Ich war schon mal lustiger.

Guten Tag,

wir schreiben das Jahr 2007 und ich bin jetzt offiziell Blogger. 

Ok. Ich sehe gerade, dass ich mich vertan habe: wir haben das Jahr 2019 und ich hinke dem Trend ungefähr 8 Jahre hinterher. Egal.
Alle sind jetzt Influencer oder züchten Tomaten – und ich kritzel tatsächlich hier in diesem Blog rum auch wenn es so anfühlt als würde ich meine Gedanken in eine Steintafel meißeln, sie per Fax an Horst Seehofer schicken, der sie auf Thermopapier ausdruckt und per Telegramm ins Internet bringt.

„Früher warst du echt mal lustiger“ höre ich immer häufiger. Das ist eine wunderbare Mischung aus Kompliment und Enttäuschung.
Die Wahrheit ist: Ich bin nicht nur nicht mehr lustig – ich bin langweilig und peinlich. Und nicht ganz dicht.
Sagen zumindest viele Menschen, die mir nahe stehen. 

Wenn ich nicht nerve und mich in die gesellschaftlichen Themen einmische, lehne ich schmollend an einer Wand und überlege, einen Podcast zu machen. Den bringe ich dann pünktlich im Herbst 2073 raus.

Ach so: rechnen kann ich auch nicht. 

IHR SEID TOLL!

Ihr geht einkaufen und tragt eure Maske, als wäre nichts gewesen. Maske? Hä? Welche Maske überhaupt?
Ihr probiert neue Rezepte aus und spielt viel mit euren Kindern. Lego, Backgammon, Schach, die Siedler von Catan, alles, was es gibt.
Ihr topft eure Zimmerpflanzen um, ihr telefoniert viel und schreibt.
Und ihr malt Bilder. Warum auch nicht?

Ihr würdet sehr gern in eure Lieblingskneipe gehen oder in den Club, der seit Monaten geschlossen ist, aber ihr seid geduldig. Die ausgelassenen Abende in eurem Lieblingsrestaurant? Tja. Lange her. Lange hin.
Ihr denkt viel nach, kalibriert eure Ansprüche – und wenn es euch zu viel wird, putzt ihr auch mal unterm Herd.

Außerdem lest ihr Bücher und guckt die Serien, die ihr schon lange mal gucken wolltet. Ihr repariert ihr eure Fahrräder, ihr macht euch natürlich Sorgen. So wie alle.

Ihr seid im Home-Office und versucht zu arbeiten, während ihr gleichzeitig die LehrerInnen eurer Kinder seid und versucht, irgendwie eine Normalität herzustellen. Kostet viel Kraft – und die bringt ihr auf.
Ihr wisst, dass dieses Jahr wohl kein Urlaub drin ist und dass sich gerade echt viel verändert. Wie es im Job weitergeht? Wisst ihr nicht. Eure Existenz ist mindestens gefährdet. Was kommt nach der Kurzarbeit? Was sind nächste Schritte?

Ihr seid kritisch, ihr hinterfragt, es juckt euch in den Fingern – aber ihr seid geduldig. Ihr lasst euch nicht von der diffusen Angst anstecken und glaubt nicht jeden Quatsch.

Ihr glaubt aber, dass ihr euren Teil beitragen könnt. Ihr fragt eure Nachbarn, ob ihr ihnen irgendwie helfen könnt, ihr werdet gerade Hobby-Ornithologen oder backt Brote aus Sauerteig. Ihr versucht, Dinge besser zu machen, statt schlechter.
Wenn man euch beschimpft, lächelt ihr und denkt euch euren Teil.

Ihr seid schlau. Ihr seid die Guten. Ihr seid die Wichtigen. Ihr seid empathisch. Ihr habt sehr große Herzen, überhaupt: Ihr seid großartig!

Und wisst ihr was? Ihr seid nicht allein.
Ihr seid nämlich der Großteil der deutschen Bevölkerung. Von euch gibt es sehr viele. Zum Glück!

Danke dafür, dass ihr so seid, wie ihr seid.

GEHEN, WUT MITNEHMEN.

„Und in China haben sie Babys obduziert, die hatten Kaulquappen in der Lunge und Bill Gates will die Weltmacht und 5G braucht er, um Kinderblut zu trinken und deshalb soll die Bevölkerung auf 500 Millionen dezimiert werden. Tankstellen sollen zu Kinderblutzapfsäulen umfunktioniert werden. Stecken die Juden hinter, war ja klar. Nur Trump ist dagegen, deshalb braucht er auch keine Maske. Steht alles auf den Steintafeln. Ist die neue Weltordnung.“

Ihr denkt euch lieber eigene Wahrheiten aus so wie kleine Kinder sich selbst Witze ausdenken. Nur dass man über euren Scheiss nicht im Ansatz lachen kann. Niedlich ist es auch nicht, wenn ihr den Mund aufmacht.
Im Gegenteil: Man belächelt euch so lange, bis man einen Würgereiz unterdrücken muss. Weil ihr schwurbelt. Und weil ihr euren Gedankenquatsch gern mit Wut, Rassismus und Antisemitismus anreichert, seid ihr auch noch brandgefährlich. Ihr seid krank unter eurem Helm.
Ihr ekelt das ganze Land an.

