, was früher alles besser war.
Kommentarspalten werden mit Lachsmileys und Denken geflutet, das so fortschrittlich ist wie ein VHS-Recorder. „Wisst ihr noch? Damals, der Rübenkaffee 1945 / 46. War gar nicht so schlecht.“ und „Unter fünf Liter spricht man nicht von Hubraum!“
Facebook hat mittlerweile das Image von Phil Collins in seinen schlechtesten Zeiten oder einer juckenden Geschlechtskrankheit. Über 31 Millionen Leute sind aber immer noch hier. „Aber nur wegen der Nachrichten.“

Instagram ist der Spiegel im Flur, in den man guckt, bevor man rausgeht, den Schal noch ein bisschen zurecht zupft und die eine störrische Haarsträhne hinters Ohr klemmt.
„Passen die Schuhe zum Gürtel? Ist der T-Shirt-Kragen gut so? Was ist mit der Tasche? Soll ich nochmal tauschen…..Moment….“
Für viele ist es auch der Spiegel, der über dem Bett hängt, in den man guckt, während man es sich selbst macht. „Och ja, ich würde mich ja selbst f***en.“
Auf Instagram sind die Leute, die nicht mehr auf Facebook sind, weil Facebook ja eine miese Datenkrake und Instagram ja viel geiler ist. Dass Instagram = Facebook ist, wird geflissentlich wegignoriert und hinters Ohr geklemmt wie eine störende Haarsträhne.

YouTube ist für die einen das eigene Medienimperium, wo man zu einer Mischung aus Rupert Murdoch, Markus Lanz und Tim Mälzer wird und sich mit ganz neuen Formaten selbst verwirklichen kann. „Guck mal, schon 39 Views für meine Panflöten-Bauanleitung aus Strohhalmen und Kabelbindern.“
YouTube verhält sich in den allermeisten Fällen zu einem professionellen Medienunternehmen wie ein Lego Duplo-Starter-Set zu einer 30 Quadratmeter großen Platine der NASA.
Für sehr viele andere ist YouTube die TV-Fernbedienung mit Drölfundachtzig Milliarden Tasten und Kanälen.
Jetzt Drölfundneunzig.

TikTok ist die kleine Dose Red Bull.
Der schnelle visuelle Experimentierkasten mit Häppcheninhalten, die irgendwo zwischen Hirnrinde und Auge passen.
Alles ein bisschen bunt und klebrig und schnell wegkonsumierbar.

Vimeo ist das ARTE der Videoplattformen.
Wie ein Abendessen bei einem Architektenpaar, das nur japanischen Geheimtipp-Jazz aus einer High-End-Anlage mit Boxen aus der schwäbischen Boxen-Manufaktur hört und wo es zu kanadischem Räucherlachs Gespräche über das Feuilleton aus der NY Times gibt.

Twitter ist die Bare-Knuckle-Kampfarena für Leute, die sich größer und wichtiger fühlen als sie sind.
Hier gibt es einfach straight aufs Maul. Egal, von wem. Egal, für was.

LinkedIn ist der Mittvierziger, der nochmal durchstartet und sich fühlt wie ein Mittzwanziger, der schon so viel Plan hat wie ein Mittvierziger.
Kein Alkohol, keine Drogen, kein Fleisch, kein Zucker mehr. Nur noch sanft aufgebrühten Tee und das Surfcamp in Portugal. Und Yoga.
Und der einem ungefragt vom Lebenswandel und den neuen Projekten erzählt. (Eine App, die ausrechnet, welche Wellen an welchem Strand gut für dich sind. In Bezug auf Gewicht, Können und Körpergröße, dazu gibt es echt gute Ernährungstipps für schlappe 10,99 € im Monat.)

Snapchat ist der kleine Laserpointer, mit dem man Katzen ärgert. Die armen Viecher (User:Innen) hechten einem visuellen Reiz hinterher und zack – ist der auch schon wieder weg.

Clubhouse der exklusive norwegische Coffee/Barbershop-Geheimtipp, wo man beim Warten auf den Kaffee (die Bohnen werden mit einem handgeschmiedeten Bohnenlöffel aus einer alten norwegischen Fischerdose in einen Steinmörser gelegt und da langsam mit einem Walzahn gebrochen und gemahlen) echt suuuuuuuperinteressanten Gesprächen lauschen kann.
Und der bald wieder schließen wird.

Xing ist der Typ im Karohemd auf der WG-Party, der sich gerade die achte Portion Kartoffelsalat vom Buffet auf seinen Teller schaufelt und der nach dem elften Bier die Flasche Hela-Curry-Ketchup ext.

Pinterest ist die vollgeklebte Kühlschranktür von Lisa in ihrer ersten Wohnung. Voller schöner Farben, Sofas und Sonnenuntergänge, die von halblustigen Kühlschrankmagneten festgehalten werden.

Fax machine ist beliebteste social Media-Tool für 80 % aller Deutschen. Allerdings ganz modern mit Thermopapier.



DIE LISTE.

Eine hübsche Lautsprecherstimme rief mich persönlich auf und befahl mir, mich in Raum 328 einzufinden. Und da saß ich jetzt, vor mir eine Mittvierzigerin, die sich ziemlich erfolgreich für Anfang dreißig hielt. Im Ohr hatte ich immer noch das Quietschen der Gummisohlen auf dem blau marmorierten Linoleumboden, mit dem der schätzungsweise vier Kilometer lange Flur ausgelegt ist. Routiniert, für mich und mein zartes Gemüt etwas zu routiniert, reichte sie mir eine Liste, stellte eine Stoppuhr auf und spulte ihren Text herunter.

