351 GRAMM GESCHICHTE.

Dieser Stein, ein aus einem Stück Feuerstein gefertigtes Werkzeug, ist irgendwas zwischen 7500 und 4200 Jahre alt.
Ein geschliffenes Kernbeil, ein Relikt aus dem Neolithikum, der Jungsteinzeit.
Als aus diesem Stein ein Werkzeug gemacht wurde, stand die erste kulturelle Revolution der Menschheit an, ein Epochenwechsel.
Statt den Tieren hinter zu jagen, wurden die Menschen sesshaft.

Anstelle von Windschirmen aus Birkenreisig, die mit Pfählen in der Erde befestigt wurden, haben sich die Menschen erste Hütten ausgedacht.

Vorsichtige Ackerbauversuche wurden unternommen, Tiere wurden gehalten.

Und sie begannen zu töpfern.

Dieser Stein ist faszinierend und wiegt sehr schwer in der Hand.

Viel schwerer als die 351 Gramm.
Weil er, sobald er in der Hand liegt, Geschichten erzählt: Über die Menschen, die aus dem Feuerstein ein Werkzeug gemacht haben.
Darüber, wie es gewesen sein muss, wenn das Feuer ausgegangen ist.

Und er erzählt von den vielen Menschen, die ihn über viele tausend Jahre hinweg schon in der Hand hielten oder sogar als Werkzeug benutzt haben. Was haben sie damit gemacht? Sechs Wochen lang auf eine Birke eingedroschen, bis sie umgefallen ist? Speere geschnitzt? Tiere zerhackt?

Außerdem erzählt er davon, dass es, als er gefertigt wurde, nichts von dem gab, was uns heute umgibt und uns so wahnsinnig wichtig ist: Türen? Religionen? Grenzen? Politik? Kapuzenpullis? Steckdosen? Motoren? Bücher? Plastik? Kräne? Geld? Flugzeuge? Donuts? Marken? Zuchthunde? Telefone? HD-TV? Rente? Kreuzfahrten? Yoga? Parfum? Heizungsluft?

Seit ein paar Generationen ist dieser Stein in der Familie.
Mein Uropa, ein toller, weiser Mann, den ich sogar noch kennenlernen durfte, hat ihn vor ungefähr 100 Jahren gefunden.

In den Boberger Dünen war das, am Hamburger Stadtrand.
Vielleicht sogar zusammen mit seinem Sohn, meinem Opa, dem unbestritten allerbesten, allerklügsten und phantasiereichsten Opa der Welt.

Irgendwann auf einem ihrer vielen Spaziergänge haben sie ihn ausgebuddelt und mitgenommen, so die Erzählungen.
Aber vielleicht hat ihn auch mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Opa gefunden.
Oder dessen Ur-Ur-Ur-Oma. Wer weiß es genau?

Der Stein lag immer bei meinem Opa im Regal. Wenn er unterwegs war, oder Wichtiges vorhatte, war der Stein dabei – als Glücksbringer.
Vielleicht hatte er ihn auch dabei, als er meine Oma, die unbestritten allerlustigste Person der Welt, kennengelernt hat. Irgendwann 1929 oder 1934.

Mein Opa hat in damals Kneipen Klavier gespielt. Der Stein wird dabei gewesen sein, als mein Opa zur Wehrmacht eingezogen wurde.

„Ich habe immer daneben geschossen, absichtlich“, hat er mir früher immer erzählt und mir über den Kopf gestreichelt. Dabei hat er geblinzelt.

Die Wahrheit ist: er war vollkommen ungeeignet, nervlich nicht belastbar, hat gezittert, wenn er das Gewehr hielt – und hat wahrscheinlich nicht ein einziges Mal geschossen. Er wurde nach zwei Wochen wieder nach Hause geschickt.

Zum Glück.

Ich bin unendlich stolz auf meinen kriegs-untauglichen Opa, weil er nämlich um so friedenstauglicher war. Er konnte sprichwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun. (Er hat sogar extra Gemüse angebaut, damit Schnecken und Insekten genug zu Essen hatten – und wir unseren Spaß hatten, wenn sein Kopfsalat mit Fleischeinlage auf den Tisch gekommen ist. Schneckenpulen war angesagt.)

Der Stein war auch im Juli 1943 dabei, als die „Operation Gomorrha“ Hamburg zerstört und über 30.000 Menschen das Leben gekostet hat.

Mein Opa und meine Oma lebten damals in Hamm in einer kleinen Wohnung, mein Opa ist in der Gegend aufgewachsen, ist in der Wendenstrasse zur Schule gegangen. Die ganze Familie hat in der Gegend gewohnt – Eltern, Schwiegereltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins.
Die Arbeiterviertel Hamm, Rothenburgsort und Hammerbrook waren an diesem Tag das Ziel der britischen und amerikanischen Phosphorbomben.

Es gab mal wieder Fliegeralarm, alle mussten in den Bunker. Routine.

Der Stein ist natürlich mitgekommen.

Der Vater meiner Oma ist nicht gekommen, denn der wollte unbedingt draußen helfen, das brennende Hamburg zu löschen.

Ein Mensch gegen zehntausend Brandbomben.