Ihr erfindet eigene Wahrheiten, weil ihr die Realität nicht akzeptiert. (Vom Coronavirus und all den Auswirkungen mal ganz abgesehen.)
Dass es eine Bundesrepublik Deutschland gibt, akzeptiert ihr nicht.
Dass es eine Regierung gibt, akzeptiert ihr nicht. Dass es eine kapitalistische Gesellschaft gibt, akzeptiert ihr nicht. Schlaglöcher? Kochsahne? Migrationsbewegung? Straßenlaternen? Massentierhaltung? Klimawandel? Nazis? Forschung? Wissenschaft?
Gibt es für euch alles nicht. Lehnt ihr ab.

Für euch gibt es nur das krumme Denken in euren zersetzten Gehirnen. Und mit dem kruden Scheiss, den ihr absondert, steckt ihr andere Menschen an. Ihr seid viel schlimmer als das Coronavirus. Sehr viel schlimmer. Und ihr wisst das auch. Ihr verbraucht viel zu viel Energie, ihr nehmt euch zu viel Platz.
Dass ihr euch Sorgen macht, versteht jeder. Dass ihr Angst habt, auch. Denn niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Ungewissheit führt zu Unsicherheit. Aber eure Schwurbelwut ist überhaupt kein guter Motor, um mit der Zeit umzugehen.

Vorschlag: ihr nehmt euren ganzen Krempel aus eurem Prepperbunker, euren Eselskarren, eure Taschenlampen und sucht euch ein neues Land. Wandert doch in die Sahara. Ihr werdet auf dem Weg dahin bestimmt eine Steintafel mit einer noch neueren Weltordnung finden. Darauf wird euch sicherlich in elf Punkten erklärt, wie ihr den Sandboden in fruchtbares Land umwandeln könnt. Dann könnt ihr Apfelbäume züchten und deutsche Kartoffeln. Erfindet eine eigene Währung, nennt es Echsengeld*, baut Straßen mit Straßenlaternen. Installiert eine „Regierung“ und denkt euch jeden Tag neue Geschichten aus, die ihr euch jeden Tag aufs Neue ins Gesicht brüllen könnt. Malt euch Ausweise, gebt euch neue Namen, lasst euch Bärte wachsen und lange Fingernägel, mit denen ihr nach seltenen Steinen schürfen könnt.

Haut ab hier, dann kann sich die Bundesrepublik Deutschland ganz in Ruhe mit den Dingen auseinandersetzen, mit denen sich ein Land auseinandersetzen muss. Momentan zum Beispiel mit dem Coronavirus und den Folgen der Pandemie.

Niemand hat Bock, sich mit euch zu beschäftigen. Ihr nervt. Ihr stinkt. Ihr seid widerlich. Ihr seid viel zu laut. Ihr brennt. Ihr fresst Zeit. Ihr fresst Energie. Und ihr seid echt saudoof.

Und wenn ihr geht: Nehmt eure Scheisswut mit. Nehmt die von euch aufgestachelten Nazis, die sehr dankbar sind, dass es euch gibt, mit.
Und nehmt die dummen, dummen Wutbürger und Mitläufer mit.
Dann fehlt euch wirklich nichts zu eurem Glück. Und hier ist Ruhe.

Ganz ehrlich: Wenn ihr das Land so sehr ablehnt, geht doch einfach.

Passt aber auf, dass ihr am Scheibenrand nicht runterfallt.

————————————————-

* „Bürgerbruder, was möchtest du für den Apfel haben?“
„Zwei Salamandertaler“
„Das ist zu viel. Ich gebe dir einen Salamandertaler und einen kleinen Echsenschwanz.“
„Nein. Dann gibt mir einen halben Beutel Quarzsand, bei Vollmond aus der Wüste gelöffelt und einen halben Knopf.“
„Spinnst du? Das sind ja umgerechnet 1 Euro zwanzig!“

JENS.

Jens.

(Oder Lutz. Oder Tanja. Oder Sabine. Oder jeder andere Name)

Unter Bildung steht auf Facebook „Schule des Lebens“, das Profilbild ist ein Hund, ein Baum oder ein Motorrad. Jens hat natürlich auch einen Telegram-Account. Weil da ja weniger zensiert wird. Und weil den jetzt alle haben.

Jens (oder jeder andere Name) lässt sich sehr leicht mitreißen, war schon immer so. Also nicht damals, als alle zu „Beat it“ auf die Tanzfläche geströmt sind – da ist Jens am Rand stehen geblieben und hat ein warme Bierspucke aus der Flasche genippt.
Bei „wind of change“ hat er immer mitgepfiffen. Macht er sogar heute noch.
Wenn sich Typen vor der Dorfdisco geprügelt haben („Mein Spoiler ist größer als dein Spoiler!“), ist er mit hin zum Anheizen – aber immer so weit weg vom Geschehen, dass er schnell abhauen konnte.
Jens, die Randerscheinung.

„Auf Arbeit“ ist Jens der Leise. Leidenschaft: Null.
Sein Motor: Routine. Sein Feind: Veränderungen. Als sie ihm damals so einen blöden Computer hingestellt haben, hat er ihn erstmal Wochen nicht angerührt. Alles muss so bleiben, wie es war. Immer!

