IHR HABT DIE WAHL.

Am 27. Oktober 2019 sind in Thüringen Landtagswahlen. Es gibt ungefähr 1,8 Millionen Wahlberechtigte in 44 Wahlkreisen.
Den aktuellsten Umfragen nach liegt die AfD (laut Infratest Dimap) momentan bei 25 %.
Das sind 450.000 Menschen, die ihr Kreuz bei der AfD machen wollen.

Geht man mal davon aus, dass der „harte Kern“, also die wirklich Rechten, Leute, die „Muselmänner aus den Moscheen zerren wollen“, die sich auf Rechtsrockkonzerten 22 Liter Bier reintanken und deren Gehirne einem braunen Haufen Durchfall ähneln, 15 % der Wähler ausmachen, also Menschen, bei denen man nichts mehr machen kann, bleiben noch 10 %.

Das sind gut 180.000 Menschen, die die AfD wählen wollen, weil „die endlich mal sagen, wie es ist“, die die AfD wählen wollen, weil „die Altparteien nichts hinbekommen!“, die die AfD wählen wollen, weil „Danke Merkel!!1!!11!“.
Das sind die wankelmütigen Protestwähler, die enttäuschten Mitläufer, die nur eines denken: „Naja, wenn das alle machen, mach ich das auch.“

Das sind 180.00 Menschen, die die AfD zu sich ziehen will, indem sie sich verharmlost und sich als eine „bürgerlich-konservative“ Partei inszeniert.
Die sie aber nicht ist. 

Man kann davon ausgehen, dass diese 180.000 Menschen in Thüringen wissen, wen sie da wählen, trotzdem will ich gern nochmal sagen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Wen sie an die Macht heben wollen.  

Björn Höcke ist Geschichtslehrer und versucht mit seiner Rhetorik, in die Köpfe der Menschen einzudringen. Er nutzt genau wie seine Partei Mittel, mit denen schon die Nationalsozialisten die Massen manipuliert haben: Umdeutungen, Ideologisierung der Alltagssprache, wahnwitzige Übertreibungen.
„Unkontrollierte Flüchtlingsströme“, „Lügenpresse“, “Zwangsgebühren”, “Staatsfernsehen”.

Björn Höcke faselt von einer „tausendjährigen Zukunft Deutschlands.“
Genau der Höcke bezeichnet Sigmar Gabriel schon 2016 als „Volksverderber“.
Adolf Hitler schrieb in „Mein Kampf“: „Hätte man zu Kriegsbeginn (1914) und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet.“

Andere Beispiele für die Höcke-Rhetorik?
„Bewegungspartei“. „Entartung“, „Degeneration“, „Tat-Elite“, „Verfall, „dass Deutschland erwacht“.

Das sind alles Begriffe, die erwiesenermaßen der NS-Rhetorik entliehen sind, wie Andreas Diss recherchiert hat.
(Quelle:
https://www.diss-duisburg.de/2016/11/zur-ns-rhetorik-des-afd-politikers-bjoern-hoecke/)

Björn Höcke ist Geschichtslehrer.
Er weiß genau, was er sagt. Und er weiß ganz genau, was seine Worte anrichten können. Denn er hat gelernt (und gelehrt), dass aus Worten irgendwann auch Taten werden.
1933 fing auch mit Worten an. „Kauft nicht beim Juden!“, zum Beispiel. Später kam es zur Reichspogromnacht, zur „Polenaktion“, zum Holocaust.
Seit April 1933 wurden jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien im Deutschen Reich boykottiert. Heute werden Flüchtlingsheime angezündet und die antisemitischen Übergriffe steigen seit Jahren an. Und dem Mann geht es nicht mehr um Flüchtlinge und um „Umvolkung“. Ihm geht es um Deutschland.

Die Worte der Deutschen 1933 waren die ersten Warnsignale, darauf wollte aber niemand hören, man ist lieber blind dem Führer gefolgt. Haben alle anderen ja schließlich auch gemacht.
Und Jahre später haben die Leute „von alledem nichts gewusst.“

80 Jahre später will Björn Höcke unter Zuhilfenahme derselben Worten an die Macht. Er will die Leute mit genau den rhetorischen Mitteln hinter sich wissen. Derselbe Björn Höcke, der ein (sehr konfrontatives) Interview mit folgenden Worten abbricht:

Höcke: Passen Sie auf. Wir beenden das Interview, nur, dann ist klar … Wir wissen nicht, was kommt … Dann ist klar, dass es mit mir kein Interview mehr für Sie geben wird.

ZDF: Ist das eine Drohung?

Höcke: Nein. Das ist nur eine Aussage, weil ich auch nur ein Mensch bin. Ich bin auch nur ein Mensch, verstehen Sie?

ZDF: Und was könnte kommen? Wenn Sie sagen, wir wissen nicht, was kommt.

Höcke: Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande. Könnte doch sein.

Achtung: „Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande.“

Der Mann hat psychische Auffälligkeiten und will unbedingt an die Macht.
Und es ist vielleicht mal an der Zeit, daran zu erinnern, was seine Worte bewirken.
Nein. Ich werde Björn Höcke keine Schuld an dem Naziterror-Akt in Halle geben. Auch wenn man den Mann offiziell einen „Faschisten“ nennen darf. Auch wenn er für den Rechten Flügel der AfD steht. Der Mann steht sogar so weit rechts, wenn die Erde eine Scheibe wäre, würde er mit einem Bein schon in irgendeinem brauen Loch im All stehen. Oder im Führerhauptquartier.

Ich schweife ab.

Denn ich will nur kurz darauf aufmerksam machen, dass die Nazi-Rhetorik und die verbalen Vernichtungsphantasien der AfD und speziell von Höcke die Hemmungen gewaltbereiter Menschen sinken lassen. Wahrscheinlich ist schon so ungefähr jeder, der hier liest, im Netz von Rechten bedroht worden. Das ist nicht immer schön.
Noch unschöner ist, dass diese verbalen Drohungen mittlerweile in die Tat umgesetzt werden.
Erst der Mord an Walter Lübcke, dann der Terrorakt gegen Juden in Halle. Was soll denn noch kommen?

Höcke hat sich natürlich von dem Terrorakt distanziert (klar, sind ja bald Wahlen). Er hat geschrieben: 

„Mit großer Bestürzung habe ich von dem Terroranschlag in Halle erfahren.
Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer dieses völlig wahnhaften Verbrechens.

Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!“

Er schrieb vom „wahnhaften Verbrechen“.
Mit diesem kleinen Adjektiv bietet er dem Täter Schutz.
Wenn der nämlich „wahnhaft“ ist, ist er automatisch nicht ganz zurechnungsfähig. So wird der Täter ein „Psychokiller“ werden, ein „verwirrter Einzeltäter.“ Jemand, mit dem Höcke und die AfD ideologisch nichts zu tun haben. Was nicht ganz richtig ist.

Denn zu seiner Frage: („Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!“)

Das sind Neonazis.
Neonazis, die aus den Worten Taten werden lassen. Und solche Taten nennt man Naziterror.

Wir haben ein echtes Neonazi-Problem in Deutschland. Die Entnazifizierung ist noch längt nicht abgeschlossen.
Weil viel zu lange weggeguckt wurde.
Es gibt einen ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten, der Hetzjagden klein redet – und der die rechte Szene offenbar lange geschützt hat.
Es gibt einen NSU und dazu geshredderte Akten. Es verschwinden Waffen bei der Bundeswehr und der Polizei. Es gibt ein rechtes Netzwerk bei der Bundeswehr und der Polizei. Es gibt einen Schulterschluss der AfD mit der PEGIDA und der ultrarechten Bewegung „Pro Chemnitz“.
Wir haben Nazigruppierungen, die sich im Internet Löschkalk und Leichensäcke besorgen, es gibt „Terrorlisten“ auf denen 25.000 Menschen stehen.
Es gibt eine Kanzlerinkandidatin, die in dem Terrorakt mit zwei Toten und neun Verletzten allen Ernstes ein „Alarmsignal“ sieht.
Und es gibt ein Bundesland, das den Mann, der mit seiner Rhetorik die Nazis in diesem Land befeuert, mit einem (Haken)kreuz auf dem Wahlzettel an die Macht bringen kann.

Es muss jedem, der am 27. Oktober wählen darf, klar sein: Wer Höcke wählt, wählt einen Neonazi.
Wer die AfD wählt, wählt eine Partei, die einen Mann, den man offiziell als Faschisten bezeichnen darf (muss!) als Fraktionsvorsitzenden in Thüringen hat.
Wer die AfD wählt, wählt nicht Protest. Sondern Faschismus.
Wer die AfD wählt, wählt nicht die Zukunft. Sondern die dunkelste Vergangenheit, die es in Deutschland gibt.
Wer die AfD wählt, wählt nicht „endlich mal eine ordentliche Oppositionspartei“. Sondern Neonazis.

Ihr seid in Thüringen 180.000 Menschen, die einen Unterschied machen können. Geht unbedingt wählen. Zeigt, dass ihr aus der Geschichte gelernt habt. Fordert Veränderungen. Geht auf die Straße. Nehmt die Politiker in die Pflicht. Seid laut. Seid unbequem! Seid schlau!
Aber macht euer Protestkreuz aus Protest nicht bei der AfD.

Es sei denn, ihr wollt wirklich einem Faschisten eure Stimme geben.  

VIEL ZU VIEL ZU VIEL ZU SCHNELL.

Die Gehirne vieler Menschen laufen höchstens auf 56k. Die meisten auf Modem- und einige sogar auf Wählscheibengeschwindigkeit.
Aber die Informationsgeschwindigkeiten und vor allen Dingen die Auswirkungen der Informationen passieren in Lichtgeschwindigkeit.
Wir gucken den ganzen Tag in ein Stroboskoplicht und grillen unsere Gedanken.


Die Geschwindigkeit, in der sich kluge, belesene, eloquente Menschen in geifernde Hasskartoffeln verwandeln, ist absurd. Geschäftsführer erfolgreicher Unternehmen mutieren zu sabbernden Teufeln, die ihren Hass versprühen wie eine Rosette bei hartem Durchfall. Bildungsbürger verschanzen sich hinter kruden Thesen und Falschinformationen.
Wankelhirne stützen sich auf Verschwörungstheorien.
Die Geschwindigkeit, mit der Phänomene entstehen, mit der sich Lager bilden, mit der voll drauflos gehasst wird, ist absurd.

Die Masse an Informationen ist beängstigend. Es wird sich nicht mal mehr über das eigentliche Thema aufgeregt, sondern das Aufregen franst aus. Einer regt sich über das Thema auf, der nächste darüber, wie sich der erste aufregt. Ein Dritter regt sich über eine Sache auf, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, worüber sich wieder ein anderer aufregt. Und das regt viele andere auf. Runtergebrochen auf eine stark vereinfachte Rechnung sieht das so aus:

Sorge + Unwissenheit = Angst.

Beispiel Greta Thunberg: Eine 16jährige Frau krempelt innerhalb von 13 Monaten den Planeten um. Und zwar mit allen Mitteln, die ein 16jähriger Mensch hat.
Sie mahnt an, sich um das Klima zu kümmern. Es gibt viele (analoge und digitale) Follower. Sie tritt etwas los, sie ist der Beginn einer echten Bewegung. Hat vor ihr so keiner geschafft.
Sie spaltet. Es gibt Menschen, die ihr (blind) folgen und ebenfalls mahnen, es gibt Leute, die dazu gehören wollen, es gibt die träge Masse. Treiber, early adopter und Mainstream, um das mal mal aus Marketingsicht zu betrachten.
Viele Menschen jubeln sie hoch, ikonisieren sie, behandeln sie wie einen Popstar, oder vielmehr ein Produkt.
Sie ist in Talkshows, es gibt PR-Inszenierungen, es gibt weltweite Streiks.
Sie polarisiert. Sie segelt nach New York (und fliegt zurück), sie spricht vor der UN-Versammlung, sie gibt dem Ex-Präsidenten Barack Obama die Bro-Fist, sie serviert Donald Trump eiskalt ab.

Irre. Sie ist 16. Sechzehn.

Sie kann aber trotzdem nicht über Wasser laufen. Viele ihrer Fans sehen sie aber in dieser Rolle. Sie Fans schützen sie vor (auch berechtigter) Kritik und feiern sie für jede ihrer Aktionen, egal, was es ist – und sie teilen alles. Egal, ob Fernsehsehnder, ob Promi oder ob reichweitenstarkter Privatmensch. Das ist an der ein oder anderen Stelle ein bisschen übertrieben, denn das einzige, was sie tut, ist mahnen.
Die Menschen sollten ihre Mahnung ernst nehmen und statt sie endlos zu feiern und möglicherweise bald noch irgendeine Greta-Barbie rauszubringen, endlich handeln. Ganz klar.
Und vor allen Dingen ganz schnell.

