HALLO DEUTSCHLAND,

du bist ein tolles Land mit einer wunderschönen Landschaft, einer beeindruckenden Kultur, vielen tollen Bräuchen und sehr guten Eigenschaften.
Deine Berge sind schön, das Münsterland ist klasse, die Küste sowieso, dein Bier ist super. Oder Lübecker Marzipan. Und das Automobil. Und die Rechte erst. (Nein. Nicht die Rechten. Die sind scheiße.)

Das Demonstrationsrecht zum Beispiel ist ein hervorragendes und sehr wichtiges Grundrecht in Deutschland. Es ist sogar im Artikel 8 des Grundgesetzes festgeschrieben.
Es ist wichtig und richtig, von diesem Recht Gebrauch zu machen, weil dadurch die Demokratie geschützt wird.

Rechtlich spricht man übrigens nicht von einer Demonstration, sondern von einer Versammlung. Und seit der Föderalismusreform 2006 fällt das Versammlungsrecht in die ausschließliche Gesetzgebungskompetenz der Länder. Das Versammlungsgesetz des Bundes gilt gemäß Art. 125a Abs. 1 GG fort, soweit die Länder es nicht durch eigene Gesetze ersetzen. Die Länder können also selbst bewerten, wie sie eine Versammlung einschätzen.

Versammlungen unter freiem Himmel müssen in Deutschland nicht genehmigt, aber angemeldet werden. Und es gibt zum Glück kein Versammlungsverbot in Deutschland.

Es sei denn, die Versammlung gefährdet unmittelbar die „Öffentliche Sicherheit oder Öffentliche Ordnung“.

Das, liebes Deutschland, ist der Punkt: Heute, am 20. März 2021, wurde in Kassel „gegen die Maßnahmen der Regierung“ demonstriert. In Berlin auch, da wurde die Demonstration allerdings schnell aufgelöst.

In Kassel nicht.

Da wurde mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie, die die ganze Welt und natürlich auch dich als Land lähmt, die die Wirtschaft lahmlegt, die die Kultur ausbluten lässt und sehr viele Existenzen zerstört, die nebenbei schon sehr viele Tote gefordert hat, demonstriert.
An so einem Tag ist eine Versammlung von Coronaleugnern und sogenannten „Querdenkern“, welche die Pandemie leugnen, welche sich nicht an die vorgegebenen Maßnahmen wie z.B. die Abstandsregel oder das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes halten, nicht nur unglaublich empörend, sondern vor allem eines: gefährlich für die öffentliche Sicherheit. Und hätte niemals stattfinden dürfen. Oder sofort aufgelöst werden müssen.

Föderalismusreform hin oder her: Es kann nicht sein, dass der Hessische Verwaltungsgerichtshof eine Demonstration dieser offenen Demokratie- und Lebensgefährder nicht verbietet.
Denn der Hessische Verwaltungsgerichtshof lebt ja nicht unter einem Stein und dürfte mitbekommen haben, dass die ignoranten„Querdenker“ sich immer weiter radikalisieren.
Von den politischen Strömungen, die in dieser Gruppierung eine Heimat gefunden haben, mal ganz zu schweigen. Dadurch, dass diese – in Relation zur gesamtdeutschen Bevölkerung  wenigen Menschen sich versammeln, werden viele Menschenleben gefährdet. Und das geht nicht.

So eine Veranstaltungen ist so ein Superspreader-Event und wird sich auf das Infektionsgeschehen auswirken. Die Wirtschaft wird durch diese Demonstration noch länger leiden, es werden weitere Existenzen zerstört. Die Kultur wird weiter ausbluten. Jeder Schritt eines jeden Querdenkers auf so einer Demonstration ist ein Schlag mit der Spaltaxt. Das Land wird gespalten –  und es wird durch diese hirnverbrannten Idioten noch länger leiden.

Das Coronavirus kennt nämlich keine Ländergrenzen.

Wäre also vielleicht mal an der Zeit, durchzugreifen. Auch, um etwas des verlorenen Vertrauens in die Politik zurückzugewinnen.

Meinst du nicht?

Viele Grüße

dein SoBo

WAS MAN SEIN WILL. UND WAS MAN IST.

Nein. Ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid nur der ignorante, hässliche, schleimige und stinkende Bodensatz des Volkes.

Ätzende Krümel seid ihr. Ein paar lächerliche Döspaddel seid ihr. Nicht der Rede wert seid ihr.

Eure bunten Multifunktionsjacken kriegen mehr auf die Reihe als ihr. Ihr seid nämlich monofunktional. Und die einzige Funktion, die ihr habt: ganz ekelerregende Dummheit zeigen.

Ihr seid miese Knallwürste, die die Gesundheit des Volkes und der Nachbarländer des Volkes aufs Spiel setzen. Ihr seid die Kurzluntigen.

Mit eurem eingeschränkten Denkversuchen, eurem pubertären „dagegen“-Wutgestampfe und dem vorsätzlich ignoranten Verhalten pisst ihr allen Corona-Opfern aufs Grab oder direkt ins Beatmungsgerät.

Ihr verhöhnt Ärztinnen und Ärzte, ihr verteilt Backpfeifen an die Pflegekräfte. Und an die Kinder, die Alten, an eure Nachbarinnen und Nachbarn, an Kolleginnen und Kollegen. Kurz: An alle.
Und ihr findet das auch noch toll.

Ihr ruiniert die deutsche Wirtschaft, ihr riskiert noch längere Lockdowns mit noch schärferen Einschränkungen. Ihr zerstört Existenzen.

Warum?

Weil ihr euch aufstacheln lasst, weil ihr lieber irgendwelchen YouTube-Honks glauben wollt, als der Wissenschaft zu vertrauen. Weil ihr ganz armselige Mitläuferinnen und Mitläufer seid.
Ihr kriegt euer Maul nur auf, wenn ihr das Gefühl habt, viele zu sein.

Ihr seid aber nicht viele.

Ein lächerlicher Haufen Hirnamputierter seid ihr.
Ein bisschen laut seid ihr, die Mehrheit hört euch aber nicht.

Ein Teil von euch ist gewaltbereit – wenn ihr euch von diesen gefährlichen Typen nicht abgrenzt, nickt ihr der Gewalt zu. Ihr akzeptiert Gewalt. Aber ihr akzeptiert es nicht, eine Maske zu tragen und Abstand zu halten. Wie dumm muss man sein, um so zu denken?

Ihr seid der kleine hässliche Eiterpickel im System. Sobald MediaMarkt wieder aufmacht, geht ihr da hin und kauft euch neue Fernseher. Euch ist im Grunde genommen alles egal. Hauptsache alles schön bunt.

Wenn Morgen gegen Wildgänse demonstriert wird, geht ihr da hin.