Wenn er seine Mutter besucht, wischt sie ihm mit Spucke Saucenreste (Jägersauce zum Selbstkochen, 99 Cent / Tüte) aus dem Mundwinkel.
Hat sie früher schon so gemacht, macht sie immer noch. Eigentlich findet er es natürlich nicht gut, gibt da auch so einen Begriff für, irgendwas mit „über“, aber ist auch egal.
Es ist schon ok, dass sie es noch macht. Ist ja auch gut.
Oft sehnt er sich nach der Zeit zurück, in der er in seinem Kinderzimmer auf dem Teppich gelegen hat und mit Autos gespielt hat. Oder als er runter zum Bach ist – Frösche aufpusten mit Uwe, seinem einzigen Freund von damals.

Jens rechnet immer noch in D-Mark um. Und neuerdings auch in Reichsmark.

Verliebt war er einmal in seinem Leben. In Carola, sie war „die Neue“ auf Arbeit.
Und natürlich wusste sie nichts davon, denn seine Liebe bestand daraus, ihr hinterher zu schielen. Er hat sie auch sonst gern beobachtet. Im Internet.
Sind ja doch für was gut, die Dinger. Nicht nur Frauen – man kann da seinen Frust auch echt gut rauslassen. Jens hat mehrere Profile, weil er immer mal wieder gesperrt wird – nur weil er sich schlimme Dinge wünscht. Immer diese Zensur!
 
Jens interessiert sich natürlich nicht für Fußball, aber wenn Deutschland im Halbfinale gegen die blöden Italiener spielt, wird die Deutschlandflagge über die Opel Astra-Rückspiegel gestülpt.

Für Politik interessiert er sich auch nicht. Den Politikteil in der Zeitung liest er nicht – die Sätze sind zu lang! Kurze Sätze sind gut. Und wenn diese ganzen komplizierten Sachen schnell und gut erklärt werden. Macht die BILD gut. Und auf Jutjub gibt es auch immer mehr Leute, die gut erklären können. Und vor allen Dingen wissen, was abgeht. Sie kennen die Wahrheit. Alle anderen wollen mit ihren komplizierten Texten nur verwirren. Und warum schreibt Jutjub den eigenen Namen falsch? Sind die doof, oder was?

Früher ist Jens nie auf Demonstrationen gegangen. Weil sie ihn ja alle in Ruhe gelassen haben. Aber jetzt langt es, Jens hat die Faxen dicke.
Bei den Demos steht er am Rand, so wie damals in der Disco, wenn „Beat it!“ lief. Heute mit Dosenbier.

Komplizierte Dinge werden nicht hinterfragt. Wenn die Dinge einfach erklärt werden, sprechen sie jawohl auch für sich!
Man kann ja auch keine langen Sätze brüllen, sondern nur einfache Parolen. Und da darf man sich schon mal von seinen Gefühlen leiten lassen.
Also„Wir sind das Volk!“ nachmittags auf der Demo und „Schlaaaaaaaaaaaaand!“, wenn Timo Werner zur Führung gegen diese scheiß-Italiener trifft!

Es ist schön, mit dem Strom zu schwimmen so herrlich einfach, GEGEN etwas zu sein. Weil es sich besser brüllen lässt und weil man mit Wut besser schreien kann.

Viel besser!

Gegen die Anschnallpflicht!
Gegen die fünfstelligen Postleitzahlen!
Gegen die GEZ!
Gegen das System!
Gegen das Dieselfahrverbot!
Gegen die Klimagöre!
Gegen die Maskenpflicht!
Gegen Corona! (Das ist nur ne Grippe!)
Gegen die Merkeldiktatur!
Gegen Regen!
Und wenn jetzt auch noch das Tempolimit kommt, ist aber wirklich mal genug.

WO LEBEN WIR DENN HIER?!?!?!

Jens ist ein zwanghafter Typ, der sich gegen alles wehrt, was in seinen Augen zwangsgedingst ist. GEZ-Beiträge werden zu „zwangsgebühren“, die Tagesschau ist „zwangsfinanziert“ und verfolgt nur das Ziel, „die Massen zu manipulieren“. Wenn in der Besteckschublade die Gabel schräg liegt, dreht Jens durch.

Jens ist sehr leicht manipulierbar und merkt, wie er immer wütender wird. Er driftet ab, wird immer extremer.
Er schreibt Treppenhauszettel und verpfeift Falschparker, manchmal tritt er die Fußmatte seiner Nachbarn. Dann liegt die schief! So! Er liebt Tiere, also bis auf die, die er früher gequält hat.
Seine Jacken haben alle Kapuzen. Das hat zwei Vorteile: Jens fühlt sich geborgen wie wenn Mama ihm mit der Hand über den Kopf streicht und wenn es regnet, treffen die verstrahlten Regentropfen nicht auf seine Kopfhaut. Und seine fettigen Haare sieht man dann auch nicht.

Neulich war Jens im Baumarkt, hat sich einen Gaskocher und eine große Propangasflasche gekauft und sich danach noch mit einer Palette Dosenravioli ausgestattet. Man weiß ja nie! Machen die anderen ja auch.
Er hat jetzt immer ein Klappmesser dabei, man weiß ja nie – und wenn es ginge, würde er sich sofort eine Waffe kaufen. Wie in Amerika. Da ist ja alles möglich.

Diskutieren bringt nichts. Wenn man Jens mit Argumenten kommt, wird er eben laut. Zack, dann ist Ruhe im Karton!

Ja! Genau!