Aber es gibt eben auch Menschen, die Greta Thunberg am liebsten eine großkalibrige Kugel in den Schädel jagen würden. In Zeitlupe. So dass es schön spritzt und matscht, während sie ihr noch ein bisschen in die Rippen treten können. Weil Greta Thunberg mahnt. Und nervt. Und weil man sein Leben ja anpassen und ändern müsste, wenn man das tun würde, was sie fordert.
Statt ihre mahnenden Worte ernst zu nehmen, wird jede ihrer Aktionen, jedes Interview, jeder Schluck, den sie aus einer Wasserflasche nimmt, seziert, mit Hass und Hetze garniert und in die digitale Welt gepustet.
Von Fernsehsehndern, Promis und reichweitenstarkten Privatmenschen.
Menschen wollen sich nicht verändern.
Sie hassen lieber. Ist vielleicht sowas wie Schutzhass.

ok.

Wenn die Menschheit jede Verhaltensänderung in der Geschichte so behandelt hätte, würde wir immer noch vor einer kalten Höhle sitzen, in der Hand zwei Feuersteine – und wir würden ablehnen, sie aneinander zu schlagen. Weil es ja was ändern würde. Und weil man die Folgen nicht absehen könnte. Und weil man findet, dass Beeren und rohes Gammelfleisch ganz ok schmecken. Wir hätten uns schon lange totgeschutzthasst. Sprechen würden wir auch nicht, weil man sich für jedes freundliche „hallo“ in die Fresse geben würde.

(Ich weiß: das war 1. Nicht das Thema und 2. ein wirklich unpassender Vergleich.)

Andere Beispiele als (ausgerechnet die nervige) Greta Thunberg, die wir mit Schutzhass überziehen?
Andere Dinge, die medial genau so zerfetzt werden? Und zwar von allen, weil mittlerweile jeder eine Tastatur und einen Internetzugang besitzt und im Grunde genommen agieren kann wie eine Zeitung oder ein Fernsehsender?

Gerne.

Elektromobilität. Faschismus. Windenergie. Feminismus. SUV. Kita-Plätze. Grillfleisch. Popcorn. Kreuzfahrtschiffe. Fahrradwege. Pfeffer. Konzerte. FC Bayern. Verfassungsschutz. Grenzen. Wollpullover. Tempolimit. Zucker. Reisen. Autotune. Instagram-Filter. Rente. Postleitzahlen. Paketboten. Halloween. Männer. Frauen. Ärzte. Haustiere. Mieten. Kindergeld. Ossi & Wessi. Hautfarbe. Dschungelcamp. Sachsen. Nationalelf. AfD. NSU. Polizei. Fleischersatz. Und so weiter.

Guckt mal im Netz, in eurer erweiterten Filterblase
Egal, welches Thema.
Schwarz.
Weiß.
Hart.
Scheiß.

Kaum Diskurs, viele gucken nicht mal mehr bis zum Tellerrand, weil der Hass die Sicht vernebelt. Die Augen verengt, die Hände schlagen Parolen in die Tastatur. Es ist ein einziges Aufpeitschen.

Vielleicht brauchen wir einfach eine andere Rechnung:

Sorge + Offenheit = Zuversicht.

Wäre doch zu schön, wenn Leute einfach ab und zu mal das Auto stehen ließen und aufs Fahrrad steigen würden, wenn sie ab und zu mal panierten Rosenkohl statt Schnitzel äßen und die Meinung eines anderen Menschen einfach mal stehen lassen könnten.

Wie viel geiler die Welt plötzlich wäre.  

351 GRAMM GESCHICHTE.

Dieser Stein, ein aus einem Stück Feuerstein gefertigtes Werkzeug, ist irgendwas zwischen 7500 und 4200 Jahre alt.
Ein geschliffenes Kernbeil, ein Relikt aus dem Neolithikum, der Jungsteinzeit.
Als aus diesem Stein ein Werkzeug gemacht wurde, stand die erste kulturelle Revolution der Menschheit an, ein Epochenwechsel.
Statt den Tieren hinter zu jagen, wurden die Menschen sesshaft.

Anstelle von Windschirmen aus Birkenreisig, die mit Pfählen in der Erde befestigt wurden, haben sich die Menschen erste Hütten ausgedacht.

Vorsichtige Ackerbauversuche wurden unternommen, Tiere wurden gehalten.

Und sie begannen zu töpfern.

Dieser Stein ist faszinierend und wiegt sehr schwer in der Hand.

Viel schwerer als die 351 Gramm.
Weil er, sobald er in der Hand liegt, Geschichten erzählt: Über die Menschen, die aus dem Feuerstein ein Werkzeug gemacht haben.
Darüber, wie es gewesen sein muss, wenn das Feuer ausgegangen ist.

Und er erzählt von den vielen Menschen, die ihn über viele tausend Jahre hinweg schon in der Hand hielten oder sogar als Werkzeug benutzt haben. Was haben sie damit gemacht? Sechs Wochen lang auf eine Birke eingedroschen, bis sie umgefallen ist? Speere geschnitzt? Tiere zerhackt?

Außerdem erzählt er davon, dass es, als er gefertigt wurde, nichts von dem gab, was uns heute umgibt und uns so wahnsinnig wichtig ist: Türen? Religionen? Grenzen? Politik? Kapuzenpullis? Steckdosen? Motoren? Bücher? Plastik? Kräne? Geld? Flugzeuge? Donuts? Marken? Zuchthunde? Telefone? HD-TV? Rente? Kreuzfahrten? Yoga? Parfum? Heizungsluft?

Seit ein paar Generationen ist dieser Stein in der Familie.
Mein Uropa, ein toller, weiser Mann, den ich sogar noch kennenlernen durfte, hat ihn vor ungefähr 100 Jahren gefunden.

In den Boberger Dünen war das, am Hamburger Stadtrand.
Vielleicht sogar zusammen mit seinem Sohn, meinem Opa, dem unbestritten allerbesten, allerklügsten und phantasiereichsten Opa der Welt.

Irgendwann auf einem ihrer vielen Spaziergänge haben sie ihn ausgebuddelt und mitgenommen, so die Erzählungen.
Aber vielleicht hat ihn auch mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Opa gefunden.
Oder dessen Ur-Ur-Ur-Oma. Wer weiß es genau?