Wenn Übermorgen gegen Sodbrennen demonstriert wird, geht ihr da hin.

Wenn nächste Woche gegen Wackelkontakte, gegen Handtücher oder gegen Autobatterien demonstriert wird, geht ihr da hin.

Weil euch egal ist, wofür ihr auf die Straße geht. Hauptsache, ihr könnt DAGEGEN sein.

Ihr seid für das Land, auf das ihr stolz sein wollt, so wertvoll wie ein Stück Hundekacke, das man sich mit einem
Stock aus den Rillen in der Schuhsohle kratzen muss.

Ihr seid die, die man mit „ihr“ ansprechen muss, um sich ganz klar von euch abzugrenzen.

Bei euch ist die Hoffnung verloren, ihr habt Bock auf die dritte und vierte Welle. Ihr seid der Abschaum des Landes, ihr seid seid das Allerletzte. Ihr seid eine Schande für Deutschland.

Das seid ihr.

Aber ganz bestimmt nicht das Volk.

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Ich weiß, dass ich jetzt sehr viel Gegenwind bekommen werde. Und ich weiß auch, dass viel zurückbeleidigt und diskutiert werden wird.

Diskutiert nicht mit mir. Diskutiert mit denen.

KANN ES SEIN, DASS ICH HODENKREBS HABE?

(Vorab:) Diesen Text wollte ich eigentlich auf der Bühne lesen. Bei meinem Auftritt, der seit über einem Jahr nicht stattfindet. Und ich habe ihn ein paar Verlagen geschickt – als Exposé. Für meine Buchidee: „Wenn Dann Sonst“
Ein Buch voller Sorgen und sehr peinlichen Momente, die ein immer ein kleines Fazit beinhalten. Von den Verlagen habe ich viele nette Absagen bekommen. Eine bemannte Marsmission ist momentan eher denkbar als ein Bühnenauftritt.
Deshalb kommt der Text jetzt einfach hier rein. Stellt euch einfach vor, dass ich ihn vorlesen würde.

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Hier am Küchentisch haben wir schon oft gesessen, Filterkaffee getrunken und geredet. Heute über Turnaufführungen, über Mehlschwitze und über klemmende Garagentore.

Und als wir da gesessen und redeten, und unseren Kaffee aus bedruckten Werbetassen tranken, sagte meine Mutter irgendwann nach einem Mehlschwitzetipp: „Ach so: Klaas, mit dem du in die erste Klasse gegangen bist, hat jetzt ja auch Hodenkrebs.“

„Oh.“

Man hätte mir mit einer Kneifzange jeden einzelnen Fingernagel rausziehen, oder mir den Arm mit einem stumpfen Schwert abhacken können, man hätte mir mit einem Backstein den Schädel einschlagen können – ich hätte nur dieses Ziehen in der Lendengegend gemerkt.
Krebs, das Superarschloch, das im menschlichen Körper wütet wie die AfD in der Demokratie, hat auch in meiner Familie und auch im Freundeskreis zugeschlagen. Es gab Diagnosen, es gab Leid, es gab ein paar kurze Momente des Glücks und es gab den erlösenden Tod.

In den nächsten Tage ist mein Gehirn auf die Größe einer dunklen Murmel zusammengeschrumpft und auf der Murmelbahn der Angst in den Abgrund gerollt. Immer wieder.
Und obwohl ich genau wie jeder andere Mensch genau weiß, dass man es nicht tun soll, habe ich es trotzdem getan: Ich habe mich auf knackendes Eis begeben und „Symptome Hodenkrebs“ in das Fenster der Suchmaschine getippt. 823873423462342389 Milliarden Ergebnisse in 0,0001 Sekunden.

„Stechende Schmerzen beim Pinkeln“.
„Ziehen im Hoden.“
„Trockene Haut am Ellenbogen.“
„Kratziges Husten, der linke Arm zwickt, man humpelt und schielt.“
„Eier so groß wie Wassermelonen und so schwer wie ein Ölfass.“
„Mach dein Testament. Du bist eigentlich schon tot.“ 

Lesen – schlecht fühlen – weiterlesen – absterben. Denn ich hatte natürlich jedes der acht Fantastilliarden Symptome. 

Meine nächste Suchanfrage war: „Wie groß können Wassermelonen werden?“ und „Urologe Hamburg“. Auch hier gab es erstaunlich viele Ergebnisse.
In meiner Nähe gibt es eine Praxis, der ich sofort eine locker formuliere Mail geschickt habe. „sofort locker formuliert“ bedeutet in dem Fall: „sechs Stunden dran rumgeschrieben, damit es nicht so heulig-verkrampft wirkt.“


„Hallo und guten Tag, 

ich würde gern mal einen kleinen Check machen lassen. (Bin Mitte/Ende 40 und es wird mal Zeit…)

Kann ich überhaupt einen Termin bei Ihnen bekommen? War noch nicht bei Ihnen, bin Kassenpatient,  wohne in blablabla, mein Hausarzt ist Dr. Sowieso und meine Hoden sind so groß wie Wassermelonen.

Freue mich über eine Nachricht, viele Grüße, 

Ihr SoBo“

Ob ich wirklich einen Urologen angeschrieben habe, oder ein Start-Up für Sportlernahrung, war mir nicht ganz klar. Denn auf der Urologen-Website haben mich drei durchtrainierte Schulhofschönheiten angegrinst – vielleicht Triathleten. Jung, dynamisch, erfolgreich, das Urologie-Studium mit Model-Jobs finanziert, immer Autos geleast und spontan mal nach Mailand gefahren. 
Ich war mir sicher, dass ich nie wieder was von denen hören würde, weil sie natürlich nur komplett durchtrainierte Erfolgsmenschen untersuchen. Immobilienmakler, Anwälte, Banker, Privatiers, Menschen mit Oldtimersammlungen, Urologen-Club-Mitglieder, so was. 

Aber allein das Abschickgeräusch der Mail hat mein Gewissen beruhigt, das Ziehen und Stechen in meinem Hodensack verschwand mit dem Whhhuuuush, mit dem die Mail in das Glasfaserkabel eingetaucht ist. Whhhhhhusssh – weg.