Und jetzt soll die Impfpflicht kommen! Es gibt zwar noch nicht mal einen Impfstoff – und das wird sich in näherer Zeit auch nicht ändern, aber man kann ja vorsorglich schon mal laut werden!
Weil es so einfach ist, Dinge, die andere verfälscht und vereinfacht haben, zu brüllen. Bill Gates ist Schuld! Das weiß jeder! 5G wird uns manipulieren und ab 15. Mai beginnt die neue Weltordnung! Deutschland ist eine GmbH! Es gibt keine Meinungsfreiheit! (Lässt sich auf Demonstrationen besonders gut brüllen)

Jens lässt denken – und zwar von gefährlichen, narzisstisch gestörten Typen.
Jens (oder jeder andere Name) ist der Prototyp  des verschwurbelten Nachplapperers mit zu fest sitzendem Aluhut.

Vielleicht wurde in den Discos auch einfach zu wenig getanzt.

——————————————–

P.S.: Obrigkeitshörigkeit ist das andere Extrem, es ist genau so falsch wie das (passive) Denken von Jens.
Es ist verdammt richtig und wichtig, die Regierung zu kritisieren und Entscheidungen zu hinterfragen. Entscheidend dabei ist nur, wie man es macht.
Und ich glaube auch, dass in jedem ein kleiner Jens steckt. Ist halt die Frage, wie viel Platz man ihm gibt.

EINHUNDERT.

Hier kommen 100 kleine Dinge, für die man sich nicht sonderlich anstrengen muss, die die Welt aber trotzdem ein bisschen besser machen.

