ONCE AGAIN.

(Luna Reyes Segura tröstet einen entkräfteten Geflüchteten aus dem Senegal.)

Vor ungefähr 3,8 Milliarden Jahren war unser Planet ein wütend-verkrustetes, Feuer spuckendes Gebilde, aus viel Wasser und wenig Land, das aus dem All mit Meteoriten beschossen wurde.
Trotzdem hat sich in dieser unmöglichen Umgebung eine Urbakterie gebildet.
Als genügend Sauerstoff da war, konnte es losgehen.

Irgendwann sind ein paar Zellen durchs Meer geschippert und haben sich mehr oder weniger per Zufall zu einem winzig kleinen Zellmatschhaufen zusammengetan.
Es hat noch sehr viele Millionen Jahre gedauert, bis aus diesem kleinen Zellmatschhaufen ein größerer Zellmatschhaufen werden konnte.
Aus etwas gallertartiger Masse wurde ein größerer Bio-Popel, den die Evolution irgendwo hingeschnippt hat.

Millionen Generationen später ist aus dem Haufen eine Art Schwimmdings geworden, das sich fortbewegen konnte.
Ein paar Millionen Jahre später hieß es für die Zellklumpen: „Joa, ganz cool im Meer, aber lass mal gucken, was am Ende des Wassers ist.“

Ein paar mutige Fischwesen haben sich an den Strand spülen lassen und sind elendig verendet. Von der Sonne gebraten, erstickt, ausgetrocknet. Die stärksten und fittesten sind zurück ins Meer, haben sich fortgepflanzt und sich über Generationen und Generationen Gliedmaßen und eine Art Sauerstoffverarbeitungssystem verpasst.

Die gliederfüßigen Luftverarbeitungsklumpen haben sich aus dem Meer gewuchtet, sind an Land, von Pfütze zu Pfütze, haben sich zögerlich vermehrt und sind gewachsen.
Alles, was sie dafür brauchten, war da: Zucker, Fettsubstanzen, Aminosäuren, Nukleotide.
Und genügend Sauerstoff ja sowieso.

Von da an ging alles ganz schnell: Algen, Quallen, Pflanzen, Fische, Vögel, Saurier, Echsen, Schalentiere, Schlangen, die Entwicklung ging in alle Richtungen. Einen großen Einschnitt gab es in der Kreidezeit, die Dinosaurier, die bisherigen Könige der Schöpfung, sind ausgestorben.
Zack, weg. Jurassic Park war zu Ende, bevor es richtig angefangen hat.
Es hat sich aber schnell Neues gebildet: Glitschwesen, Komodo-Warane und irgendwann haben ein paar Zellen eine Abkürzung Richtung „Affe“ genommen.

Und kurz danach die ersten Menschen.

Das Feuer wurde beherrscht, die Sprache entwickelt, Daumen genutzt. Innerhalb kürzester Zeit wurden Werkzeuge erfunden. Das Rad kam, Landwirtschaft. Boote wurden erfolgreich zum Schwimmen gebracht, Tiere domestiziert, Waffen entwickelt, Suppen gekocht, Pyramiden in den Sand gebaut.
Völker, Kulturen und Religionen erfunden. Kleidung, Schriften, Medizin, Kriege, Geld, Fahrzeuge. Demokratie, Musik, Schauspiel, Lyrik und Gedichte.

Dem Erfindungsreichtum waren zu keiner Zeit Grenzen gesetzt.

Elektrizität. Licht. Telefon. Buchdruck. Banküberfälle. Rassismus. Theaterstücke. Penizillin. Raumfahrt. U-Boote. Fernseher. Kuckucksuhren. Flugzeuge. Versicherungen. Glas. Briefmarken. Krankenhäuser. TV-Shows.

Und alles andere auch.

Alle möglichen und unmöglichen Maschinen wurden ausgetüftelt. Und Maschinen, die Maschinen bauen können.
Vom ersten Auto bis zum Spurhalteassistenten war es nicht mal ein tausendstel eines Wimpernschlages.
Kino, Rasenmäher, Schlaghosen, Röntgengeräte. Satelliten. Spargelschälapparate. Taschenrechner. Computer. Smarthphones. Internet. 

Mit dem Internet kamen die Lachsmileys.

Wenn man der klumpigen Masse, die vor ein paar Milliarden Jahren mit aller Mühe an Land gewuchtet hat, mal zeigen würde, wie zynisch und ekelhaft viele Menschen heute im Internet reagieren, wie sie ihre Unzufriedenheit, ihre ätzende Wut ablassen, zum Beispiel wenn sie gegen Fakten „argumentieren“, wenn sie Menschen grundlos beleidigen, weil diese nicht in ihr enges Weltbild passen oder wenn sie sehen, wie die junge Flüchtlingshelferin Luna Reyes Segura einen entkräfteten Geflüchteten aus dem Senegal tröstet, würde die klumpige Masse alle Versuche, ein Landlebewesen zu werden, bleiben lassen.

Oder sie würde alle ihre Entwicklungsenergie bündeln und sich einen über mehrere Millionen Jahre perfektionierten, sehr starken Arm wachsen lassen und diesen erbärmlichen, widerlichen Idioten mal gründlich auf die Fresse geben.

Und zwar jedes Mal, wenn sie einen zynischen Lachsmiley verteilen und sich freuen, wenn es jemandem schlecht geht.

Lachsmiley – Patsch. Lachsmiley – Patsch. Lachsmiley – Patsch.

Jedes Mal.

Bis diese Leute so weit sind, dass sie sich freiwillig zum kleinen Zellmatschhaufen zurückentwickeln und noch mal von vorne anfangen.



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