Wie gut wäre es, wenn man das mit allen Sorgen und Problemen machen könnte, die einem so das Leben versperren. Einfach aufschreiben, wegschicken. Raus aus dem Kopf. Raus aus dem Leben.
Stress mit dem Vorgesetzten: Tippen, Whhhhhhusssh – weg.
Abflussrohr verstopft: Aufschreiben. Whhhhhhusssh – weg.
Backpulver alle: Whhhhhhusssh – weg.
Liebeskummer: klicker-di-klacker-di-klack. Whuuuush – weg.
„Hallo WMF, mir ist Kartoffelpürree im Topf angebrannt. Den krieg ich nie wieder sauber.“ Aufschreiben. Losschicken. Scheiss auf den Topf.
„Ach ärgerlich, schon wieder gute Viertausend Euro im Dispo, aber die Uhr ist echt schön, die musste ich haben. Und mein Schuldenberg wächst.“ Whhhhhhusssh – welcher Schuldenberg?
„Liebes Mailprogramm, mir ist ein gigantischer Auftrag durch die Lappen gegangen, weil ich mich wirklich außerordentlich dumm verhalten habe. Jetzt fehlen der Firma 1.7 Millionen. Sorry.“ Aufschreiben, losschicken, egal. Und dann am nächsten Tag zur Arbeit und fragen: „Na, Jungs? Heute Mittag mal schön Currywurst?“
Es wäre so schön. Reset per Mail. Oder WhatsApp. Früher ging das nicht.

Ich konnte mich wieder um meine anderen Probleme kümmern, um mein ziemlich neues Fahrrad, ein petrolblaues, kompliziertes Biest aus Aluminium und Steckverbindungen und einem Riemenantrieb. Ein Rad, auf dem ich sitze wie ein Affe auf einem Schleifstein.
Und natürlich konnte ich mich um meine Familie kümmern und meinen Job und um Freunde, um meine anderen paar Millionen Sorgen.

Ein paar Tage später klingelte mein Telefon. Auf dem Display stand „Unbekannter Teilnehmer.“, bin aber trotzdem rangegangen. Am anderen Ende die Mensch gewordene gute Laune. „Haha, ja. Na klar können Sie.“
So fing unser Gespräch an. Und ich fragte mich natürlich, wem ich meine Nummer gegeben habe und in was für einem Zustand ich gewesen sein muss.
Warum werde ich angerufen?
Wer ruft einen heutzutage eigentlich noch an? Es gibt doch Mails. Und Nachrichtenkurzdiente. Und WhatsApp. 

Wie haben die Leute das früher im Wählscheibenzeitalter gemacht?
Das Schützengraben-Brakelit-Telefon, das schon im ersten Weltkrieg an der belgischen Front im Einsatz war, hängt im Flur, das Kabel ist nur 1.5 Meter lang, der Hörer 8 Kilo schwer. Und dann wählt man eine Nummer – am besten noch eine mit Vorwahl. Insgesamt 46 Zahlen.
Das dauert ein paar Minuten und die Finger nutzen sich davon ab wie Tafelkreide. Vieltelefonierer der 70 und 80er Jahre hat man an den sehr kurzen Fingern erkannt, abgeraspelt an der Wählscheibe. Und am schiefen Gang. Der kam von den verkürzten Halssehnen – vom Hörereinklemmen, wenn man diese ellenlangen Nummern aufschreiben musste.

Und dann wählt man sich sechzehn Stunden lang die Fingerkuppen ab – und es ist besetzt. Und man versucht es nochmal. Und nach vielen Neumonden und Winterschlussverkäufen geht ein genervter Vater ran und bundeswehroffiziert ins Telefon. „Schmidt!“. Und allein diese Stimme pulverisierte die Wirbelsäule, man sackt zusammen und wollte doch eigentlich so dringend die 14jährige Nina sprechen. Und das Knacken in der Leitung klingt so als würde im Hintergrund eine Schrotflinte durchgeladen. Und dann: „Ich – äh – äh – äh – äh…“
Tuuuuut – Tuuuuuut – Tuuuuuut.

So sind viele Teenie-Romanzen gar nicht erst entstanden. Wie viele Beziehungen wurden durch Wählscheibentelefone verhindert? Wie viele Kinder nicht geboren? Wie viele Familienwagen nicht gekauft, wie viele Einfamilienhäuser nicht gebaut?
Die leeren Liegen am Pool in Spanien sind die Mahnmale für die verhinderten Ehen.
Heute geht das ja ganz einfach. Tinder. WhatsApp. „Bock auf Poppen?“ „Klar, komm rum, bring noch ein paar Freunde mit. Dann legen wir los. Wir streamen den Porno direkt ins Netz, unsere Lehrer gucken auch zu.“ „Gut, bis gleich.“

Ich wusste immer noch nicht, wer da am anderen Ende war und gute Laune versprühte.
„Sie können nächsten Dienstag um 8:30 vorbeikommen. Adresse haben Sie ja, wir freuen uns auf Sie.“

Diese Information spürte ich sogar in meinem Testikel.
Es bimmelte im Hodensack. Klar. Der dynamische Urologe. 

Frisch geduscht, ohne Frühstück, ein bisschen angeschwitzt vom Radfahren bin ich da am nächsten Dienstag aufgeschlagen. Etwas früh, ich war um 7 da. Und ich war so aufgeregt wie vor der entscheidenden Abi-Klausur.

Drinnen war alles wirklich sehr modern – so wie es die Website versprach. Eine Mischung aus Raumschiff, Fashion-Store und Berliner Start-Up. Und ein bisschen Arztpraxis. Modernste Computer, auf dem Tresen aus Tropenholz standen Duftstäbchen, die den Duft „ultimate Relaxation“ verteilten. Zimt-Vanille-Koriander mit einer leichten Lavendel-Note. Dinge, die man sich nicht mal als Duftbaum in vollgequarzten Opel Kadett gewünscht hätte.
Die Mitarbeiter trugen weinrote Uniformen, das Wartezimmer war voll und mir wurde noch schnell ein Angebot gemacht. „Das kleine Programm oder für einen Aufpreis von 189 Euro das Große.“
Ich habe das Große genommen, damit ich die komplette Gewissheit haben würde. Inklusive Ultraschall.

Als ich da im Wartezimmer saß, bin ich alle 823873423462342389 Milliarden Einträge von Google durchgegangen. Und war gerade bei Eintrag Nummer 63 („habe gehört, dass einem bei Hodenkrebs auch die Füße abfaulen sollen.“), als mein Name aufgerufen wurde.

Zunächst wurde ich durch ein Labyrinth geführt und auf einen Stuhl geschnallt. Mir wurde eine Kanüle von der Größe einer Straßenlaterne in die Vene gerammt. Ungefähr 30 Liter abgezapftes Blut später wurde ich ins Zimmer geholt. Blass. Zittrig. Nassgeschwitzt.

Ärzte.

Das Bild, das man im Kopf hat, wenn man „Arzt“ hört, ist ein alter Mann in einem Kittel. Gern mit Halbglatze. Und vielleicht nur mit einem Arm – es war ein Schrapnell an der Ostfront. Oder eine liebevolle Arztomi, die einem erzählt hat, dass ihre Enkel jetzt auch schon in die zwölfte Klasse gehen.
Der Blick auf diesen sehr durchtrainierten Mann, der jetzt mit wehendem Kittel und weißen NIKE Air-Schuhen reingetanzt kam, ließ mich nochmal um ein paar Jahre altern. Obwohl ich ihn schon vom Foto der Website kannte – ein Discotyp. Zwei Meter groß, geschmeidige Bewegungen, perfekte Zähne. Der einzige Makel war die etwas zu große Nase. Spitz und gefährlich, wie ein Raubvogelschnabel.