001: Ein Stück Müll, das auf dem Boden liegt aufheben und in den nächsten Mülleimer schmeissen.
002: Mal eine alte Freundin oder einen alten Freund anrufen und fragen, wie es geht.
003: In einer 30er-Zone 30 fahren.
004: eine Obdachlose / einen Obdachlosen fragen, was sie oder er gebrauchen kann.
005: Mal das Auto stehen lassen und das Fahrrad nehmen. Oder eine Fahrgemeinschaft bilden.
006: Bücher nicht bei amazon bestellen, sondern beim lokalen Buchhändler.
007: Keine Plastikflaschen kaufen. Schon gar nicht Einweg.
008: Bevor man wütend einen Link postet, einmal checken, was das für eine Quelle ist.
009: Einem Vogel zuhören und zu Hause im Internet mal nachgucken, was das für einer war, wie der Vogel lebt und was man ggf. für die Tierart tun kann.
010: Einem entgegenkommenden Menschen freundlich in die Augen gucken.
011: Eine Blume großziehen. Im Blumentopf, wie früher in der zweiten Klasse.
012: Bisschen weniger meckern. Auch wenn es anstrengend ist.
013: Kinder zuhören.
014: Einen Waldspaziergang machen. Und auch hier Müll aufheben.
015: Mal einen social Media-freien Tag in die Woche einbauen.
016: Jemandem ein Buch schenken. Einfach so.
017: Einen Kartentrick üben.
018: Jemandem die Vorfahrt lassen.
019: Vielleicht mal ein bisschen weniger Fleisch essen.
020: Einen Regenwurm von Gehweg aufheben und ihn ins Gebüsch bringen. (Ihn am besten vorher fragen, auf welche Seite des Gehwegs er möchte, weil man bei Regenwürmern nie weiß, wo vorne und wo hinten ist.)
021: Etwas Sinnvolles unterstützen. Eine Umweltorganisation, Seenotretter oder die Bahnhofsmission. Sowas.
022: Mal kurz zufrieden sein.
023: Den / die Nachbarn fragen, ob sie Hilfe brauchen.
024: Wenn jemand etwas Sexistisches / Rassistisches / Faschistisches / Homophobes sagt, sie oder ihn darauf hinweisen.
025: Überlegen, ob die alten Schuhe wirklich weg müssen, oder ob man sie vielleicht doch noch tragen kann.
026: Anstelle von Duschgelflaschen lieber Seife nehmen.
027: Jemandem seinen Glauben lassen.
028: Bei einer Serie, einem Film oder einem Buch nicht spoilern.
029: Den Chef mal was Persönliches fragen. Zum Beispiel, ob er den Mund öffnet, wenn er sich den Po abwischt. (Oder sowas in der Art.). Und dann gucken, was passiert.
030: Leute, die gern Bäume umarmen einfach Bäume umarmen lassen, ohne es zu verurteilen.
031: Den Muttertag nicht vergessen.
032: Etwas auf eBay Kleinanzeigen verkaufen und mit dem Preis unerwartet weit runtergehen.
033: Gendergerecht schreiben. Wenigstens ab und zu mal.
034: Jemanden trösten.
035: Das Fahrrad pflegen. Oder das Auto. Oder die Nähmaschine.
036: Alte Batterien nicht in den Müll schmeissen, sondern fachgerecht entsorgen.
037: Dem Paketboten einen Kaffee anbieten. Oder ein Eis.
038: Etwas, das aus dem Supermarktregal gefallen ist, aufheben.
039: Den lokalen Club oder ein Restaurant unterstützen. (Angebote dafür gibt es im Netz zuhauf)
040: Überlegen, dass nächstes Jahr Bundestagswahlen sind – und die Handelnden auch unter diesem Aspekt bewerten.
041: Andere Meinungen zulassen. (Ausnahmen: Verschwörungstheorien und Nazi-Scheiß)
042: Nicht genau in der Mitte des Fußweges gehen, weil es ja vielleicht Menschen gibt, die schneller sind als man selbst.
043: Ein Insektenhotel bauen und irgendwo aufstellen.
044: Nett zur / zum nächsten sein.
045: Jemandem eine Postkarte schreiben. Einfach so.
046: Versuchen, einen ganzen Tag nicht zu fluchen.
047: Beim nächsten Kinderflohmarkt etwas kaufen. Oder zumindest ein paar Cent geben.
048: Einem kleinen Bäcker / Konditor sagen, dass man extrem froh ist, dass es ihn gibt.
049: Offen sein für Neues.
050: Zu Hause alte Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzen.
051: Nicht mit Wissen / Schönheit / Situation angeben.
052: Überlegen, dass alles, was man tut, Konsequenzen hat.
053: Wer einen Garten hat: Tieren ein Trinkgefäß hinstellen.
054: Etwas Kaputtes reparieren oder reparieren lassen und nicht einfach neu kaufen.
055: Auch mal ganz kurz an die anderen denken.
056: Jemandem ein tolles Kompliment machen.
057: Einen Kuchen backen. Einfach so.
058: Mal versuchen, nicht so zynisch zu sein.
059: Auch nicht ironisch.
060: Mal sein Lieblingsvorurteil überprüfen.
061: Auf YouTube mal ein Video angucken, das sehr wenige Leute angeguckt haben – und einen netten Kommentar hinterlassen.
062: Einen guten Plan machen.
063: Das alte Handy jemandem schenken, der es gut gebrauchen kann.
064: Musik eines Künstlers kaufen.
065: Die Duschzeit um eine Minute reduzieren. Oder um zwei.
066: Beim Kommentieren im Internet versuchen, freundlich zu sein.
067: Auf der Autobahn so fahren, dass man niemanden stört.
068: Wenn man einen Fehler gemacht hat, sagen: „Sorry. War mein Fehler.“
069: Der Friseurin / dem Friseur eine Mail schreiben und sagen, wie sehr man sich auf den Termin freut.
070: Beim Yoghurtbecher den Papierrand abknibbeln und den Müll trennen.
071: Mal versuchen, ein bisschen französische Lässigkeit, britischen Humor und polnische Großherzigkeit ins eigene leben einzubauen – und dann nochmal über Grenzen nachdenken.
072: Veganismus nicht verurteilen.
073: Als Veganer: nicht belehren.
074: Mal überlegen, ob ein Ehrenamt vielleicht was wäre.
075: Versuchen, die Sorgen eines anderen Menschen zu verstehen.
076: Ausgelesene Bücher verschenken.
077: Jemanden loben.
078: Die Müllmänner grüßen.
079: Mal versuchen, Ketchup selbst herzustellen.
080: Mal ne Scheibe von einem anderen abschneiden. (Ohne, dass es wehtut.)
081: Beim Wegbringen der Pfandflaschen kurz an die gute Zeit denken, die man zusammen hatte.
082: Sich diebisch auf das Treffen mit Freunden freuen.
083: Das nächste Mal im Restaurant etwas bestellen, was man noch nie hatte. (Wann auch immer das sein wird.)
084: Jemanden nicht zuparken.
085: Mit einem Hund flirten. Zur Not geht auch ein Mensch.
086: Mal ein Sachbuch lesen.
087: Wenn sich das nächste Mal Wut bemerkbar macht, kurz überlegen, wie die alte Postleitzahl war. Oder er in der ersten Klasse neben einem gesessen hat. Dann geht es meistens wieder.
088: AfD verhindern.
089: Einem Kind, das etwas versucht, sagen: „Du schaffst das!“
090: Für jemanden da sein, die / der es gerade schwer im Leben hat.
091: Die Zahnpastatube wirklich bis zum letzten Rest ausquetschen. Und dann aufschneiden, um wirklich alles rauszuholen.
092: Wenn man ein spezielles Talent oder Wissen hat: weitergeben.
093: Dem Schornsteinfeger Glück wünschen.
094: In angemessener Lautstärke reden.
095: Jemandem, den man vermisst, sagen: „Ich vermisse dich.“
096: Ab und zu mal im Geschichtsbuch blättern.
097: Nicht so streng zu sich sein.
098: Jemanden, den man liebt, sagen: „Ich liebe dich.“
099: Nicht immer allen so viele Tipps geben.
100: Diese Liste im Kopf weiterspinnen.
101: ____________________________________

GEDULD.

Autos fahren von Null auf Hundert in unter sechs Sekunden. Amazon prime liefert noch am selben Tag. Sachen aus dem Netz sind schneller runtergeladen als man das Wort „Download“ buchstabieren kann. Warum braucht der Sushi-Lieferservice bitte eine Dreiviertelstunde?!?! Alles ist voller + + + EILMELDUNGEN + + +.
„Das Buch hat 380 Seiten? Das les´ ich nicht. In der Zeit kann ich drei Staffeln gucken!“ Wieso ist hier nur LTE? Geht das nicht schneller? Erst 79 Likes? Und das in einer Stunde? Hallo? Gibt’s doch gar nicht! Wie lange muss ich denn noch zu Hause hocken?! Wann geht die Liga wieder los? Hä? Lasst die Kinder Turbo-Abi machen! Warum dauert dieser Text so lange?

Wir haben uns zu hibbeligen Optimierungsmaschinen entwickelt, die alles effizienter und schneller machen. Und wenn es noch schneller geht, wird alles dafür getan, dass es ganz schnell noch schneller geht. Egal, was, es wird beschleunigt. Ob Heilungsprozess nach einem Oberschenkelhalsbruch, ob Herstellungsprozess von Zahnpastatuben oder Tierzucht. Man kann nämlich überall noch ein bisschen Zeit rausholen. Dieser Zeitgewinn wird investiert. In Optimierungsmaßnahmen und Freizeitstress.

