IHR HABT DIE WAHL.

Am 27. Oktober 2019 sind in Thüringen Landtagswahlen. Es gibt ungefähr 1,8 Millionen Wahlberechtigte in 44 Wahlkreisen.
Den aktuellsten Umfragen nach liegt die AfD (laut Infratest Dimap) momentan bei 25 %.
Das sind 450.000 Menschen, die ihr Kreuz bei der AfD machen wollen.

Geht man mal davon aus, dass der „harte Kern“, also die wirklich Rechten, Leute, die „Muselmänner aus den Moscheen zerren wollen“, die sich auf Rechtsrockkonzerten 22 Liter Bier reintanken und deren Gehirne einem braunen Haufen Durchfall ähneln, 15 % der Wähler ausmachen, also Menschen, bei denen man nichts mehr machen kann, bleiben noch 10 %.

Das sind gut 180.000 Menschen, die die AfD wählen wollen, weil „die endlich mal sagen, wie es ist“, die die AfD wählen wollen, weil „die Altparteien nichts hinbekommen!“, die die AfD wählen wollen, weil „Danke Merkel!!1!!11!“.
Das sind die wankelmütigen Protestwähler, die enttäuschten Mitläufer, die nur eines denken: „Naja, wenn das alle machen, mach ich das auch.“

Das sind 180.00 Menschen, die die AfD zu sich ziehen will, indem sie sich verharmlost und sich als eine „bürgerlich-konservative“ Partei inszeniert.
Die sie aber nicht ist. 

Man kann davon ausgehen, dass diese 180.000 Menschen in Thüringen wissen, wen sie da wählen, trotzdem will ich gern nochmal sagen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Wen sie an die Macht heben wollen.  

Björn Höcke ist Geschichtslehrer und versucht mit seiner Rhetorik, in die Köpfe der Menschen einzudringen. Er nutzt genau wie seine Partei Mittel, mit denen schon die Nationalsozialisten die Massen manipuliert haben: Umdeutungen, Ideologisierung der Alltagssprache, wahnwitzige Übertreibungen.
„Unkontrollierte Flüchtlingsströme“, „Lügenpresse“, “Zwangsgebühren”, “Staatsfernsehen”.

Björn Höcke faselt von einer „tausendjährigen Zukunft Deutschlands.“
Genau der Höcke bezeichnet Sigmar Gabriel schon 2016 als „Volksverderber“.
Adolf Hitler schrieb in „Mein Kampf“: „Hätte man zu Kriegsbeginn (1914) und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet.“

Andere Beispiele für die Höcke-Rhetorik?
„Bewegungspartei“. „Entartung“, „Degeneration“, „Tat-Elite“, „Verfall, „dass Deutschland erwacht“.

Das sind alles Begriffe, die erwiesenermaßen der NS-Rhetorik entliehen sind, wie Andreas Diss recherchiert hat.
(Quelle:
https://www.diss-duisburg.de/2016/11/zur-ns-rhetorik-des-afd-politikers-bjoern-hoecke/)

Björn Höcke ist Geschichtslehrer.
Er weiß genau, was er sagt. Und er weiß ganz genau, was seine Worte anrichten können. Denn er hat gelernt (und gelehrt), dass aus Worten irgendwann auch Taten werden.
1933 fing auch mit Worten an. „Kauft nicht beim Juden!“, zum Beispiel. Später kam es zur Reichspogromnacht, zur „Polenaktion“, zum Holocaust.
Seit April 1933 wurden jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien im Deutschen Reich boykottiert. Heute werden Flüchtlingsheime angezündet und die antisemitischen Übergriffe steigen seit Jahren an. Und dem Mann geht es nicht mehr um Flüchtlinge und um „Umvolkung“. Ihm geht es um Deutschland.

Die Worte der Deutschen 1933 waren die ersten Warnsignale, darauf wollte aber niemand hören, man ist lieber blind dem Führer gefolgt. Haben alle anderen ja schließlich auch gemacht.
Und Jahre später haben die Leute „von alledem nichts gewusst.“

80 Jahre später will Björn Höcke unter Zuhilfenahme derselben Worten an die Macht. Er will die Leute mit genau den rhetorischen Mitteln hinter sich wissen. Derselbe Björn Höcke, der ein (sehr konfrontatives) Interview mit folgenden Worten abbricht:

Höcke: Passen Sie auf. Wir beenden das Interview, nur, dann ist klar … Wir wissen nicht, was kommt … Dann ist klar, dass es mit mir kein Interview mehr für Sie geben wird.

ZDF: Ist das eine Drohung?

Höcke: Nein. Das ist nur eine Aussage, weil ich auch nur ein Mensch bin. Ich bin auch nur ein Mensch, verstehen Sie?

ZDF: Und was könnte kommen? Wenn Sie sagen, wir wissen nicht, was kommt.

Höcke: Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande. Könnte doch sein.

