DIE LISTE.

Eine hübsche Lautsprecherstimme rief mich persönlich auf und befahl mir, mich in Raum 328 einzufinden. Und da saß ich jetzt, vor mir eine Mittvierzigerin, die sich ziemlich erfolgreich für Anfang dreißig hielt. Im Ohr hatte ich immer noch das Quietschen der Gummisohlen auf dem blau marmorierten Linoleumboden, mit dem der schätzungsweise vier Kilometer lange Flur ausgelegt ist. Routiniert, für mich und mein zartes Gemüt etwas zu routiniert, reichte sie mir eine Liste, stellte eine Stoppuhr auf und spulte ihren Text herunter.

„Hier die Liste. Suchen Sie sich was aus.“

„Irgendwas?“

„Ja.“

„Also einfach so irgendwas?“

„Suchen sie sich ganz einfach irgendwas aus.“

Ihr Blick erfasste jede meiner Körperzellen. Sah sie jeden so durchdringend an? Schielte sie leicht? Quietschen Ledersohlen auch auf Linoleum? Was würde mich hier überhaupt erwarten? Langsam begannen meine Nieren, die erste kleine Einheit Adrenalin in meine Blutbahn zu pumpen. Sie startete die Stoppuhr.

„Gut. Ich lass Sie jetzt allein, in ziemlich genau einer Stunde bin ich wieder da.“

„Danke“

„Oh. Gern geschehen“.

Wir sahen uns einen Moment lang in die Augen. Ihr Blick wollte mir verraten, dass sie frischem Welpenfleisch nicht abgeneigt war. Sie schient auch gern kleine Kinder zu treten.

„Gut. Ich fang dann einfach schon mal an zu blättern“.

Fragte sich nur, womit, denn meine Hände waren jetzt so schweißdurchflutet, dass ich sämtliche Bewässerungsprobleme aller Wüstenstaaten der Welt allein durch die Nähe meiner Fingerkuppen hätte lösen können.

„Sie haben noch exakt 58 Minuten und 26 Sekunden“, sagte sie, ohne auf die Uhr zu gucken.

Sie drehte sich um und schlüpfte durch den Türrahmen nach draußen. Die Tür, feuerfest, hellgrau und schätzungsweise mehrere Tonnen schwer, war auf dem besten Weg, ins Schloß zu schnappen und erst nach einer Stunde wieder geöffnet zu werden.

„Äh…“

Wortlos sah sie sich um und warf mir einen Blick zu, der die gesamte Fauna ausrotten konnte.

„Ich wollte nur noch kurz wissen, ob ich eine Sache oder mehrere, also ich meine muss ich…“

„Eine Sache. Sie haben jetzt noch genau 57 Minuten und elf….zehn….neun….Sekunden, um sich eine einzige Sache auszusuchen. Eine Sache, 60 Minuten. So wie es im Vertrag steht, den sie eben gerade unterschrieben haben. Da stand drin, dass sie heute hier sind, um sich eine Sache auszusuchen, die ihr Leben verändern wird. Und da stand drin, dass sie, sobald sie diesen Raum betreten und die Liste vor sich liegen haben, genau sechzig Minuten Zeit haben, sich diese eine lebensverändernde Sache auszusuchen, die wir dann für sie umsetzen werden. Eine Sache. Eine. Noch Fragen?“

Klack. Dann fiel die Tür ins Schloss.

In mir hatte ich das gesammelte Selbstvertrauen eines kleinen Jungen, der gerade beim Bonbonklauen erwischt wurde.
Jetzt war ich allein in diesem Raum. Allein mit dem Tisch, auf dem der Wecker stand und dem Katalog. Die Sekunden verstrichen. Und noch mehr Sekunden verstrichen. Dann erst schlug ich die erste Seite auf. Das Umblättern rang mir mehr Kraft ab als ich für einen Marathon gebraucht hätte – den Mount Everest rauf.
Die Worte, auf dem Papier der ersten Seite waren noch dabei, sich durch meine Pupillen zu zwängen und den Weg in mein Gehirn zu suchen, als meine Gedanken abschweiften. Ich musste an die Anzeige denken, auf die ich mich zwei Wochen vorher beworben hatte.

Unter der Rubrik „Sonstiges“ stand: Machen Sie mehr aus sich!. In nur einer Stunde können Sie bei uns Ihr Leben verändern. Anruf genügt. INSAS Institut, Böblingen

Ich hatte damals überhaupt nichts zu tun und rief da an. Job weg. Freundin weg. Auto weg. Freunde weg. Freude weg. Alles weg. Nur die Langeweile, die auf mir lag wie ein Zementsack, war da. So konnte es nicht weitergehen. Also rief ich da an.

Erstaunlicherweise bin ich gleich durchgekommen und das größte Wunder war, dass sie mich tatsächlich eingeladen haben. Nicht mal die Fahrt musste ich bezahlen.

Und jetzt lag sie vor mir: Die Liste.
Darauf standen die Dinge, aus denen ich eine Sache auswählen musste. Eine Sache. Eine. Nicht mal mehr 40 Minuten.

Also was nehm ich?

Ein Matschauge für den Rest des Lebens?
Einen nervenden Nachbarn, der immer mit einem umzieht?
Hypochondrie?
Chronisch Pleite sein?
Faulige Füße?
Jemanden aus versehen töten?
Eine Psychose?
Zu viel Geld?
Neider?
Ständiger Misserfolg?
Vergessen werden?
Eine sehr schwache Blase?
Cotton Eye Joe als Dauerohrwurm?
Angst vor Türen?
Immer zu spät sein?
Jeden Monat einen Wohnungsbrand?
Gedanken lesen können?
Nie wieder richtig verstanden werden?
Immer das falsche kaufen?
Immer falsch abbiegen?
Immer über das Falsche lachen?
Nur unfreundliche Menschen, die einem begegnen?
Nie wieder zufrieden sein?
Die Sorgen eines anderen?
Immer betrogen werden, egal, was ich mache?
Sehr unangenehmer Körpergeruch?
Jedes Fettnäpfchen mitnehmen?
Das Gefühl verlieren?
Süchtig nach DIN A 3-Papier sein?
Perfekter Perfektionismus?

Nicht mal mehr fünf Minuten.

Vielleicht sollte ich einfach die Unentschlossenheit nehmen.

Oder?

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