„So, herzlich Willkommen beim Eier-TÜV. Erzählen Sie mal.“
Dann gab er mir die Hand. Kann aber auch sein, dass ich einer hydraulischen Rettungsschere mit einer Quetschkraft von 120 Kilonewton die Hand gegeben habe. Die Abdrücke davon sind noch heute zu sehen.
Ich habe erzählt, dass es mir nicht gut geht, dass ein Klassenkamerad aus der ersten Klasse Hodenkrebs hat.“

Während er mir die ersten beiden Frage gestellt hat, hat er auf das Klemmbrett vor sich geguckt und mit einem hellblauen Kugelschreiber Notizen gemacht.
„Zieht es beim Wasserlassen?“ und „Haben Sie etwas Ungewöhliches ertastet?“
Bei der dritten Frage hat er mir ins Gesicht geguckt. Vielleicht hat er aber auch gezielt… „Haben Sie gegoogelt?“ 

Meine Antworten waren: „Nein“, „Nein“ und „Äh.“

Sein Blick. Dieser Blick. Wissen und Enttäuschung. Es war ihm klar. Ich war auch so einer.
„Gut. Stellen Sie sich mal hin – Sie kennen das noch von der Musterung. Bitte ziehen Sie die Hose runter.“
Er zog sich Latexhandschuhe an, die Handschuhränder  knallten auf sein Handgelenk – und dann stand ich da. Mit runtergelassener Hose.
„Husten sie mal.“ Öchel.
„Und jetzt gehen Sie mal zur Liege rüber.“ Wackel. Ich bin dann so rübergeschlendert wie wenn man schnell zur Tür muss, weil es geklingelt hat, man aber gerade gemütlich auf dem Topf saß.

„Legen Sie sich bitte mal auf den Rücken.“
Natürlich habe ich mich auf den Bauch gelegt.
„A-u-f d-e-n R-ü-c-k-e-n.“
„Haha. Morgens höre ich noch nicht so gut.“
„Ja. Und mich kosten Sie nur Zeit.“

Ich war mir sicher, dass er mir jetzt mit seinem Schnabel ins Gesicht hacken würde. Um mir, dem schüchternen Küken, das gegoogelt hat und das auf der Schlachtbank vor ihm lag, die Augen auszuhacken. Hack! Hack! Hack! Und bei jedem Stoß würde er mir vorwerfen, dass Leute wie ich ihn nur Hack! Zeit Hack! kosten Hack! würden. Hack!

Hack! Hack! Hack! Blut! Fleisch! Schmerzen. Aber immerhin müsste ich die blutenden Wunden und die Fleischfetzen nicht auch noch sehen müssen – weil ich ja keine Augen mehr haben würde.

Ich lag da. Meine Augen zugekniffen, mein Glied wie eine welke Blume. Eine Lilie, die schon alle Blätter verloren hat. Schlaff, in sich gekehrt. Totes Fleisch, von weicher Haut umhüllt. Ein Souffleé, das implodiert ist.
Er hat mir dann auf den Bauch gespritzt. Kalten Glibber – und ist mit dem Ultraschallgerät über meinen Bauch gefahren. Über meinen blassen Bauch, der aussieht wie ein Mozarella, der vor ein paar Monaten hinter den Herd gerollt ist. Und dann hat er auf den Bildschirm gezeigt, wo ein schlechtes Satellitenbild der Alpen zu sehen war. Oder ein Computerabsturz. Auf eine kleine Bohne hat er gezeigt und gesagt: „Niere gut. Blase gut. Hier ist alles in Ordnung.“

„Bitte drehen Sie sich auf die Seite.“

Uuuuumpf.

Die U-Boote der Klasse 212 A sind die modernsten U-Boote  der Deutschen Marine. Sie sind weltweit die ersten außenluftunabhängigen Boote, deren Antriebsanlage für Tauchfahrten auf Brennstoffzellen basiert.
Ein U-Boot der Klasse 212A ist 56 Meter lang, 7 Meter breit und elfeinhalb Meter hoch.

Und so eins wurde mir jetzt, nachdem es kurz in Vaseline getaucht wurde, rektal eingeführt.

Als ich da lag, war ich ein schwitzendes, unterzuckertes Wrack mit einem U-Boot im Leib. Und das war genau der Moment, in dem ich daran denken musste, dass ich ja am Vortag Lauchsuppe gegessen habe.

Nachdem er noch ein bisschen in mir rumgewühlt hatte, sagte die fröhliche Stimme, dass bei mir alles in Ordnung ist.
Er holte eine Rolle Haushaltspapier von 1941, kann auch Raufasertapete gewesen sein, dann durfte ich mir das Gleitgel am Hintern abwischen. Ich stand da sprachlos mit heruntergelassener Hose, beschämt, mit Haushaltspapier in der Hand. Und dann sagte er: „Ist ok. Machen Sie mal.“
Und dann habe ich mir den Hintern abgewischt. Es war furchtbar. Er sagte noch, dass ich mal meine Sitzposition beim Fahrrad überprüfen sollte. Das könnte eine Ursache für die Schmerzen sein.

Ich war heilfroh. Nicht nur weil ich mich überwunden hatte und beim Arzt war. Auch weil bei mir alles bestens ist. Vor allen Dingen war ich erleichtert, dass ich den Mann nicht auch noch mit einem Lauchsuppenfurz angepustet habe.
 
Ein paar Tage später habe ich meinen kleinen Sohn vom Turnen abgeholt.
Und als ich da mit vielen anderen Eltern in der Umkleidekabine stand und meinem Sohn beim Umziehen assistiert habe, ging die Tür auf und jemand kam rein. Auf klackernden Radschuhen, mit Radhelm und Radklamotten. Er guckte durch den Raum, suchte jemanden, unsere Blicke haben sich getroffen. Wir haben uns aber nicht sofort erkannt.
Hätten sich nur sein U-Boot-großer Zeigefinger und mein Poloch getroffen, hätten sie sich ganz schnell und unverbindlich gegrüßt.
So war es eine Mischung aus: „Ich will echt keine Patienten in meiner Freizeit sehen“ und „Oh Nein! Das ist so peinlichpeinlichpeinlich!“

Tja. Das war schlimm. Aber: Kein Hodenkrebs.

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WENN man das Gefühl hat, dass was mit einem nicht stimmt, sollte man nicht bei Google gucken. Oder Nachts halbgare Eigendiagnosen ins Kopfkissen schwitzen.