Der Stein lag immer bei meinem Opa im Regal. Wenn er unterwegs war, oder Wichtiges vorhatte, war der Stein dabei – als Glücksbringer.
Vielleicht hatte er ihn auch dabei, als er meine Oma, die unbestritten allerlustigste Person der Welt, kennengelernt hat. Irgendwann 1929 oder 1934.

Mein Opa hat in damals Kneipen Klavier gespielt. Der Stein wird dabei gewesen sein, als mein Opa zur Wehrmacht eingezogen wurde.

„Ich habe immer daneben geschossen, absichtlich“, hat er mir früher immer erzählt und mir über den Kopf gestreichelt. Dabei hat er geblinzelt.

Die Wahrheit ist: er war vollkommen ungeeignet, nervlich nicht belastbar, hat gezittert, wenn er das Gewehr hielt – und hat wahrscheinlich nicht ein einziges Mal geschossen. Er wurde nach zwei Wochen wieder nach Hause geschickt.

Zum Glück.

Ich bin unendlich stolz auf meinen kriegs-untauglichen Opa, weil er nämlich um so friedenstauglicher war. Er konnte sprichwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun. (Er hat sogar extra Gemüse angebaut, damit Schnecken und Insekten genug zu Essen hatten – und wir unseren Spaß hatten, wenn sein Kopfsalat mit Fleischeinlage auf den Tisch gekommen ist. Schneckenpulen war angesagt.)

Der Stein war auch im Juli 1943 dabei, als die „Operation Gomorrha“ Hamburg zerstört und über 30.000 Menschen das Leben gekostet hat.

Mein Opa und meine Oma lebten damals in Hamm in einer kleinen Wohnung, mein Opa ist in der Gegend aufgewachsen, ist in der Wendenstrasse zur Schule gegangen. Die ganze Familie hat in der Gegend gewohnt – Eltern, Schwiegereltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins.
Die Arbeiterviertel Hamm, Rothenburgsort und Hammerbrook waren an diesem Tag das Ziel der britischen und amerikanischen Phosphorbomben.

Es gab mal wieder Fliegeralarm, alle mussten in den Bunker. Routine.

Der Stein ist natürlich mitgekommen.

Der Vater meiner Oma ist nicht gekommen, denn der wollte unbedingt draußen helfen, das brennende Hamburg zu löschen.

Ein Mensch gegen zehntausend Brandbomben.

Er ist dabei umgekommen, genau so wie 12 weitere Familienmitglieder meiner Oma. Sie haben es nicht in den Bunker geschafft, sondern nur in einen Keller. Ein kompletter Familienstrang weggebrannt, innerhalb von wenigen Stunden.

Meine Oma ist, nachdem die Stadt abgekühlt ist, raus aus dem Bunker und zurück zu ihrem Wohnhaus.
Da war aber nichts mehr, nur noch die Fassade – und der Mülleimer, der am Balkon hing. Alles verloren. Fast alle verloren.

Sie hat mir früher oft erzählt, wie das war. „Ach, ich habe so viele Tote gesehen…einige sind im weichen Asphalt stecken geblieben und wurden bei lebendigem Leib gebacken, andere sind einfach so verglüht, viele sind erstickt, kannst du dir nicht vorstellen.“

Meine Oma und mein Opa mussten nach dem Feuersturm, wie so viele Hamburger, raus aus Hamburg. Mein Ur-Ur-Uropa hat damals im heutigen Tschechien gelebt, da wollten sie hin, denn „da war ja noch Frieden“.
Erst ist meine Oma los, mein Opa wollte schnellstmöglich hinterher, hat aber natürlich nicht sofort funktioniert.
Meine Oma hat es relativ schnell geschafft, mein Opa ist durch das zerbombte Deutschland geirrt, größtenteils zu Fuß.

Immer dabei (in der zerknautschten Aktentasche): der Stein.

Die beiden waren monatelang getrennt, es gab aber einen hollywoodreifen Briefkontakt. Denn meine Oma hat einem Soldaten, der von der Ostfront nach Hamburg auf Heimaturlaub durfte, einen Brief mitgegeben.

Und dieser Brief ist tatächlich angekommen, was immer noch ein Wunder ist. Darin stand, dass es ihr gut ging und mein Opa sich keine Sorgen machen muss. Danke dir für diese Tat, namenloser Soldat, denn ohne diesen Brief wäre ich heute sehr wahrscheinlich nicht hier.

Die beiden haben sich nach langer Zeit wieder gefunden, haben den Krieg beide irgendwie überlebt ­ – mehr oder weniger unbeschadet.

Meine Mutter wurde acht Wochen nach Kriegsende geboren, sie haben sich ein neues Leben als kleine Familie aufgebaut – in der Nähe der Boberger Dünen.
1962 kam dann die Flut. Wieder hat die Familie alles verloren, aber der Stein, das Glück, wurde gerettet. Und wieder haben sie sich ihr Leben neu aufgebaut.

Ich weiß noch, wie fasziniert ich immer war, wenn ich den Stein bei meinem Opa und meiner Oma im Regal habe liegen sehen. Die meisten Dinge sind ja, wenn man sie mit Kinderaugen betrachtet, viel faszinierender als wenn man sie mit den abgenutzten Augen eines Erwachsenen ansieht. Bei diesem Stein ist es anders. Ich kann auch leider nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, dieses Kernbeil in der Hand zu halten.

Meine Mutter hat ihn mir gegeben. „Jetzt musst du auf ihn aufpassen – dann passt er auch auf dich auf.“

Der Stein liegt jetzt bei mir im Regal, ich nehme ihn oft und gucke ihn mir an, lasse mir die vielen Geschichten erzählen. Er ordnet Erfolge und Misserfolge, Bedürfnisse und Wünsche ein und gibt mir das Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ich hoffe, dass er da noch sehr lange liegen bleiben wird – und meiner Familie und natürlich auch mir Glück bringt.

Denn ich glaube, dass dieses Relikt aus der Jungsteinzeit in Wirklichkeit ein Glückswerkzeug ist.

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Ich habe diese sehr persönlichen, komplett ironiefreien Zeilen übrigens nicht geschrieben, weil ich besoffen am Küchentisch hocke oder weil ich zu viele Rosamunde Pilcher-Filme geguckt habe.

Sondern weil ich den Stein heute kurz in der Hand hatte. Und an meinen Uropa gedacht habe, der jetzt 133 Jahre alt wäre.