Und dann kommt doch tatsächlich so ein kleines Virus daher und legt unsere schöne, schnelle Welt lahm. Es gibt massive Einschränkungen, Unsicherheiten und Angst. Spürt jede und jeder einzelne.
Und die Kritik an der Regierung, an den Handelnden, an den Entscheidenden wächst mit jeder Stunde, in der nichts mehr so ist wie es früher mal war. Verständlich.

„Die da oben sollen mal hinmachen! Ich will ins Stadion!“


Noch vor wenigen Wochen waren Virologen die Helden, jetzt, wo die Ungeduld wächst, werden sie mental schon zum Scheiterhaufen geführt. „Quacksalber! Glaubt denen kein Wort! Die Zahlen stimmen niemals! Das ist Abzocke!!!“
Die Hobby-Virologen, die Hobby-Regierenden und Menschen von der YouTube-Uni werden lauter. Verschwörungstheoretiker kriechen aus ihren Löchern, kreischen ihren unsinnigen Gedankenschrott in die Welt. Unsichere Menschen zweifeln, lassen sich mitziehen. Waffen werden durchgeladen. Zumindest die im Kopf.

Es bilden sich gefährliche Gruppen, die sehr schnell wachsen. Zum Beispiel die Partei „Widerstand2020“ – eine Partei, die aus dem Stand auf 70.000 Mitglieder gekommen ist. Also ungefähr auf Augenhöhe mit den Grünen und der FDP. Das sind Leute, denen es nicht schnell genug gehen kann, die auf jeden Fall auch schnell explodieren werden. Das Coronavirus ist quaso Gründungsmitglied dieser Partei – hinter dem Anti-Virus-Programm wird noch viel mehr stecken. Werden wir auch alles sehr schnell erleben.

Kritik ist richtig und wichtig.
Kritik kann man aber auch maßvoll äußern und man sollte die Kritik auch immer ein bisschen mit Verständnis mischen und sich überlegen, dass jede Handlung, die man vollzieht, Auswirkungen hat. (Bezieht sich nicht nur auf Lockerungsmaßnahmen, kann man fast überall anwenden)

Verständnis sollte man dafür haben, dass die Situation, die wir gerade alle erleben, so noch nicht da war. Erkenntnisse müssen erstmal gewonnen, gesichert und dann unter Berücksichtigung aller möglichen Auswirkungen angewendet werden.
Das dauert ein bisschen und fühlt sich nach Hü und Hott an. Was vor ein paar Tagen noch gut war, ist vielleicht heute anders. Und umgekehrt.

„Joa, Händewaschen war noch ok, aber jetzt langt es! Vor zwei Wochen hieß es: Masken bringen nichts, jetzt ist die Maskenpflicht da! “

Ein Julian Reichelt lässt es sich natürlich nicht nehmen, Benzin in die Glut zu spritzen und den Spalthammer durch das Land zu treiben. Der Mann will einen Flächenbrand.
Die AfD (die übrigens jetzt, da es Widerstand2020 gibt, offiziell eine Altpartei ist) macht sich mit wirklich dummen Hetzversuchen lächerlich. Es bilden sich Querfronten aus Impfgegnern, Einzellern und Rechten. Das ist teilweise amüsant anzusehen, aber es ist auf jeden Fall nicht gut.

Nochmal zum Verständnis: Das Coronavirus hat eine Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen. Bei jeder Maßnahme, ob nun Shutdown, Lockdown oder Lockerung, weiß man erst nach zwei Wochen, ob sie gewirkt hat. Zwei Wochen. Ein Virus lässt sich nicht hetzen.

Diese bis zu 14 Inkubationstage kann man natürlich füllen, wie man möchte.
Man kann laut sein oder wütend werden. Man kann sich von den Extrem-Ungeduldigen mitreißen lassen.

Oder man kann in der Zeit wachsen und versuchen, einige Dinge besser zu machen: Versuchen zu verstehen. Kritik maßvoll äußern. Ist alles nicht leicht. Denn was da so zwickt, und nervt und die Zeit anfühlen lässt als wäre sie eine Masse aus Gelee, ist Wachstumsschmerz.

Und Geduld ist ein Teil davon.

(Sorry dafür, dass der Text so lang geworden ist. Aber jetzt könnt ihr schnell wieder was anderes machen.)

KONFLIKTWURZEL.

Der Mann, der mit Kind und Schild an der verschlossenen Außengrenze in Idomeni steht, hat schnell verstanden, was wirklich wichtig ist.
Was aussieht wie wütendes Schreien ist nur lautes Reden.
Die Grenzgeräusche waren zum Zeitpunkt des Interviews ziemlich laut.

