EINE EINORDNUNG.

Es gibt unterschiedliche Arten, mit einer Krise umzugehen. Wobei die mentale Beschaffenheit eines Menschen dafür zuständig ist, wo „Krise“ beginnt.
Einige befinden sich schon in einer tiefen Krise, wenn eine Torte schief angeschnitten wurde oder wenn im Supermarkt der Joghurt nicht mehr da steht, wo er sonst immer steht. WO SIND WIR DENN HIER?!?!?!
Andere Menschen stehen in einem Waldbrand, einem Feuersturm, der mit 1000 Grad alles Leben wegbrennt und sagen: „Oh. Bisschen warm heute.“

Kommt es zu einer großen Krise, die jeden Menschen auf der Welt betrifft, verstärken sich bestimmte Verhaltensweisen.
Forscherinnen und Forscher der Pierre Tradonneur-de-chardonnay-et-exorbitante-du-quatre-vingt-trois-au-miel-Universität in Aurich haben untersucht, wie eine Pandemie Anfang des 21. Jahrhunderts bestimmte Verhaltensweisen des Menschen in Deutschland verstärkt und eine erste grobe Einordnung vorgenommen.
Momentan gibt es in Deutschland überwiegend:

Die middelraged men
Gerade Männer um die 50 sind sehr anfällig für Verhaltensverstärkungen. Dieses Alter markiert grundsätzlich einen Wendepunkt im Leben: Haare fallen aus, um die Hüften bildet sich eine Fettdecke, im Schritt ist alles halbschlaff und der Hodensack schlackert auf Kniehöhe. Die Lücke zur Jugendlichkeit wird radikal kompensiert, früher mit Cabrios (z.B. Mercedes Benz SLK in hellblau metallic), Viagra (auch blau) oder Motorrädern („was Englisches“).
Heute gern mit Yoga-Sessions, sehr teurem Gin, folkloristischen Instrumenten und mit radikal-jugendlicher Zwangsrhetorik.
Gerade die erfolgreichen Managertypen sind es, die sich im Netz mit ihren Morning Runs darstellen und zwei Postings später davon faseln, dass „Die Mainstream-Medien sowieso nur lügen, die Regierung komplett versagt und Merkel endlich vertrieben werden muss“.

Die Katastrophen-Groupies
„Ich habe es euch schon letztes Frühjahr gesagt!“ ist der am häufigsten ausgesprochene Satz dieser Gruppe. Dazu hochgezogene Augenbrauen und verschränkte Arme als Zeichen der Abgrenzung und der Überheblichkeit.
Im Wohnzimmer hängt ein Prof. Christian Drosten-Poster, die Bücher in den Regalen mussten Desinfektionsmittelflaschen und Forscher-Biographien weichen.
Im Wohnzimmer surrt der Drucker, der aktuell alle 23.882 Studien von Dr. Fauci ausspuckt.
Alle RKI-Statistiken werden genau so auswendig gelernt wie Zitate von Karl Lauterbach.
Und man ist natürlich schon längst auf die Klimakatastrophe vorbereitet: Das Greta Thunberg-Poster hängt im Schlafzimmer gegenüber vom Bett.

Die Radikalen
Der Erdbunker ist längst eingerichtet. Acht Paletten Dosenfleisch, vier Fässer Diesel für den Generator und mehrere Rambomesser sind am Start. Der kleine Waffenschein ist beantragt, der Tarnanzug ist schon mit der Haut verwachsen. „Nudeln? Mehl? Hefe? Das ist was für Anfänger!“
Ein typischer Radikalen-Karriere-Verlauf geht so: Klopapier und Nudeln hamstern -> Facebook-Sperre wegen Hate-Speech -> Angelschein, Jagdschein, kleiner Waffenschein -> Kündigung beim Arbeitgeber (oder unehrenhafte Entlassung bei der Bundeswehr) -> Kündigung aller Freundschaften und Familienbeziehungen -> Pachtgrundstück bei Schönwalde -> Army-Shop, Baumarkt (Profi-Abteilung) -> VW Caddy Pick Up (Bj 83) -> zwei Kilo Plastiksprengstoff vom KSK-Kollegen bunkern -> Bilder vom Capitolsturm sehen -> Kuh schießen, häuten (gibt ja keine Büffel in Deutschland), im Kuh-Kostüm den Reichstag stürmen. Verhafte werden.