Hundertdreiunddreißig!

Aus meiner Sicht eine wahnsinnige Zahl mit einer wahnsinnigen Geschichte. Irgendwie auch meiner Geschichte, denn ohne meinen Uropa wäre ich heute nicht hier – und ohne den Stein vielleicht auch nicht.

Aus Sicht des Steines bin ich – sind wir – allerdings nur ein kurzes Blinzeln in der Geschichte.

Nur etwas mehr als Nichts.

Denn dieser Stein hat bestimmt 70 oder 80 solcher langen Familiengeschichten zu erzählen.

Und es werden bestimmt noch viele dazukommen.

Ein beruhigender Gedanke.

Blinzel, blinzel.

CHROHO-CHROHO-CHROHO

In der Straße ist ein Blumenladen, es fahren Autos durch, es gehen Leute vorbei. Eine 30er-Zone. Ganz normal.

Der Junge stand am Fenster und hat sich Zähne geputzt, er hat beim Schrubbern die Straße runter geguckt. Optik kalibrieren, mit der Welt vertraut machen. Wie jeden Tag nach dem Aufstehen.

Die Gedanken und die Augen waren vom Schlaf noch ganz verklebt, aber dieses eine Geräusch und dieser Fleck dahinten waren neu.

„Die Rufe in den Kolonien sind tief und kehlig krächzend. Der häufigste Ruf klingt etwa wie „chrochrochro“; dieser Ruf wird variiert. Die Stimmungsrufe lassen sich mit „chroho-chroho-chroho“ beschreiben, die Rufe bei der Paarungsaufforderung klingen wie „kra-orrr“ oder „à-orrr“.“

War das einfach nur ein schwarzer Fleck auf der Hornhaut oder watschelte da zwischen den Autos tatsächlich ein großer schwarzer Vogel?

Was war das? Eine riesige Ente? Eine Gans? Ein Bussard? Ein Adler? Ein Schwan? Gibt es schwarze Schwäne? Ist da was aus dem Zoo ausgebrochen?
Also: Zahnbürste weg, anziehen, schnell runter, gucken, ob das nicht doch vielleicht nur ein Fleck auf der Hornhaut war – und falls nicht, das Tier davon abhalten, sich überfahren zu lassen. Es irgendwie retten.

Zwischen zwei Autos hat er ihn entdeckt, der Vogel war riesig und wollte tatsächlich gerade auf die Straße watscheln.
Das Tier war orientierungslos, hektisch, kraftlos. Selbst für einen Vogel nicht zurechnungsfähig. Also hat sich der Junge auf die Straße gestellt und die Autos angehalten.

Es sind noch ein paar andere Kinder gekommen, sie haben den Vogel auf den Fußweg scheuchen wollen. Einfangen ging nicht – wollten sie auch nicht. Der Respekt vor dem riesigen Hakenschnabel war zu groß.
Das Tier hatte keine offensichtliche Verletzung, da klebte kein Blut im Gefieder, die Flügel waren nicht gebrochen.
Der schwarze Vogel ist schnell gewatschelt, hat versucht, abzuheben. Und es nicht geschafft. Zu schwach. Er ist in den Asphalt eingetaucht. Und das sah nicht gut aus.

„Kormorane sind an Wasser gebunden, die Brutkolonien liegen sowohl an Meeresküsten als auch an den Ufern größerer Flüsse und Seen.“

Irgendjemand hat den Tiernotruf angerufen. „Wir können in ungefähr zwei Stunden da sein.“ Zwei Stunden.
In der Zeit würde der Vogel hektisch werden, noch mehr Startversuche unternehmen, sich beide Flügel brechen und sein kleines Herz würde einen Infarkt bekommen.
Und die bis jetzt sehr geduldigen Autofahrer würden wahrscheinlich irgendwann doch genervt sein. In zwei quälend langen Stunden kann man locker mal eben den Waffenschein machen, in die USA fliegen, im Walmart eine Schrotflinte kaufen, wieder zurück kommen und erst den Vogel und dann die Kinder erschießen.
Nein, das war gemein.
Alle, wirklich haben sehr geduldig geholfen, obwohl sie nicht mussten. War schließlich nur irgendein verirrter Vogel.
 
Die ganze Straße war in Aufruhr.

Ein Autofahrer hat seinen Wagen abgestellt und die Polizei gerufen, erzählt, was los war. Die Beamten kamen schnell, hatten einen Käfig dabei, der aber zu klein für den großen Vogel war.
Also haben die Polizisten ihre Kollegen von der Feuerwehr gerufen.
Alle haben versucht, den Vogel sanft in Schach zu halten, ihn nicht zu sehr zu bedrängen, ihn irgendwie zu retten.

„Kormorane sind zu allen Jahreszeiten gesellig, die Brutkolonien liegen an Küsten oder größeren Gewässern. Bestand und Verbreitung der Art wurden in Europa durch massive menschliche Verfolgung stark beeinflusst, im mitteleuropäischen Binnenland war die Art zeitweise fast ausgerottet.“

Die Feuerwehr kam mit einem Einsatzwagen. Die Straße war jetzt komplett lahmgelegt, alle haben geholfen, dem armen Kormoran zu helfen.
Zwei Feuerwehrmänner haben den Vogel eingefangen und zum Tiernotdienst gebracht, wo er aufgepäppelt wurde.

Vielleicht war er krank, vielleicht Altersschwach, vielleicht war es ein Jährling, der sich verflogen hatte.
Vielleicht war er auch einfach nur hungrig.

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Diese Geschichte ist tatsächlich so passiert. Hier vor der Haustür. Niemand hat weggesehen, alle haben mitgeholfen. Mit Geduld, mit Anrufen, mit Straßenabsperrungen, mit Ratschlägen, mit Zusammenhalt.

Was jeder, der dabei war, gemerkt hat: Wenn ein Lebewesen in Not ist, ist der erste Reflex, zu helfen.

Helfen ist ganz normal. Weil es menschlich ist.

Egal, ob einem Kormoran, der sich in eine 30er-Zone verirrt hat oder einem Menschen, der dabei ist, zu ertrinken.

Es gibt leider Menschen, bei denen dieser Reflex –  aus welchen Gründen auch immer – verkümmert ist. Vielleicht, weil sie ihn abtrainiert haben oder weil sie einfach abgestumpft sind. Diese Menschen sind laut und werden immer lauter.

Helfen ist leise. Aber besser.