„First things first!“, fängt er an. Dann redet er ruhig und besonnen weiter.
„Ich verstehe das. Wir verstehen das alle. Kein Problem! Ist doch klar, dass man gerade jetzt in dieser schwierigen und unsicheren Zeit einen Anker in das Gute alte Leben braucht.
Das traditionelle Essen gehört ganz einfach dazu, sowas gibt Halt. Sagen auch Soziologen und viele andere Forscher. Und wir kennen das natürlich auch irgendwie. So ein gemeinsames Mahl ist ein kleiner Fixpunkt im aufgewühlten Leben.
Der heilige Sonntag ist der Tag, an dem die deutsche Familie zusammen sitzt, Spargel mit Sauce Hollandaise genießt. Allein das Wort „Hollandaise“, wie es im Mund fliesst, ein sehr weiches Wort, wie die Konsistenz der Sauce. Hollandaise ist Samt im Mund.
Dazu gibt es junge Kartoffeln und Schinken vom Schwein. Genießer essen den Fettrand natürlich mit. Alles zerläuft. Spargel schmeckt nach Sehnsucht. Kein Wunder, dass man oft hört und liest: „Endlich Spargelzeit!“
Und dann sitzt man und redet über die guten alten Dinge. Den Grill mit Smoke-Funktion, oder die letzte Kreuzfahrt im Mittelmeer, vorbei an den griechischen Inseln. Schön, sowas. Bekommt anderes Essen sowas auch hin? Frikadellen? Kotelett? Bockwürstchen mit Senf?

Spargel übt allerdings Druck auf die Gesellschaft aus, das verstehen wir auch. Denn Spargel ist eben auch ein Saisongemüse. Das darf man wirklich niemals vergessen. Nie!
Spargel ist Druck für alle: das Wetter, die Bauern, die Supermärkte, die Familien. Es wird viel diskutiert: „Dazu Pellkartoffeln oder Salzkartoffeln? Soll man Spargel im Ganzen kochen oder zerteilen? Wer bekommt die meisten Spargelköpfe? Soll man den Spargel schon im Supermarkt an der Schälmaschine schälen lassen oder zu Hause?“
Spargel ist eben auch ein Konfliktgemüse.  

Die Spargelzeit hat für viele erwachsene Menschen einen ähnlichen Stellenwert wie Weihnachten für Kinder. Man freut sich das ganze Jahr drauf. Und es ist so eine Kurze Zeit, die Butter ist quasi noch nicht mal zerlassen – zack, ist es auch schon wieder vorbei. „Ich kann Spargel echt nicht mehr sehen!“ hört man nur von Banausen und von Menschen, die „Dinner for one“ nicht witzig finden.
Der 24. Juni ist „Spargelsilvester“. Danach geht nichts mehr. Davor war nur Lauch, danach kommen Erbsen, Tomaten und Butterrüben. Das ist auch gut, aber eben kein exklusives Wurzelgemüse.
Die Spargelfreie Zeit ist schlimmer als die Bundesligapause.

Und wir verstehen auch alle, wie wichtig der Moment ist, wenn der eigene Urin nach Spargel riecht und man beim Pinkeln überrascht denkt: „Huch! Ach ja, stimmt, ich hatte vorhin Spargel. Mann, der war aber auch lecker! Hmmmmm!“ Das ist wichtig. Spargel wirkt nach.

Und glauben Sie mir – auch wenn ich noch nie Spargel gegessen habe: Ich liebe ihn jetzt schon. Ich liebe bestimmt auch den holzigen Spargel, der schmeckt wie ein gekochter Ast.
Wir haben im Internet nach Spargelrezepten gesucht. Und die leckersten lesen wir unseren Kleinen als Gutenachtgeschichte vor.
Meine Kleine mag am liebsten die Geschichte vom Spargelcrèmesüppchen mit Erdbeeren und grünem Pfeffer. Nur wenn der Spargel geschält wird, muss sie kurz weinen.

Worüber ich mich allerdings ärgere, und da spreche ich für uns alle: Wir haben viel zu lange gebraucht, bis wir ein Stück Pappe und einen Kugelschreiber organisieren konnten. Dann haben wir zu lange überlegt, ob wir „Wir können euren Spargel stechen!“ drauf schreiben.
Aber das wäre uns von einigen Populisten und Hetzern sehr wahrscheinlich negativ ausgelegt worden. Im Sinne von „Erst den Spargel, dann die Mädchen, oder was!?!?“ oder „Vom Spargelstecher zum Messerstecher.“ Spargel ist eben auch kommunikativ anspruchsvoll.

Eine Konfliktwurzel eben.

Naja. Und jetzt wurden schon längst rumänische Erntehelfer eingeflogen. Die Ernte hätten wir doch auch retten können. Wäre ein doppeltes Retten gewesen. Wir hätten….naja, nächstes Jahr vielleicht – wenn die Pappe bis dahin nicht verfeuert ist.

Auch wenn das jetzt vielleicht anders klingt, möchten wir unbedingt, dass alle Deutschen wissen: Für uns ist Spargel nicht die Wurzel allen Übels. Niemals! Auch jetzt nicht.

Lassen Sie es sich schmecken!“


—————————————————–


Originalquelle:

https://tageswoche.ch/allgemein/fluechtlingslager-am-griechischen-grenzuebergang-idomeni-ueberfuellt/

Wichtig in diesem Zusammenhang:

https://www.zeit.de/2020/17/minderjaehrige-fluechtlinge-griechenland-deutschland-evakuierung

Bilder, die einen sehr nachdenklich machen:

https://www.ecosia.org/images?q=moria+fluechtlingslager

14. 6. 7 n.Cor

Vielleicht wird die Zeit ab jetzt in v.Cor und n.Cor eingeteilt. „Wann wurde das Automobil erfunden? 134 v. Cor.“ „Wann wurde John F. Kennedy erschossen? 57 v.Cor.“ „Wann war das mit der Statue?“

Wir schreiben das Jahr 7 n. Cor.

