VIEL ZU VIEL ZU VIEL ZU SCHNELL.

Die Gehirne vieler Menschen laufen höchstens auf 56k. Die meisten auf Modem- und einige sogar auf Wählscheibengeschwindigkeit.
Aber die Informationsgeschwindigkeiten und vor allen Dingen die Auswirkungen der Informationen passieren in Lichtgeschwindigkeit.
Wir gucken den ganzen Tag in ein Stroboskoplicht und grillen unsere Gedanken.


Die Geschwindigkeit, in der sich kluge, belesene, eloquente Menschen in geifernde Hasskartoffeln verwandeln, ist absurd. Geschäftsführer erfolgreicher Unternehmen mutieren zu sabbernden Teufeln, die ihren Hass versprühen wie eine Rosette bei hartem Durchfall. Bildungsbürger verschanzen sich hinter kruden Thesen und Falschinformationen.
Wankelhirne stützen sich auf Verschwörungstheorien.
Die Geschwindigkeit, mit der Phänomene entstehen, mit der sich Lager bilden, mit der voll drauflos gehasst wird, ist absurd.

Die Masse an Informationen ist beängstigend. Es wird sich nicht mal mehr über das eigentliche Thema aufgeregt, sondern das Aufregen franst aus. Einer regt sich über das Thema auf, der nächste darüber, wie sich der erste aufregt. Ein Dritter regt sich über eine Sache auf, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, worüber sich wieder ein anderer aufregt. Und das regt viele andere auf. Runtergebrochen auf eine stark vereinfachte Rechnung sieht das so aus:

Sorge + Unwissenheit = Angst.

Beispiel Greta Thunberg: Eine 16jährige Frau krempelt innerhalb von 13 Monaten den Planeten um. Und zwar mit allen Mitteln, die ein 16jähriger Mensch hat.
Sie mahnt an, sich um das Klima zu kümmern. Es gibt viele (analoge und digitale) Follower. Sie tritt etwas los, sie ist der Beginn einer echten Bewegung. Hat vor ihr so keiner geschafft.
Sie spaltet. Es gibt Menschen, die ihr (blind) folgen und ebenfalls mahnen, es gibt Leute, die dazu gehören wollen, es gibt die träge Masse. Treiber, early adopter und Mainstream, um das mal mal aus Marketingsicht zu betrachten.
Viele Menschen jubeln sie hoch, ikonisieren sie, behandeln sie wie einen Popstar, oder vielmehr ein Produkt.
Sie ist in Talkshows, es gibt PR-Inszenierungen, es gibt weltweite Streiks.
Sie polarisiert. Sie segelt nach New York (und fliegt zurück), sie spricht vor der UN-Versammlung, sie gibt dem Ex-Präsidenten Barack Obama die Bro-Fist, sie serviert Donald Trump eiskalt ab.

Irre. Sie ist 16. Sechzehn.

Sie kann aber trotzdem nicht über Wasser laufen. Viele ihrer Fans sehen sie aber in dieser Rolle. Sie Fans schützen sie vor (auch berechtigter) Kritik und feiern sie für jede ihrer Aktionen, egal, was es ist – und sie teilen alles. Egal, ob Fernsehsehnder, ob Promi oder ob reichweitenstarkter Privatmensch. Das ist an der ein oder anderen Stelle ein bisschen übertrieben, denn das einzige, was sie tut, ist mahnen.
Die Menschen sollten ihre Mahnung ernst nehmen und statt sie endlos zu feiern und möglicherweise bald noch irgendeine Greta-Barbie rauszubringen, endlich handeln. Ganz klar.
Und vor allen Dingen ganz schnell.