DANN sollte man zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Man bekommt eine Diagnose (die in meinem Fall glücklicherweise gut war.). Das Schlimmste, was passieren konnte: diese hochpeinliche Situation. Aber auch sowas geht vorbei – und wird irgendwann von anderen (vielleicht noch peinlicheren) Situationen überlagert.

SONST dreht man irgendwann wirklich durch und taucht in eine dunkle Abwärtsspirale. Und das ist dann irgendwann nicht mehr so lustig. Ich habe das Fahrrad, auf dem ich gesessen habe wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, verkauft – und mir ein neues, gemütliches Fahrrad zugelegt.
Und es ist alles besser geworden. 

SOCIAL MEDIA

Die sozialen Medien gehören mittlerweile zum Alltag wie die FFP2-Maske. In regelmäßigen Abständen ploppen neue Kanäle und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten auf, die von den Communities gehassliebt werden wie eine Tüte Chips, die man sich beim Binge-Watching reinzieht. Hier eine kleine Übersicht.
(Quelle: Internet.)

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Facebook ist das Altenheim der sozialen Medien. Verknöcherte Gichtfinger hämmern hier größtenteils Inhalte in die Tastatur, in denen aufgezeigt wird, was früher alles besser war.
Kommentarspalten werden mit Lachsmileys und Denken geflutet, das so fortschrittlich ist wie ein VHS-Recorder. „Wisst ihr noch? Damals, der Rübenkaffee 1945 / 46. War gar nicht so schlecht.“ und „Unter fünf Liter spricht man nicht von Hubraum!“
Facebook hat mittlerweile das Image von Phil Collins in seinen schlechtesten Zeiten oder einer juckenden Geschlechtskrankheit. Über 31 Millionen Leute sind aber immer noch hier. „Aber nur wegen der Nachrichten.“

Instagram ist der Spiegel im Flur, in den man guckt, bevor man rausgeht, den Schal noch ein bisschen zurecht zupft und die eine störrische Haarsträhne hinters Ohr klemmt.
„Passen die Schuhe zum Gürtel? Ist der T-Shirt-Kragen gut so? Was ist mit der Tasche? Soll ich nochmal tauschen…..Moment….“
Für viele ist es auch der Spiegel, der über dem Bett hängt, in den man guckt, während man es sich selbst macht. „Och ja, ich würde mich ja selbst f***en.“
Auf Instagram sind die Leute, die nicht mehr auf Facebook sind, weil Facebook ja eine miese Datenkrake und Instagram ja viel geiler ist. Dass Instagram = Facebook ist, wird geflissentlich wegignoriert und hinters Ohr geklemmt wie eine störende Haarsträhne.

YouTube ist für die einen das eigene Medienimperium, wo man zu einer Mischung aus Rupert Murdoch, Markus Lanz und Tim Mälzer wird und sich mit ganz neuen Formaten selbst verwirklichen kann. „Guck mal, schon 39 Views für meine Panflöten-Bauanleitung aus Strohhalmen und Kabelbindern.“
YouTube verhält sich in den allermeisten Fällen zu einem professionellen Medienunternehmen wie ein Lego Duplo-Starter-Set zu einer 30 Quadratmeter großen Platine der NASA.
Für sehr viele andere ist YouTube die TV-Fernbedienung mit Drölfundachtzig Milliarden Tasten und Kanälen.
Jetzt Drölfundneunzig.

TikTok ist die kleine Dose Red Bull.
Der schnelle visuelle Experimentierkasten mit Häppcheninhalten, die irgendwo zwischen Hirnrinde und Auge passen.
Alles ein bisschen bunt und klebrig und schnell wegkonsumierbar.

Vimeo ist das ARTE der Videoplattformen.
Wie ein Abendessen bei einem Architektenpaar, das nur japanischen Geheimtipp-Jazz aus einer High-End-Anlage mit Boxen aus der schwäbischen Boxen-Manufaktur hört und wo es zu kanadischem Räucherlachs Gespräche über das Feuilleton aus der NY Times gibt.

Twitter ist die Bare-Knuckle-Kampfarena für Leute, die sich größer und wichtiger fühlen als sie sind.
Hier gibt es einfach straight aufs Maul. Egal, von wem. Egal, für was.

LinkedIn ist der Mittvierziger, der nochmal durchstartet und sich fühlt wie ein Mittzwanziger, der schon so viel Plan hat wie ein Mittvierziger.
Kein Alkohol, keine Drogen, kein Fleisch, kein Zucker mehr. Nur noch sanft aufgebrühten Tee und das Surfcamp in Portugal. Und Yoga.
Und der einem ungefragt vom Lebenswandel und den neuen Projekten erzählt. (Eine App, die ausrechnet, welche Wellen an welchem Strand gut für dich sind. In Bezug auf Gewicht, Können und Körpergröße, dazu gibt es echt gute Ernährungstipps für schlappe 10,99 € im Monat.)

Snapchat ist der kleine Laserpointer, mit dem man Katzen ärgert. Die armen Viecher (User:Innen) hechten einem visuellen Reiz hinterher und zack – ist der auch schon wieder weg.

Clubhouse der exklusive norwegische Coffee/Barbershop-Geheimtipp, wo man beim Warten auf den Kaffee (die Bohnen werden mit einem handgeschmiedeten Bohnenlöffel aus einer alten norwegischen Fischerdose in einen Steinmörser gelegt und da langsam mit einem Walzahn gebrochen und gemahlen) echt suuuuuuuperinteressanten Gesprächen lauschen kann.
Und der bald wieder schließen wird.

Xing ist der Typ im Karohemd auf der WG-Party, der sich gerade die achte Portion Kartoffelsalat vom Buffet auf seinen Teller schaufelt und der nach dem elften Bier die Flasche Hela-Curry-Ketchup ext.

Pinterest ist die vollgeklebte Kühlschranktür von Lisa in ihrer ersten Wohnung. Voller schöner Farben, Sofas und Sonnenuntergänge, die von halblustigen Kühlschrankmagneten festgehalten werden.

Fax machine ist beliebteste social Media-Tool für 80 % aller Deutschen. Allerdings ganz modern mit Thermopapier.



DIE LISTE.

Eine hübsche Lautsprecherstimme rief mich persönlich auf und befahl mir, mich in Raum 328 einzufinden. Und da saß ich jetzt, vor mir eine Mittvierzigerin, die sich ziemlich erfolgreich für Anfang dreißig hielt. Im Ohr hatte ich immer noch das Quietschen der Gummisohlen auf dem blau marmorierten Linoleumboden, mit dem der schätzungsweise vier Kilometer lange Flur ausgelegt ist. Routiniert, für mich und mein zartes Gemüt etwas zu routiniert, reichte sie mir eine Liste, stellte eine Stoppuhr auf und spulte ihren Text herunter.