Achtung: „Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande.“

Der Mann hat psychische Auffälligkeiten und will unbedingt an die Macht.
Und es ist vielleicht mal an der Zeit, daran zu erinnern, was seine Worte bewirken.
Nein. Ich werde Björn Höcke keine Schuld an dem Naziterror-Akt in Halle geben. Auch wenn man den Mann offiziell einen „Faschisten“ nennen darf. Auch wenn er für den Rechten Flügel der AfD steht. Der Mann steht sogar so weit rechts, wenn die Erde eine Scheibe wäre, würde er mit einem Bein schon in irgendeinem brauen Loch im All stehen. Oder im Führerhauptquartier.

Ich schweife ab.

Denn ich will nur kurz darauf aufmerksam machen, dass die Nazi-Rhetorik und die verbalen Vernichtungsphantasien der AfD und speziell von Höcke die Hemmungen gewaltbereiter Menschen sinken lassen. Wahrscheinlich ist schon so ungefähr jeder, der hier liest, im Netz von Rechten bedroht worden. Das ist nicht immer schön.
Noch unschöner ist, dass diese verbalen Drohungen mittlerweile in die Tat umgesetzt werden.
Erst der Mord an Walter Lübcke, dann der Terrorakt gegen Juden in Halle. Was soll denn noch kommen?

Höcke hat sich natürlich von dem Terrorakt distanziert (klar, sind ja bald Wahlen). Er hat geschrieben: 

„Mit großer Bestürzung habe ich von dem Terroranschlag in Halle erfahren.
Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer dieses völlig wahnhaften Verbrechens.

Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!“

Er schrieb vom „wahnhaften Verbrechen“.
Mit diesem kleinen Adjektiv bietet er dem Täter Schutz.
Wenn der nämlich „wahnhaft“ ist, ist er automatisch nicht ganz zurechnungsfähig. So wird der Täter ein „Psychokiller“ werden, ein „verwirrter Einzeltäter.“ Jemand, mit dem Höcke und die AfD ideologisch nichts zu tun haben. Was nicht ganz richtig ist.

Denn zu seiner Frage: („Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!“)

Das sind Neonazis.
Neonazis, die aus den Worten Taten werden lassen. Und solche Taten nennt man Naziterror.

Wir haben ein echtes Neonazi-Problem in Deutschland. Die Entnazifizierung ist noch längt nicht abgeschlossen.
Weil viel zu lange weggeguckt wurde.
Es gibt einen ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten, der Hetzjagden klein redet – und der die rechte Szene offenbar lange geschützt hat.
Es gibt einen NSU und dazu geshredderte Akten. Es verschwinden Waffen bei der Bundeswehr und der Polizei. Es gibt ein rechtes Netzwerk bei der Bundeswehr und der Polizei. Es gibt einen Schulterschluss der AfD mit der PEGIDA und der ultrarechten Bewegung „Pro Chemnitz“.
Wir haben Nazigruppierungen, die sich im Internet Löschkalk und Leichensäcke besorgen, es gibt „Terrorlisten“ auf denen 25.000 Menschen stehen.
Es gibt eine Kanzlerinkandidatin, die in dem Terrorakt mit zwei Toten und neun Verletzten allen Ernstes ein „Alarmsignal“ sieht.
Und es gibt ein Bundesland, das den Mann, der mit seiner Rhetorik die Nazis in diesem Land befeuert, mit einem (Haken)kreuz auf dem Wahlzettel an die Macht bringen kann.

Es muss jedem, der am 27. Oktober wählen darf, klar sein: Wer Höcke wählt, wählt einen Neonazi.
Wer die AfD wählt, wählt eine Partei, die einen Mann, den man offiziell als Faschisten bezeichnen darf (muss!) als Fraktionsvorsitzenden in Thüringen hat.
Wer die AfD wählt, wählt nicht Protest. Sondern Faschismus.
Wer die AfD wählt, wählt nicht die Zukunft. Sondern die dunkelste Vergangenheit, die es in Deutschland gibt.
Wer die AfD wählt, wählt nicht „endlich mal eine ordentliche Oppositionspartei“. Sondern Neonazis.

Ihr seid in Thüringen 180.000 Menschen, die einen Unterschied machen können. Geht unbedingt wählen. Zeigt, dass ihr aus der Geschichte gelernt habt. Fordert Veränderungen. Geht auf die Straße. Nehmt die Politiker in die Pflicht. Seid laut. Seid unbequem! Seid schlau!
Aber macht euer Protestkreuz aus Protest nicht bei der AfD.

Es sei denn, ihr wollt wirklich einem Faschisten eure Stimme geben.  

3 Gedanken zu “IHR HABT DIE WAHL.

  1. Das liest sich furchtbar. Und zwar einfach nur, weil Du (mal wieder) Recht hast.
    Es ist erschreckend. Also, nicht dass Du Recht hast, daran gewöhnt man sich.
    Was aber hierzulande passiert, das ist erschreckend. Es macht mich böse und traurig. Und manchmal irgendwie ohnmächtig…

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