Die Knallwürste
Deep State. Reptiloiden. Die Erde ist eine Scheibe. Attila. Bill Gates. Kinderblut. Unterirdische Fabriken, in denen Menschen zu Dosenfleisch (wait! What?!) verarbeitet werden. Chemtrails. Trump wird Kanzler von Deutschland. Alles auf Telegram nachzulesen.
Irgendwann macht es POFF und ein wichtiger Teil im Gehirn platzt.
Früher haben die Knallwürste Donald Duck geglaubt. Heute glauben sie den Quatsch, den sich zynische Widerlinge bei 12 Flaschen Wein ausdenken – und verwechseln das mit der Realität. Knallwürste sind die am stärksten

DIE ZÜNDLER
Es sind Menschen mit sehr gut ausgebildeten rhetorischen Fähigkeiten (sehr oft konservative Journalisten und Kolumnenschreiber), die große Krisen dazu nutzen, um bewaffnet mit Dynamit, Benzinfässern und Flammenwerfen die sozialen Medien anzuheizen.
Sie hämmern mit jedem Tweet / Kommentar / Posting einen Spaltkeil durch die Gesellschaft. Ihre mediale Wirkung ist überaus gefährlich, denn sie versammeln viele -> middelraged men und -> Radikale hinter sich.


Die Verbesserer

Grob betrachtet gibt es zwei Arten der Verbesserer: Die aktiven und die passiven.
Die aktiven Verbesserer packen an. Sie erfinden Lösungen für Probleme oder Missstände. Sie versuchen, Dinge wirklich besser zu machen. Voller Tatendrang. Egal, ob es darum geht, Lerngruppen zu organisieren, ob man Geld für Bedürftige sammelt, ob man Alten hilft. Sie denken zuerst an die anderen – und sehr selten an sich selbst. (Auch nicht immer gesund)

Die passiven Verbesserer gucken immer genau hin. Ob Masken korrekt sitzen. Ob die Bahn pünktlich ist. Ob die Autos korrekt parken. Aber sie sagen nichts. Und sie machen wenig. Die Stimme wird selten laut.

Auch im Netz natürlich wird genau hingesehen, hier wird auch gern etwas kommentiert.
Nicht vollständige Aufzählungen müssen sofort ergänzt, nicht ganz korrekte Sachverhalte richtig gestellt werden. Damit es in der verstärkt diffusen Angst eine klare Struktur und eine Ordnung gibt. Es wird natürlich auch beim Lesen dieses Textes Menschen geben, die impulsiv denken oder schreiben müssen:
„Du hast die Gruppe der (hier einsetzen, welche Gruppe fehlt) vergessen.“ oder „Dr. Fauci hat nur 1.300 Veröffentlichungenund „die Pierre Tradonneur-de-chardonnay-et-exorbitante-du-quatre-vingt-trois-au-miel-Universität in Aurich gibt es gar nicht.“

Die KREISCHER

Sie werden lauter. Immer lauter. Und wenn sie so laut sind, dass es in den Ohren matscht, legen sie noch eine Schippe drauf. Im Supermarkt, auf der Straße, an der Tastatur. „DAS IST DOCH HIER NUR PSEUDO!!!“
Leben im CAPS LOCKDOWN.

Die Suchtgefährdeten
Vom Feierabendbier zum Frühstückswein: Die Handydaten zeichnen seit Wochen nur noch Bewegungen zwischen Wohnort, Getränkemarkt und Altglascontainer auf. Der Lockdown wird weggesoffen. Die Leber glüht. Das Gehirn schreit.

Die Kiffer rauchen sich so dicht, dass die Zeit nur noch eine zähe Masse aus Gelee ist. Gras ist der wichtigste Rohstoff der Welt und pro Woche werden zwei Großpackungen Blättchen verbaut.

Die Zocker verwachsen mit ihren Konsolen oder bringen die Entwickler von Candy Crush an die Grenzen, weil sie immer neue Level freischalten.

Die Pornosüchtigen haben das gesamte Internet durchgewichst. Wo sind die gottverdammten Taschentücher?

Die Serienjunkies haben Netflix, Amazon Prime, Magenta TV und sogar die ARD Mediathek durchgeguckt. Von vorne nach hinten, von hinten nach vorne. Jetzt gucken sie alles nochmal durch – auf der Suche nach Filmfehlern.

Zwischenfazit:
Die Pandemie ist derzeit im vollen Gange, die Entwicklung der Dynamik ist rasant.
Es wird spannend zu beobachten sein, was mit den Suchtgefährdeten, den Kreischern, den Verbesserern, den Zündlern, den Knallwürsten, den Radikalen, den Katastrophen-Groupies und dern middelraged men passiert, wenn die Pandemie einen neuen Höhepunkt erreicht.

Oder wenn es wieder ein halbwegs normales Leben gibt.

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