„Hier die Liste. Suchen Sie sich was aus.“

„Irgendwas?“

„Ja.“

„Also einfach so irgendwas?“

„Suchen sie sich ganz einfach irgendwas aus.“

Ihr Blick erfasste jede meiner Körperzellen. Sah sie jeden so durchdringend an? Schielte sie leicht? Quietschen Ledersohlen auch auf Linoleum? Was würde mich hier überhaupt erwarten? Langsam begannen meine Nieren, die erste kleine Einheit Adrenalin in meine Blutbahn zu pumpen. Sie startete die Stoppuhr.

„Gut. Ich lass Sie jetzt allein, in ziemlich genau einer Stunde bin ich wieder da.“

„Danke“

„Oh. Gern geschehen“.

Wir sahen uns einen Moment lang in die Augen. Ihr Blick wollte mir verraten, dass sie frischem Welpenfleisch nicht abgeneigt war. Sie schient auch gern kleine Kinder zu treten.

„Gut. Ich fang dann einfach schon mal an zu blättern“.

Fragte sich nur, womit, denn meine Hände waren jetzt so schweißdurchflutet, dass ich sämtliche Bewässerungsprobleme aller Wüstenstaaten der Welt allein durch die Nähe meiner Fingerkuppen hätte lösen können.

„Sie haben noch exakt 58 Minuten und 26 Sekunden“, sagte sie, ohne auf die Uhr zu gucken.

Sie drehte sich um und schlüpfte durch den Türrahmen nach draußen. Die Tür, feuerfest, hellgrau und schätzungsweise mehrere Tonnen schwer, war auf dem besten Weg, ins Schloß zu schnappen und erst nach einer Stunde wieder geöffnet zu werden.

„Äh…“

Wortlos sah sie sich um und warf mir einen Blick zu, der die gesamte Fauna ausrotten konnte.

„Ich wollte nur noch kurz wissen, ob ich eine Sache oder mehrere, also ich meine muss ich…“

„Eine Sache. Sie haben jetzt noch genau 57 Minuten und elf….zehn….neun….Sekunden, um sich eine einzige Sache auszusuchen. Eine Sache, 60 Minuten. So wie es im Vertrag steht, den sie eben gerade unterschrieben haben. Da stand drin, dass sie heute hier sind, um sich eine Sache auszusuchen, die ihr Leben verändern wird. Und da stand drin, dass sie, sobald sie diesen Raum betreten und die Liste vor sich liegen haben, genau sechzig Minuten Zeit haben, sich diese eine lebensverändernde Sache auszusuchen, die wir dann für sie umsetzen werden. Eine Sache. Eine. Noch Fragen?“

Klack. Dann fiel die Tür ins Schloss.

In mir hatte ich das gesammelte Selbstvertrauen eines kleinen Jungen, der gerade beim Bonbonklauen erwischt wurde.
Jetzt war ich allein in diesem Raum. Allein mit dem Tisch, auf dem der Wecker stand und dem Katalog. Die Sekunden verstrichen. Und noch mehr Sekunden verstrichen. Dann erst schlug ich die erste Seite auf. Das Umblättern rang mir mehr Kraft ab als ich für einen Marathon gebraucht hätte – den Mount Everest rauf.
Die Worte, auf dem Papier der ersten Seite waren noch dabei, sich durch meine Pupillen zu zwängen und den Weg in mein Gehirn zu suchen, als meine Gedanken abschweiften. Ich musste an die Anzeige denken, auf die ich mich zwei Wochen vorher beworben hatte.

Unter der Rubrik „Sonstiges“ stand: Machen Sie mehr aus sich!. In nur einer Stunde können Sie bei uns Ihr Leben verändern. Anruf genügt. INSAS Institut, Böblingen

Ich hatte damals überhaupt nichts zu tun und rief da an. Job weg. Freundin weg. Auto weg. Freunde weg. Freude weg. Alles weg. Nur die Langeweile, die auf mir lag wie ein Zementsack, war da. So konnte es nicht weitergehen. Also rief ich da an.

Erstaunlicherweise bin ich gleich durchgekommen und das größte Wunder war, dass sie mich tatsächlich eingeladen haben. Nicht mal die Fahrt musste ich bezahlen.

Und jetzt lag sie vor mir: Die Liste.
Darauf standen die Dinge, aus denen ich eine Sache auswählen musste. Eine Sache. Eine. Nicht mal mehr 40 Minuten.

Also was nehm ich?

Ein Matschauge für den Rest des Lebens?
Einen nervenden Nachbarn, der immer mit einem umzieht?
Hypochondrie?
Chronisch Pleite sein?
Faulige Füße?
Jemanden aus versehen töten?
Eine Psychose?
Zu viel Geld?
Neider?
Ständiger Misserfolg?
Vergessen werden?
Eine sehr schwache Blase?
Cotton Eye Joe als Dauerohrwurm?
Angst vor Türen?
Immer zu spät sein?
Jeden Monat einen Wohnungsbrand?
Gedanken lesen können?
Nie wieder richtig verstanden werden?
Immer das falsche kaufen?
Immer falsch abbiegen?
Immer über das Falsche lachen?
Nur unfreundliche Menschen, die einem begegnen?
Nie wieder zufrieden sein?
Die Sorgen eines anderen?
Immer betrogen werden, egal, was ich mache?
Sehr unangenehmer Körpergeruch?
Jedes Fettnäpfchen mitnehmen?
Das Gefühl verlieren?
Süchtig nach DIN A 3-Papier sein?
Perfekter Perfektionismus?

Nicht mal mehr fünf Minuten.

Vielleicht sollte ich einfach die Unentschlossenheit nehmen.

Oder?

WAS FÜR EIN SPIEL!

„Unerklärlich“, „unbegreifbar“, „noch nie sowas erlebt“, „absolut kacke!“, „die da oben wollen uns doch verarschen!“: Die deutsche Bevölkerung und die Trainerin Angela Merkel rangen nach dem Impfdebakel gegen Covid-19 um Worte.
Das, was da gerade auf den 357581 Quadratkilometern passiert, kann noch keiner von ihnen so recht fassen.

Viele Wochen hatte die deutsche Mannschaft eine der besten Leistungen der letzten Jahre gezeigt. Gegen ein aggressives Virus kombinierte das Team konzentriert, sicher und oft spektakulär.
In einer überragenden Anfangsphase wurde der Laden hinten dichtgemacht und vorne gut reinkombiniert. Das hervorragend eingestellte und eingespielte Team ging hochmotiviert zur Sache.