„Hier die Liste. Suchen Sie sich was aus.“

„Irgendwas?“

„Ja.“

„Also einfach so irgendwas?“

„Suchen sie sich ganz einfach irgendwas aus.“

Ihr Blick erfasste jede meiner Körperzellen. Sah sie jeden so durchdringend an? Schielte sie leicht? Quietschen Ledersohlen auch auf Linoleum? Was würde mich hier überhaupt erwarten? Langsam begannen meine Nieren, die erste kleine Einheit Adrenalin in meine Blutbahn zu pumpen. Sie startete die Stoppuhr.

„Gut. Ich lass Sie jetzt allein, in ziemlich genau einer Stunde bin ich wieder da.“

„Danke“

„Oh. Gern geschehen“.

Wir sahen uns einen Moment lang in die Augen. Ihr Blick wollte mir verraten, dass sie frischem Welpenfleisch nicht abgeneigt war. Sie schient auch gern kleine Kinder zu treten.

„Gut. Ich fang dann einfach schon mal an zu blättern“.

Fragte sich nur, womit, denn meine Hände waren jetzt so schweißdurchflutet, dass ich sämtliche Bewässerungsprobleme aller Wüstenstaaten der Welt allein durch die Nähe meiner Fingerkuppen hätte lösen können.

„Sie haben noch exakt 58 Minuten und 26 Sekunden“, sagte sie, ohne auf die Uhr zu gucken.

Sie drehte sich um und schlüpfte durch den Türrahmen nach draußen. Die Tür, feuerfest, hellgrau und schätzungsweise mehrere Tonnen schwer, war auf dem besten Weg, ins Schloß zu schnappen und erst nach einer Stunde wieder geöffnet zu werden.

„Äh…“

Wortlos sah sie sich um und warf mir einen Blick zu, der die gesamte Fauna ausrotten konnte.

„Ich wollte nur noch kurz wissen, ob ich eine Sache oder mehrere, also ich meine muss ich…“

„Eine Sache. Sie haben jetzt noch genau 57 Minuten und elf….zehn….neun….Sekunden, um sich eine einzige Sache auszusuchen. Eine Sache, 60 Minuten. So wie es im Vertrag steht, den sie eben gerade unterschrieben haben. Da stand drin, dass sie heute hier sind, um sich eine Sache auszusuchen, die ihr Leben verändern wird. Und da stand drin, dass sie, sobald sie diesen Raum betreten und die Liste vor sich liegen haben, genau sechzig Minuten Zeit haben, sich diese eine lebensverändernde Sache auszusuchen, die wir dann für sie umsetzen werden. Eine Sache. Eine. Noch Fragen?“

Klack. Dann fiel die Tür ins Schloss.

In mir hatte ich das gesammelte Selbstvertrauen eines kleinen Jungen, der gerade beim Bonbonklauen erwischt wurde.
Jetzt war ich allein in diesem Raum. Allein mit dem Tisch, auf dem der Wecker stand und dem Katalog. Die Sekunden verstrichen. Und noch mehr Sekunden verstrichen. Dann erst schlug ich die erste Seite auf. Das Umblättern rang mir mehr Kraft ab als ich für einen Marathon gebraucht hätte – den Mount Everest rauf.
Die Worte, auf dem Papier der ersten Seite waren noch dabei, sich durch meine Pupillen zu zwängen und den Weg in mein Gehirn zu suchen, als meine Gedanken abschweiften. Ich musste an die Anzeige denken, auf die ich mich zwei Wochen vorher beworben hatte.

Unter der Rubrik „Sonstiges“ stand: Machen Sie mehr aus sich!. In nur einer Stunde können Sie bei uns Ihr Leben verändern. Anruf genügt. INSAS Institut, Böblingen

Ich hatte damals überhaupt nichts zu tun und rief da an. Job weg. Freundin weg. Auto weg. Freunde weg. Freude weg. Alles weg. Nur die Langeweile, die auf mir lag wie ein Zementsack, war da. So konnte es nicht weitergehen. Also rief ich da an.

Erstaunlicherweise bin ich gleich durchgekommen und das größte Wunder war, dass sie mich tatsächlich eingeladen haben. Nicht mal die Fahrt musste ich bezahlen.

Und jetzt lag sie vor mir: Die Liste.
Darauf standen die Dinge, aus denen ich eine Sache auswählen musste. Eine Sache. Eine. Nicht mal mehr 40 Minuten.

Also was nehm ich?

Ein Matschauge für den Rest des Lebens?
Einen nervenden Nachbarn, der immer mit einem umzieht?
Hypochondrie?
Chronisch Pleite sein?
Faulige Füße?
Jemanden aus versehen töten?
Eine Psychose?
Zu viel Geld?
Neider?
Ständiger Misserfolg?
Vergessen werden?
Eine sehr schwache Blase?
Cotton Eye Joe als Dauerohrwurm?
Angst vor Türen?
Immer zu spät sein?
Jeden Monat einen Wohnungsbrand?
Gedanken lesen können?
Nie wieder richtig verstanden werden?
Immer das falsche kaufen?
Immer falsch abbiegen?
Immer über das Falsche lachen?
Nur unfreundliche Menschen, die einem begegnen?
Nie wieder zufrieden sein?
Die Sorgen eines anderen?
Immer betrogen werden, egal, was ich mache?
Sehr unangenehmer Körpergeruch?
Jedes Fettnäpfchen mitnehmen?
Das Gefühl verlieren?
Süchtig nach DIN A 3-Papier sein?
Perfekter Perfektionismus?

Nicht mal mehr fünf Minuten.

Vielleicht sollte ich einfach die Unentschlossenheit nehmen.

Oder?