Egal, ob es um Kormorane geht oder um Menschen.

„SIE HABEN IHR ZIEL VERFEHLT.“

Glückliche, voll ausgestattete Menschen (meist Männer), die extra aus Dänemark, aus Bochum, aus Ludwigslust, aus Meppen, aus den Niederlanden, aus Brandenburg, aus Dresden, aus Goslar, aus Kiel, aus Aachen, aus Gießen und sonst woher in die Stadt gekommen sind.
Sie sitzen auf Maschinen, die so sauber sind, dass man auf ihnen ganz locker eine Weisheitszahn-OP durchführen könnte – wenn es nicht so sehr scheppern und zittern würde.

PÖTTERPÖTTERPÖTTERPÖTTER.

Sie fahren 73er Flatheads, 66er Shovelheads, 47er Knuckleheads und selbstverständlich auch 51er Panheads.
Genau wie in dem Film, der das Unternehmen Harley Davidson damals eher zufällig vor dem kompletten Ruin gerettet hat.

Cliff Vaughs und Benjamin F. Hardy haben für den Kultfilm „Easy Rider“ zwei Panheads (ehemalige Polizeimotorräder) zum „Billy Bike“ und zum „Captain America“ umgebaut.
Das waren die Namen der Maschinen, die Dennis Hopper und Peter Fonda in dem Film gefahren sind – und zwar direkt in die Herzen von vielen Ölfingern, Bastlern, Hippies, Freaks, Rockern und ambitionierten Versicherungsvertretern.

PÖTTERPÖTTER–PTPTPTP–PÖTTER–PTBLOAR–PÖTTER.

Durch den Film ging der Umbau zu Choppern und Cruisern der Motorräder aus Milwaukee, deren Design sich seit 1909 kaum geändert hat, erst richtig los. Ledergriffe, Chromteile, Fender, Speichen, Deckel, Klappen, Lack, Windschilder, Gabeln, Lampentöpfe, Sitzbänke, Felgen…es gibt wahrscheinlich mehr Möglichkeiten, seine Harley zu modifizieren als es Staubkörner entlang der Route66 gibt.

Dieses Jahr feiert Easy Rider seinen Fünfzigsten.
Das passt ganz gut, denn 50 ist auch ungefähr das durchschnittliche Alter der Teilnehmer des größten, lautesten, anstrengendsten Motorradfestivals des Universums: den Harley Days in Hamburg.

Zig tausend Maschinen, bis zu 600.000 Zuschauer, drei Tage Vollgas.
Und jede einzelne Sekunde ist durch den Kommerzfilter gelaufen.
Es gibt Harley-Davidson-Konzerte, Harley-Davidson-Grillwürste, tausend Merch-Stände, Harley-Davidson-Jacken, Harley-Davidson-Kalender, Harley-Davidson-Shirts, Harley-Davidson-Gymnastikbälle, Harley-Davidson-Gummibärchen, Harley-Davidson-Luftballons, Harley-Davidson-Grillgewürz, Harley-Davidson-Bier, Harley-Davidson-Bohrmaschinen, Harley-Davidson-Zahnarztkittel, Harley-Davidson-Lichtschalter, Harley-Davidson-Versicherungen, Harley-Davidson-Blasentee, es gibt alles. 

Der Film, der all das ausgelöst hat, ist ein Stück Menschheitsgeschichte geworden. Ganz einfach, weil er Menschen bewegt.
Dieses Roadmovie hat dem Wort „Freiheit“ die Spur neu eingestellt.

PÖTTERPÖTTERPÖTTERPÖTTER.

Aus Chrom, Lack, Öl und ein bisschen „egal, wir machen das jetzt“ wurden Träume mit Fransen.
Phantasien, die, vom Fahrtwind angetrieben, in alle Richtungen flattern wie die speckigen Fetzen an einer Lederjacke.
Es ist so einfach: Stiefel auf die Fußrasten, Maschine starten und sich voll und ganz der relativ schlechten Verarbeitungsqualität hingeben.
Grüne Ampeln. Schulterklopfen. Daumen hoch. Freiheit.

Dazu „Born to be wild“ von Steppenwolf und eine Straße, die möglichst geradeaus geht.
Kredite für den Sharan? Ein neuer Geschirrspüler? Schuhe für die Kinder? Die nörgelnde Ehefrau? Fenster putzen? Brötchen aufbacken? Kurven?
Bloß weg hier, raus aus dem Scheiß. Wenigstens einmal im Jahr.
Nach vorne. Egal, wohin, wird schon. Irgendwie.
Das verchromte Endrohr als Lebensgefühl.
Einfach mal alles hinter sich lassen, aber bitte laut und mit einem gewissen Stil.

Dieses eine Gefühl ist für viele das Fundament aller Gefühle.
Freiheit beginnt mit einem Furz auf die Sattelbank und einem Dreh am Gashahn.

VROOOOOAAAAAARRRRR VROOOOOOAAAAAARRRRR.

Im Tunnel nochmal schön am Hahn reißen, den Hobel auf 5.000 Touren peitschen, bis die Kacheln von der Wand platzen.

Die Harley Days versprechen das bisschen Freiheit.
Mal ein paar Tage aufdrehen.
Rocker sein.
Also auch mal bei Spätgrün über die Ampel. Auch mal die Ellenbogen auf dem Tisch haben. Auch mal eine Fanta bestellen und keine Apfelsaftschorle wie sonst. Auch mal abends ohne Zähneputzen ins Bett.
Das ist wie Fernseher aus dem Hotelzimmer werfen. Also fast.
Das ist wie am Hotelbuffet stehen und sich Saft einfüllen und direkt trinken und sich danach nochmal Saft einfüllen. Das ist schon ein bisschen Outlaw.

Es sei ihnen gegönnt, wirklich.
Andere gehen auf Elektro-Festivals, sammeln Briefmarken, umarmen Bäume, laufen einen Marathon oder gehen zusammen mit 50.000 anderen Fußballfans ins Stadion.
Sollen sie alle machen. Jeder so wie er will.

Leben und fahren lassen.

Hamburg ist zwar drei Tage lang lahmgelegt und sehr, sehr stickig und laut, aber die Leute sind glücklich. Die Quetschgesichter, eingedrückt ihn ihre Ameisenhelme, strahlen um die Wette. „Ey! Guck mal, mein Vergaser!!!“
Davon abgesehen, bringen die Truppen ordentlich Geld in die Stadt.
Hotels, Restaurants, Orthopädiefachgeschäfte: alles überlaufen.