Die Zahlen waren, gemessen an den Umständen, fantastisch, alles sah nach einer fast mühelosen Krisenbewältigung aus. Statt wie erwartet als schwerste Pandemie präsentierte sich Covid-19 als beherrschbares Virus. „Wir haben wochenlang alles im Griff gehabt, die schlimmste Phase dominiert. Durch schlaue Maßnahmen und durch die märchenhafte Biontech-Geschichte“, sagte Merkel später. „Einen so klaren Vorsprung aus der Hand zu geben, ist normalerweise nicht möglich. Wir haben den Impfstoff entwickelt. Im ganzen Land herrscht jetzt Totenstille. Alle hängen zu Hause in ihren Sesseln und Sofas und sind entweder total wütend oder komplett sprachlos“, so die Kanzlerin.

Angeführt von der britischen Covid-Mutante B.1.1.7 

Mit der ersten Mutation bestimmte schnell wieder das Virus die Partie.
Unklare Lockerungsdiskussionen, freidrehende Ministerpräsidenten, eine von ekelhaft spielenden Boulevardjournalisten und Verschwörungstheoretikern aufgepeitschte, wütende Bevölkerung und eine verheerende Impfstrategie brachten das Virus zurück ins Spiel.

„Es ist darauf zurückzuführen, dass jeder sich zu sicher gefühlt und einen Schritt weniger gemacht hat“, versuchte sich Prof. Christian Drosten an einer ersten Analyse. „Wenn man erst alles unter Kontrolle hat und am Ende stehen wir nach vielen Wochen mit einer mickrigen Impfquote da, dann ist was schief gelaufen“, sagte eine Pflegekraft, die nicht genannt werden möchte: „Nach Weihnachten ist alles zusammengebrochen, das darf einem Spitzenteam, das in Führung liegt, nicht passieren.“

Die Wissenschaftler machten von Beginn an viel Druck auf das Virus. Ratschläge wurden befolgt, es wurde gut zusammengearbeitet, Probleme wurden angegangen und schnell gelöst. Ungewöhnliche Maßnahmen, wie zum Beispiel die Senkung der Mehrwertsteuer, Balkonklatschen für Pflegepersonal und wirklich gut durchdachte Hygienekonzepte reihten sich aneinander. Die Abwehrarbeit war hervorragend. Auch, weil Deutschland mit Jens Spahn einen gut spielenden Gesundheitsminister hatte. Die Zahlen stimmten – während viele europäische Nachbarn extrem zu leiden hatten, stand Deutschland verhältnismäßig gut da.

Die meisten Deutschen waren extrem diszipliniert, Abstandsregeln, Händewaschen, Homeschooling und Homeoffice liefen den Umständen entsprechend gut, es wurde schnell eine App entwickelt. Die Solidarität war hoch. Die Maßnahmen griffen.

Das Virus schien unter Kontrolle, die heißen Sommertemperaturen taten ihr Übriges. Das Land konnte aufatmen – und das inmitten einer Pandemie, die die menschliche Lunge zerstört.

Als der Impfstoff entwickelt und zugelassen wurde, schien die der Kampf gegen das Virus entschieden. Jeder in der Bevölkerung wusste, was ein Inzidenzwert ist, die Regeln schienen klar, man wusste, was zu tun – und was zu lassen war. Die Erleichterung war bis in die Intensivstationen zu spüren. Dann brach alles zusammen. Erst kam Weihnachten, dann die Mutante. Dann das Versagen. Und dann stiegen die Zahlen.

Falsche Entscheidungen und falsche Diskussionen

Innerhalb von wenigen Augenblicken war Covid-19 zurück in der Partie. Fast jede Neuinfizierung sorgte plötzlich für Gefahr, nun war es Deutschland, das sich kaum befreien konnte. Unklare Bestimmungen, planloses Handeln, Falschbestellungen, Unsicherheit und ein föderalistisches System, das nicht mehr zum grenzenlos agierenden Virus passte. Die einzig erwähnenswerte Aktion: der neue Candy Crush-Rekord vom CDU-Vorsitzenden Armin Laschet.

Eine lächerliche Impfquote, undurchsichtige Aktionen und Bestimmungen, die man nicht ernst nehmen kann – das waren die aktuellen Ergebnisse. Auf einem Corona-Gipfel wurde vom Spielfeldrand reingeschrien, was zu tun ist. „Hintenrum!“, „Quer!“, „Mach du, ich weiß auch nicht!“, „Locker!“, „Easy!“, „Kneipe!“
Und Bundestrainerin Merkel hat kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit den letzten Trumpf aus dem Ärmel gezogen: Die Taskforce zur Impflogistik wurde eingewechselt.

„Der Verkehrsminister Andreas Scheuer hat unser vollstes Vertrauen – er hat schon oft in entscheidenden Situationen gezeigt, was in ihm steckt.“, sagte Merkel. „Denken Sie allein an die Maut.“

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Am 27. Dezember 2020 wurden in Deutschland die ersten Menschen gegen Covid-19 geimpft. Bis zum 04. März 2021 wurden in Deutschland 4.541.389 Menschen geimpft. Das sind gerade mal 5.5 % der Bevölkerung.

Hier der original-Spielbericht:

https://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-nationalmannschaft-deutschland-spielt-nur-4-4-gegen-schweden-a-861690.html

SEHR GUT!

Tja. Die Leidtragenden der Pandemie: alle (bis auf die wenigen Ausnahmen, die aus der Pandemie einen saftigen Profit schlagen).

Für die allermeisten wird sich das Leben allerdings irgendwann demnächst wieder irgendwo Richtung Normalempfinden einpendeln. „Irgendwann demnächst, irgendwo“ – das waren jetzt viele weiche Wörter, schön unkonkret, ich weiß. Aber es wird besser werden, die Pandemie wird bald unter Kontrolle sein. Daran glaube ich fest.

Natürlich wird nichts mehr sein wie vorher, es wird viele Pleiten, viele fiese Schicksale und neue Gewohnheiten geben, aber in ein, zwei Jahren, vielleicht sogar schon in ein paar Monaten, wird man bei einem schalen Bier aus dem Plastikbecher auf einem Stadtfest stehen, sich zuprosten und sagen: „Wir hier! Das wäre 2020/21 nicht gegangen! Prost!“
Es kann natürlich jede andere vollkommen undenkbaren Situation sein, wie zum Beispiel: Bei einem Spaziergang anhalten, ohne Maske auf einer Parkbank sitzen oder einen Kindergeburtstag mit mehr als einem Kind feiern.

Kinder.

Sie sind die wirklich Leidtragenden: Kita-Kinder, die verzweifelte und ängstliche Home-Office-Eltern aushalten müssen, Grundschüler:innen, die von wütenden Eltern unterrichtet werden müssen, Jugendliche, die sich zwischen eigenem Hormonlotto, der Unfähigkeit der Lehrkörper und der Verzweiflung der Eltern entscheiden müssen.
Aber diese Kinder haben zumindest die Chance, irgendwann wieder in normalen Bahnen lernen zu können.