Die Menschen in Deutschland und Europa dürfen endlich wieder alles machen, dürfen rausgehen, dürfen sich treffen und zusammen feiern. Viele schaffen das mit dem Rausgehen allerdings nicht, weil sie verlernt haben, durch Türen zu gehen.
Die BILD nutzt den Schwung, es gibt jeden Tag die Josef Fritzl-Kolumne mit Tipps für Menschen, die zu Hause gefangen sind.
Im Netz gibt es Millionen Clips, in denen Menschen gegen Türrahmen laufen. „Habt ihr den gesehen, der sich den Kiefer gebrochen hat? Guckt euch mal die Zeitlupe an!“
Die Bauindustrie reagiert auf diesen Nebentrend, Türen werden größer, Türrahmen werden gummiert. „Soft door“ nennt sich das. Eine Haustür kostet so viel wie ein Kleinwagen.

Die Leute, die (einigermaßen unbeschadet) rausgehen und sich spontan in Parks und auf Parkdecks von Einkaufszentren treffen, haben in der Wohnzimmereinsamkeit verlernt, sich zur Begrüßung die Hand zu geben. In YouTube-Tutorials kann man es zum Glück nachgucken, macht aber so gut wie niemand. Die Leute haben sich digital satt gesehen, wollen echten Kontakt. Haut auf Haut.
Wie ging das nochmal? Wie fühlt es sich an?

Die meisten Menschen sind komplett enthemmt, lecken sich zur Begrüßung spontan ab, berühren sich überall, schnüffeln am Po wie Hunde.
Denn der Trend, der sich viral verbreitet, lautet „social nearing“.

Folgen der langen Einsamkeit zu Hause: Duschen ist out. Frisuren sind egal. Etikette ist was, was man gestern hatte. Jetzt wird gefurzt, gerülpst, gegrabscht. Menschen, die früher mit Haarschaum komplizierte Frisurentürme gebastelt haben, bevor sie aus dem Haus gegangen sind, pendeln in der Entwicklung wieder Richtung Höhlenmensch. Überall werden Feuer gemacht, Tiere erlegt und gegessen.
Das Wort „Hausmannskost“ ist verboten. Wer es trotzdem sagt, wird auf der Stelle verhaftet.

Restaurants sind Plätze für Orgien. Es ist vollkommen normal, am Buffet zwischen Kartoffelsalat und Mangoldcrèmesüppchen zu knattern. Gäste kommen eh fast nackt. Aus „All you can eat“ wird „all you can_____“.

Benzin wird mit der Lockerung sofort wieder teurer – egal. Man besorgt sich natürlich online günstige Mikrokredite, um sich Treibstoff zu kaufen.
Man tankt das Auto voll und stellt sich zu den anderen in den Stau auf die A7. Die Schlaglöcher dort sind riesengroß.
Viele fixieren den Hupknopf mit Klebeband, feiern Stau-Orgien. Auf dem Pannenstreifen werden Nackensteaks gegrillt. Alles entlädt sich.

Adidas wird in allen großen Städten Mundschutz-Flagship-Stores errichten und die Mieten bis zum Jahr 30 n. Cor im Voraus gezahlt haben.
„Systemrelevante“ Berufe sind für kurze Zeit modern. Als aber auf Instagram und TikTok Accounts mit Dekubituswunden und den leeren Blicken von Alzheimer-Patienten geflutet werden, sind doch schnell wieder andere Berufe angesagt.
Banker zum Beispiel. Oder Store-Manager bei adidas.

Die AfD ist zu einer angemessen kleinen Rotzbude geworden und arbeitet noch am Maßnahmenpaket gegen das Virus. (Und auch am Rentenpaket)
Alice Weidel sitzt da zusammen mit Björn Höcke und Stephan Brandner.
Sie falten Schiebermützen aus Aluminiumfolie für die Reichsbürgerbewegung und beleidigen alles und jeden.
Christian Lindner hat auch so eine Mütze, erzählt man sich. Er soll damit heimlich vor dem Spiegel stehen, sanft hin- und herschwingen und Xavier Naidoo-Songs singen. Sind aber unbestätigte Berichte.

Mercedes Benz stellt Möbel her. Jörg Meuthen ist mit seiner Partei „Die Enttäuschten“ gescheitert.
Angela Merkel ist mit den Worten „Ok, na gut, ich machs“ erneut Kanzlerin geworden.

Aber alle Nachrichten, alle Bilder, alle Informationen sind nichts gegen „TBSOGD.“

In New York steht die Freiheitsstatue jetzt im Schatten einer 984 Meter hohen Donald Trump-Statue. „The biggest statue of greates deals“.
Unter der Kappe, auf der „Amerika first!“ blinkt, lugen ein paar blonden Haare vor. Sie sind aus feinen Goldfäden gesponnen, die im Wind wehen.
Die Statue brüllt jedes einzelne Wort, das Donald Trump jemals gesprochen haben wird, mit 45000 Dezibel in die Welt. Wenn der Wind günstig steht, kann man es in überall auf dem Planeten hören.
Und an der Ostküste der Vereinigten Staaten sind 90 % der Menschen taub.

„The biggest statue of greates deals“ wird am 14. Juni 7 n.Cor mit einem Event, das am ehesten mit einem Meteoriteneinschlag zu vergleichen ist, enthüllt.

Es bleibt laut.