Er ist dabei umgekommen, genau so wie 12 weitere Familienmitglieder meiner Oma. Sie haben es nicht in den Bunker geschafft, sondern nur in einen Keller. Ein kompletter Familienstrang weggebrannt, innerhalb von wenigen Stunden.

Meine Oma ist, nachdem die Stadt abgekühlt ist, raus aus dem Bunker und zurück zu ihrem Wohnhaus.
Da war aber nichts mehr, nur noch die Fassade – und der Mülleimer, der am Balkon hing. Alles verloren. Fast alle verloren.

Sie hat mir früher oft erzählt, wie das war. „Ach, ich habe so viele Tote gesehen…einige sind im weichen Asphalt stecken geblieben und wurden bei lebendigem Leib gebacken, andere sind einfach so verglüht, viele sind erstickt, kannst du dir nicht vorstellen.“

Meine Oma und mein Opa mussten nach dem Feuersturm, wie so viele Hamburger, raus aus Hamburg. Mein Ur-Ur-Uropa hat damals im heutigen Tschechien gelebt, da wollten sie hin, denn „da war ja noch Frieden“.
Erst ist meine Oma los, mein Opa wollte schnellstmöglich hinterher, hat aber natürlich nicht sofort funktioniert.
Meine Oma hat es relativ schnell geschafft, mein Opa ist durch das zerbombte Deutschland geirrt, größtenteils zu Fuß.

Immer dabei (in der zerknautschten Aktentasche): der Stein.

Die beiden waren monatelang getrennt, es gab aber einen hollywoodreifen Briefkontakt. Denn meine Oma hat einem Soldaten, der von der Ostfront nach Hamburg auf Heimaturlaub durfte, einen Brief mitgegeben.

Und dieser Brief ist tatächlich angekommen, was immer noch ein Wunder ist. Darin stand, dass es ihr gut ging und mein Opa sich keine Sorgen machen muss. Danke dir für diese Tat, namenloser Soldat, denn ohne diesen Brief wäre ich heute sehr wahrscheinlich nicht hier.

Die beiden haben sich nach langer Zeit wieder gefunden, haben den Krieg beide irgendwie überlebt ­ – mehr oder weniger unbeschadet.

Meine Mutter wurde acht Wochen nach Kriegsende geboren, sie haben sich ein neues Leben als kleine Familie aufgebaut – in der Nähe der Boberger Dünen.
1962 kam dann die Flut. Wieder hat die Familie alles verloren, aber der Stein, das Glück, wurde gerettet. Und wieder haben sie sich ihr Leben neu aufgebaut.

Ich weiß noch, wie fasziniert ich immer war, wenn ich den Stein bei meinem Opa und meiner Oma im Regal habe liegen sehen. Die meisten Dinge sind ja, wenn man sie mit Kinderaugen betrachtet, viel faszinierender als wenn man sie mit den abgenutzten Augen eines Erwachsenen ansieht. Bei diesem Stein ist es anders. Ich kann auch leider nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, dieses Kernbeil in der Hand zu halten.

Meine Mutter hat ihn mir gegeben. „Jetzt musst du auf ihn aufpassen – dann passt er auch auf dich auf.“

Der Stein liegt jetzt bei mir im Regal, ich nehme ihn oft und gucke ihn mir an, lasse mir die vielen Geschichten erzählen. Er ordnet Erfolge und Misserfolge, Bedürfnisse und Wünsche ein und gibt mir das Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ich hoffe, dass er da noch sehr lange liegen bleiben wird – und meiner Familie und natürlich auch mir Glück bringt.

Denn ich glaube, dass dieses Relikt aus der Jungsteinzeit in Wirklichkeit ein Glückswerkzeug ist.

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Ich habe diese sehr persönlichen, komplett ironiefreien Zeilen übrigens nicht geschrieben, weil ich besoffen am Küchentisch hocke oder weil ich zu viele Rosamunde Pilcher-Filme geguckt habe.

Sondern weil ich den Stein heute kurz in der Hand hatte. Und an meinen Uropa gedacht habe, der jetzt 133 Jahre alt wäre.

Hundertdreiunddreißig!

Aus meiner Sicht eine wahnsinnige Zahl mit einer wahnsinnigen Geschichte. Irgendwie auch meiner Geschichte, denn ohne meinen Uropa wäre ich heute nicht hier – und ohne den Stein vielleicht auch nicht.

Aus Sicht des Steines bin ich – sind wir – allerdings nur ein kurzes Blinzeln in der Geschichte.

Nur etwas mehr als Nichts.

Denn dieser Stein hat bestimmt 70 oder 80 solcher langen Familiengeschichten zu erzählen.

Und es werden bestimmt noch viele dazukommen.

Ein beruhigender Gedanke.

Blinzel, blinzel.

6 Gedanken zu “351 GRAMM GESCHICHTE.

  1. Danke! Wunderschöne Geschichte. Ich wünsche Dir, dass Deine Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gehen und dieser Stein Dir, Deinen Kindern, Kindeskindern, Kindeskindeskindern und weiter hinaus allen dieses Quäntchen Glück bringen wird, das er bislang all Deinen Altvorderen gebracht hat!

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