VROO…. – SPROTZ – KLACK – FFFFFFIIIIIIIUUUUUU – TZSSSSSST

Aber eine Sache geht nicht.
Ein Zubehörteil zerstört den kompletten Mythos wie ein Kolbenfresser das Herzstück.

Navigationsgeräte am Harley-Lenker.

Echt jetzt?

Das ist so, als würde man auf das Fusionfestival gehen, um da ganz in Ruhe seine Steuererklärung zu machen – zur Musik von Frei.Wild.
Und danach schön ein paar Oberhemden bügeln.

Das Navigationsgerät am Harley-Lenker ist, als würde der Wendler demnächst die Tagesthemen moderieren.

Als würde Peter Maffay nächste Saison für die LA Lakers spielen.

Als würde ein Hells Angel mit Gesichtstattoo das nächste Testimonial für Kinder-Schokolade werden.

Das Navi am Harley-Lenker macht aus Rockern kleine Männchen, die Angst vor Akkuschraubern haben.
Weichheinis, die nicht wissen, wie man ein Fahrrad flickt, die den Döner ohne Zwiebeln bestellen und die bei Haribo Colorado die Lakritze aussortieren.
Hilflose Männchen, die sich Monate vor dem Event ein Hotelzimmer buchen. („Aber möglichst hinten raus, da ist es ruhiger. Und bitte kein Boxspring-Bett, das macht der Rücken nicht mit. Ist der Badezimmerspiegel beleuchtet? Was haben Sie für Frühstück? Gibt es da auch frisches Obst? Und Multivitaminsaft? Und haben Sie einen Feel-Good-Manager?“)

Das macht alles kaputt.

Ein Navi am Harley-Lenker ist nicht Jack Daniels. Das ist Jack Wolfskin.
Das ist nicht 20W-50, das ist Sagrotan.
Das ist nicht Asphalt, das ist Excel.
Das ist nicht „Easy Rider“. Das ist ZDF Fernsehgarten.

Was kommt als nächstes? Ein gelbes Regencape?

Freiheit, wie von der Marke versprochen und vom Film in die Köpfe und Herzen gebracht, heißt nämlich auch, sich mal zu verfahren.
Die Dinge so nehmen, wie sie kommen. „Egal. Wird schon irgendwie.“ Freiheit beginnt im Kopf.
Nicht auf 300 Kilo schepperndem Blech und ein paar Produkten aus dem Merchandising-Shop.

Harley fahren heißt höchstens mal einen zerknitterten Faltplan, der noch auf dem Stand von vor ´89 ist, aus der Satteltasche ziehen – den Plan, den man sonst als Unterlage zum Jointbau nutzt.

Oder ganz vielleicht mal irgendjemanden nach dem Weg fragen und sich mit einer Kopfnuss bedanken. Oder wenigstens mit einem Rülps, der nach Bier und BBQ-Sauce schmeckt. Und somit wenigstens ein kleines bisschen nach Freiheit und Outlaw.

Aber Freiheit im Sinne einer Marke wie Harley Davidson heißt garantiert nicht: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

QUAK. QUAK. QUAK.

Enten sind phantastisch.
Sie sind die unsportlichsten Triathleten der Tierwelt. Sie können laufen, schwimmen, fliegen. Also irgendwie.

Sie sind dabei keine durchtrainierten Askese-Athleten mit Carbonbike, Pulsuhr und minutiös geplantem Sportlerleben, wie Seemöwen oder Weißkopfseeadler, sondern eher so Hobby-Triathleten mit Neigung zur Bauchbildung. Wochenendsportler, die auch gern mal ein Bier trinken. Oder zwei.

Erpel wirken wie sympathische Stadtfesttrottel, die mit ihrer speckigen, bunten Lederjacke und Bratwurst am Bierstand rumlungern und sich immer genau nicht im Beat bewegen. Die Weibchen sind eher im Hintergrund, tun so als seien sie teilnahmslos und nicken wissend.

Die Bewegungen der Enten sind im Vergleich zu Adlern, Geparden oder Robben natürlich alles andere als perfekt. Man könnte Enten pausenlos auslachen.
Das Laufen ist ein Watscheln, ein unbeholfenes Patschen mit Füßen, die größer sind als ein Tapeziertisch. Der große Onkel zeigt nach innen, sie sind langsam und sehen immer ein bisschen doof aus.

Das Schwimmen eher ein gelangweiltes sich-treiben-lassen. Am besten Richtung Nahrung.

Und das Fliegen ist eher so: „WAAAAAAAHHHHH! Platz da!!!!
Ich kann nicht L-E-N-K-E-N!!!! Wie geht das hier nochmal? ALTER! Ich fliege ja TATSÄCHLICH! AAAABBBGEEEFAAAHHRREEENNN!!!!! Vorsicht!!! DAS WAR RICHTIG KNAPP!!!! Ok, ich lande jetzt auf dem Wasser!“

Beim Landen zeigen Enten kurz, was sie wirklich draufhaben. Sie können nämlich sogar Wasserski fahren und ein paar Meter über den See gleiten. James Bond-artig.
Danach ein kurzes Kopfschütteln („Was war das denn jetzt bitteschön?“) und dann lassen sie sich wieder treiben.
Wenn Enten könnten, würden sie Martini bestellen.

Enten wirken immer so als hätten sie Flugangst, können sich aber überwinden und den Schalter von „Angst“ auf „ok, das war jetzt cool“ umlegen. In wenigen Sekunden.

Enten sind offen und sehr anpassungsfähig, sie lassen sich gern von Rentnern und von Kindern füttern.

Und wenn Enten sich voll in eine Sache stürzen gehen sie Dingen automatisch auf den Grund. Das nennt sich „gründeln“. Und ist dabei auch noch ein schwaches Verb. (Aber eigentlich ganz schön stark!)
Der niedliche Entenarsch zeigt dabei hoch, mit dem Schnabel suchen sie nach Naschkram unter Wasser. Und finden immer was.

Enten sind Luftkissenboote: Auf dem Wasser wird die Ente von einem Luftpolster getragen. Die Luft hält sich zwischen dem Daunengefieder, und die Deckfedern schließen die Daunen ab. Das ist vollkommen irre. Und wieder so ein James Bond-Ding.