Wer das Leben lang mit einem Stigma und einer vollkommen zu Unrecht aufgerückten Etikettierung zu kämpfen haben wird, sind die Kinder und Jugendlichen, die genau jetzt ihren Abschluss machen. Egal, ob ESA, MSA oder Abi. (Erst-Schulabschluss, mittlerer Schulabschluss oder Abitur). Egal, welcher sozialen Schicht zugehörig.
Das sind laut statistischem Bundesamt mal eben kurz 1,8 Millionen Menschen.

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Schulen/_inhalt.html

Diese Kinder und Jugendlichen werden irgendwann in einem Vorstellungsgespräch sitzen – wenn sie es überhaupt bis dahin schaffen – und dann werden die Menschen am anderen Ende des Tisches die Augenbrauen hochziehen, die Lippen schürzen und mit verständnisvoller Stimme sagen: „Ah, ich sehe gerade: Corona-Abschluss…“, und in diesem Moment wird die Klappe fallen.
Der Senior Human Ressources-Manager oder Unternehmens-Boss wird wohlwollend eine von diesen übertrieben kleinen Minifläschchen Apfelsaft anbieten, was exakt das Äquivalent für die Chancen der Bewerberin oder des Bewerbers im Unternehmen ist: Mehr als eine Karikatur einer Chance wird das nicht sein.

Und genau dieses Bild, das gerade entsteht (nicht nur hier im Text, sondern vor allen Dingen in der Medienlandschaft), sollte schnellstmöglich gedreht werden.

Diese 1,8 Millionen Absolvent:innen haben in einer Pandemie, in der sehr viele Entscheider:innen so planlos umhergeirrt sind wie Hühner, denen man gerade den Kopf abgeschlagen hat, mal eben ihren Abschluss gemacht.
Und zwar trotz überforderter Lehrkräfte, einem bundesweiten Digitalisierungsstandard auf dem Niveau eines Faxgerätes von 1989, trotz sozialer Abnabelung, trotz maximaler Unsicherheit. Die können gar nicht anders als gut sein.

Und genau deshalb haben diese Absolvent:innen haben viel mehr verdient als eine verächtliche Alibi-Chance.

Liebe Personalabteilungen, wenn ihr jemanden mit einem 20/21er Abschluss bei euch sitzen habt: schiebt ihnen kein Minifläschchen Apfelsaft rüber. Stellt ihnen einen ganzen Kasten hin.
Das sind gute Leute. Sie können mit Druck umgehen, sie sind maximal flexibel und sehr viel besser als jede Abschlussnote es jemals ausdrücken könnte.

Und vor allen Dingen haben sie in der Pandemie etwas gelernt, was man in der Schule eben nicht beigebracht bekommt: Sie wissen, wie man durch eine Krise kommt.

Jedes ins Zeugnis gestempelte „ausreichend“ ist, gemessen an den Umständen, also ein „sehr gut“.

Mindestens.







DREI FRAGEN.

Wie soll man mit Autofahrern, die es noch nicht mal schaffen, beim Abbiegen ihren beschissenen Blinker zu benutzen, eine Verkehrswende hinbekommen?

Wie soll man mit ignoranten Trotteln, die es noch nicht mal schaffen, beim Einkaufen eine Maske zu tragen, eine Pandemie unter Kontrolle bringen?

Wie soll man mit engstirnigen Wählscheibengehirnen, die James Bond für echt halten, die Kredite für Autos aufnehmen, die zwei Tonnen wiegen und bei 250 Km/h automatisch abgeriegelt werden und deren Felgen ein Monatsgehalt kosten, die keinen Pauschalurlaub mehr im Hotel wollen, weil das ja pauschal und nicht angesagt ist, aber ohne mit der Wimper zu zucken zwei Wochen auf der AIDA buchen, die pro Sommer zwei bis drei Einweggrills, elfkommedrei Kilo Nackensteaks von der Tanke in Neonmarinade und 160 Liter Dosenbier verbrauchen, die ihren alten Saugdiesel anschmeissen, um die 400 Meter zum Supermarkt bollern, den sie verfluchen, weil es da keine Plastiktüten mehr gibt, die Bock auf Heizpilze, Bock auf Leistung, Bock auf Hubraum, Bock auf Shoppingtrips mit dem Düsenflieger nach Mailand, die Bock auf Vollgas, die Bock auf beheizte Whirlpools im Garten, die Bock auf schales Bier aus dünnwandingen Plastikbechern haben, eine Klimawende hinbekommen?

AAAAARRGGGLLL!!!

Wut auf die Maßnahmen. Wut auf die Regierung. Wut auf die Medien. Wut auf Karl Lauterbach. Wut auf die Kommentarspalte. Wut auf das Auto vor einem. Wut auf die Arbeit. Wut auf den Teppich. Wut auf das Haustier. Wut auf die Promis.
Wut auf die Reihenfolge. Wut auf die Enge. Wut auf die eigenen Kinder. Wut auf den Stammtisch. Wut auf den Staub. Wut auf die Frisur. Wut auf das Denken. Wut auf das Wetter. Wut auf die Zahlen. Wut auf die Folgen. Wut auf die Worte.
Wut auf die Wut.

Wut auf alles da draußen.

Ich möchte nicht klingen wie ein Dorfpastor oder irgendein YouTube-Mentalcoach, der einem basische Holzketten gegen den Schmerz für 1350,- Euro das Stück verkauft.

Aber die Wut ist nicht da draußen – sondern da drinnen, in einem selbst.

Ich kenne das – auch ich bin sehr oft sehr wütend. Es ist richtig und wichtig, die Wut rauszulassen. Schreien, Meckern, Stampfen, laut Musik hören. Rennen. was auch immer. Ich bin gerne wütend.
Aber es ist noch wichtiger, sie zu kontrollieren und irgendwann mal gut sein zu lassen.
Denn sonst übernimmt die Wut das Kommando. Wut treibt an, Wut beschleunigt, Wut macht noch wütender. Und noch wütender. Und so weiter.

Mitten in der ganzen Wut gibt es aber einen hellen Fleck: Die Besonnenheit.

Und es ist gar nicht so doof, bei der ganzen Wut da drinnen und da draußen, ab und an mal ein bisschen besonnener zu sein. Impulskontrolle ist eine gute Sache.

Gilt für mich, für viele Multiplikator:innen, für Medienmenschen, für Journalist:innen und für alle, die irgendwo in die Kommentarspalte schreiben.

Ok?

Easy. Danke.

(Ich lese mir diese Zeilen selbst vor, wenn ich mal wieder schäume. Denn ich bin noch lieber nicht wütend als wütend.)