Aber es gibt eben auch Menschen, die Greta Thunberg am liebsten eine großkalibrige Kugel in den Schädel jagen würden. In Zeitlupe. So dass es schön spritzt und matscht, während sie ihr noch ein bisschen in die Rippen treten können. Weil Greta Thunberg mahnt. Und nervt. Und weil man sein Leben ja anpassen und ändern müsste, wenn man das tun würde, was sie fordert.
Statt ihre mahnenden Worte ernst zu nehmen, wird jede ihrer Aktionen, jedes Interview, jeder Schluck, den sie aus einer Wasserflasche nimmt, seziert, mit Hass und Hetze garniert und in die digitale Welt gepustet.
Von Fernsehsehndern, Promis und reichweitenstarkten Privatmenschen.
Menschen wollen sich nicht verändern.
Sie hassen lieber. Ist vielleicht sowas wie Schutzhass.

ok.

Wenn die Menschheit jede Verhaltensänderung in der Geschichte so behandelt hätte, würde wir immer noch vor einer kalten Höhle sitzen, in der Hand zwei Feuersteine – und wir würden ablehnen, sie aneinander zu schlagen. Weil es ja was ändern würde. Und weil man die Folgen nicht absehen könnte. Und weil man findet, dass Beeren und rohes Gammelfleisch ganz ok schmecken. Wir hätten uns schon lange totgeschutzthasst. Sprechen würden wir auch nicht, weil man sich für jedes freundliche „hallo“ in die Fresse geben würde.

(Ich weiß: das war 1. Nicht das Thema und 2. ein wirklich unpassender Vergleich.)

Andere Beispiele als (ausgerechnet die nervige) Greta Thunberg, die wir mit Schutzhass überziehen?
Andere Dinge, die medial genau so zerfetzt werden? Und zwar von allen, weil mittlerweile jeder eine Tastatur und einen Internetzugang besitzt und im Grunde genommen agieren kann wie eine Zeitung oder ein Fernsehsender?

Gerne.

Elektromobilität. Faschismus. Windenergie. Feminismus. SUV. Kita-Plätze. Grillfleisch. Popcorn. Kreuzfahrtschiffe. Fahrradwege. Pfeffer. Konzerte. FC Bayern. Verfassungsschutz. Grenzen. Wollpullover. Tempolimit. Zucker. Reisen. Autotune. Instagram-Filter. Rente. Postleitzahlen. Paketboten. Halloween. Männer. Frauen. Ärzte. Haustiere. Mieten. Kindergeld. Ossi & Wessi. Hautfarbe. Dschungelcamp. Sachsen. Nationalelf. AfD. NSU. Polizei. Fleischersatz. Und so weiter.

Guckt mal im Netz, in eurer erweiterten Filterblase
Egal, welches Thema.
Schwarz.
Weiß.
Hart.
Scheiß.

Kaum Diskurs, viele gucken nicht mal mehr bis zum Tellerrand, weil der Hass die Sicht vernebelt. Die Augen verengt, die Hände schlagen Parolen in die Tastatur. Es ist ein einziges Aufpeitschen.

Vielleicht brauchen wir einfach eine andere Rechnung:

Sorge + Offenheit = Zuversicht.

Wäre doch zu schön, wenn Leute einfach ab und zu mal das Auto stehen ließen und aufs Fahrrad steigen würden, wenn sie ab und zu mal panierten Rosenkohl statt Schnitzel äßen und die Meinung eines anderen Menschen einfach mal stehen lassen könnten.

Wie viel geiler die Welt plötzlich wäre.  

5 Gedanken zu “VIEL ZU VIEL ZU VIEL ZU SCHNELL.

  1. Lieber Sorgenboy. Das ist der erste Artikel, den ich von Ihnen lese und ich muss sagen, es wird nicht der letzte sein. Sehr ausgewogen und er regt zum Nachdenken an. Allerdings befürchte ich, dass von hirnlosen „Hatern“ sogar dieser Text mit geiferndem Schleim überzogen wird.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sehr schön zu hören, dass mein Text zum Nachdenken anregt. Und: ja. Natürlich regt er auch die Menschen zum Nachdenken an, die nicht allzu viel Schwungmasse mitbringen. Und das sind dann die, die mir eher unangenehme Nachrichten schicken.

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