Enten sind Comichelden, denen niemals etwas so richtig gelingt.
Enten werden in Kinderliedern besungen.
Fahrzeuge, die gern Autos wären, werden nach ihnen benannt.
Wenn Menschen, egal, wie kaltherzig sie auch sein mögen, Entenküken sehen, kommt automatisch ein „…orrrrrr, süß, guck mal…“

Enten sind Vorbilder, von ihnen können wir noch eine Menge lernen.

Zum Beispiel dass es egal ist, wie man bei einer Sache aussieht, dass man nicht alles perfekt können muss.
Dass man, wenn man einer Sache auf den Grund geht, immer etwas findet.
Dass man sich ab und zu überwinden muss.

Und dass olle bunte Lederjacken eigentlich ganz geil sind.

ROOOOOOOAAAAARR.

Neben mir hat vorhin ein Kreuzfahrtschiff abgelegt.
Das Bollern der Maschine war bis in den Mariannengraben spürbar, umliegende Bäume haben ihre Rinde abgeschält und spontan alle Blätter verloren. Vögel sind vom Himmel gefallen und der Asphalt, auf dem ich stand, hat Risse bekommen.

Das Kreuzfahrtschiff war kein Kreuzfahrtschiff, sondern ein Mercedes-AMG G 63. Und der Fahrer sah aus wie der junge, überambitionierte und innerlich zersetzte Bruder von Sascha Hehn. Mit Polohemd und Segelschuhen. Er hat seinen Kahn ausgeparkt und mit einem zarten Tipp auf das Gaspedal beschleunigt.

Zum Auto: 2618 Kilogramm feinste Ingenieurskunst und ein Stückweit deutsche Automobilgeschichte.
Angetrieben wird dieser Tanker von einem V8/4 Biturbo Motor mit 585 PS.
0-100 schafft das Teil in 4,3 Sekunden. Bei 240 Km/h ist Ende.
Mercedes gibt den Werksverbrauch (innerorts) mit 16,5 Litern Superbenzin an.  Ein Test einer Autofachzeitschrift hat gezeigt: Es ist ein kleines bisschen mehr. Man kann sich ziemlich sicher sein, dass der Redakteur eine kleine A-Klasse und einen Karibikurlaub bekommen hat, wenn er den Realverbrauch schriftlich unter 30 Liter drückt. Also steht da, dass die Brennkammern mit 29,5 Litern geflutet werden.

CO2-Ausstoß: 299 g/km, nur unwesentlich mehr als das gesamte Ruhrgebiet.
Die mobile Ikone hat den CW-Wert eines Braunkohlebaggers (0,55) und die Energieeffizienzklasse: F.
Zum Vergleich: eine brennende Bohrinsel hat die Energieeffizienzklasse: G.
Das Ganze gibt es ab Werk für 182.569,80 Euro. Das ist natürlich der Basispreis, sollte klar sein.

Man kann sich seinen Kindheitstraum also noch nach Belieben konfigurieren. Sidepipes, Felgen, Fußmatten, etc.
Oder man spart sich das Geklicke und nimmt die benutzerfreundliche und philosophisch-krude „STRONGER THAN TIME“-Edidion.

Hier bekommt man neben feinstem Nappaleder und einem Schiebedach auch eine „Aussenschutzleiste mit Ziereinlage in gebürsteter Aluminiumoptik“, „Trittbretter seitlich links und rechts in Silberchrom“ und „Haltegriffe in Leder“.
Preis für das Paket: läppische 28.560,00 Euro.
Ob es unter der Ladentheke auch einen vollverchromten Anal-Intruder gibt, ist nicht überliefert. Den Blicken der Fahrer nach: ja.

Das Auto ist sehr geländefähig, setzt mit der maximalen Wattiefe von 70 cm, einer Schräglage bis zu 70 % und einer Steigfähigkeit von bis zu 100 % Maßstäbe.
Die Sicherheit des Klotzes wird von den Machern besonders betont.

Hauptklientel: Bundesligaspieler, die damit nach dem Training zum Friseur fahren und reiche, dünne Frauen, die mit ihrem Hund zum Hundeyoga müssen.
Ok, das war gemein und ein unnötiger Griff in die Klischeekiste.
Ich habe nämlich die reichen, blassen Söhne vergessen.
Und die Gangsterrapper mit Geldscheintattoos, die damit durch ihre Hood bollern und heimlich Nickelback hören.

Man hat sie vor sich, die die vom Zynismus zerfressenden Marketingverantwortlichen, die seelisch verknorpelten Produktmanager und die nach Endlösungen suchenden Ingenieure, die mit brennenden Gehirnen im Meeting gesessen haben und überlegten, wie sie die Karre positionieren.

Nach einigen Litern Nestlé-Kapselkaffee, ein paar telefonischen Peitschenhieben vom Vorstand, vielen Bifi Roll XL und 19 Paletten Red Bull war es dann soweit.

Der Marketingmann ist über seinem Tablet zusammengesackt, ihm lief ein zähflüssiger, übel riechender Speichelfaden aus dem Mundwinkel, der sich in die Tischplatte gefressen hat, sein Puls war, angetrieben vom Koffeein und den anderen Substanzen, irgendwo bei 400.
Die Augen haben geflackert wie ein Daddelautomat.

Sie mussten den Betriebsarzt holen. Der hat den Mann gesehen, wie er auf dem Teppich gezuckt hat wie ein Breakdancer, auf den geschossen wird und meinte, nachdem er seine Werte gemessen hat, zum Rest der Kollegen:

„Puls 398. Blutdruck 8 Bar. Keine Steigerung möglich.“

Der Produktmanager ist zu ihm hin, hat ihm seine drahtige Hand auf die Schulter gehauen und meinte: „Das ist richtig geil! Das nehmen wir. Danke, Mann.“

Bei einer Sache kann man sich sicher sein: Es ist, im Gegensatz zur Positionierung, auf jeden Fall eine Steigerung möglich.
Die Frage ist nämlich nicht, ob die Schallmauer von 200.000 Euro Grundpreis für 600 PS durchbrochen wird. Sondern wann.

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Ich will gar nicht in die „SUV sind unnötig-Kerbe“ schlagen. Aber zum Mercedes-AMG G 63 habe ich tatsächlich zwei ernsthafte Fragen.

1. Wie weit könnten wir sein, wenn die Ingenieure und Hersteller ihr Können, ihr Talent für etwas Sinnvolleres einsetzen würden als für solche maßlosen Autos?

2. Ist es im Stau besser, wenn man 585 PS unterm Arsch hat?