PERFORMANCE

Wir sind nervöse Fleischklumpen, die sich lieber um das Leben von ausgedachten Netflix-Figuren kümmern als um das eigene.

Verwöhnte Arschlöcher, die sich ihren Hintern gern mit 14-lagigem Toilettenpapier abwischen. Gäbe es 30-lagiges Blattgoldklopapier, würden wir auch das nehmen.

Und wenn es einen Billigflug nach Barcelona gibt, fliegen wir selbstverständlich hin. Zum Shoppen. 
Oder nach Island, da ist so schöne Natur.

Warum? Weil wir es können.

Wir sind voll auf Performance. Immer und überall.

Wir wecken unsere Kinder auf Englisch, füttern sie mit Chiasamenmüsli, schummeln ihnen eine bifi in den Ranzen und bringen sie zur Schule.

Den SUV nehmen wir nur, weil wir keinen Hubschrauber haben.

Danach fahren wir zum 800 Meter entfernten Supermarkt, um in Schrumpffolie verpackte Biogurken zu kaufen. Oder „Real Earth Carrots“, das sind Möhren, an denen noch etwas Erde klebt. 
Das machen wir um zu spüren, dass sie auf einem Acker und nicht in einem Gewächshaus mit Nährflüssigkeit gezüchtet worden sind. Dafür bezahlen wir gern 18,- Euro / Kilo.
Die Erde von unseren „Real Earth Carrots“ spülen wir mit dem guten Vittel-Wasser ab.

Wir kaufen online ein paar limited Edition Sneaker von einem auf YouTube bekannt gewordenen Rap-Star für € 1450,- und hoffen, dass sie im Wert steigen. 
Dass die Schuhe von Kindern mit blutigen Fingern für einen Hungerlohn zusammengenäht worden sind, ist vielleicht ein bisschen ärgerlich, aber im Prinzip egal. Dass der Rap-Star Frauen erniedrigt und vergewaltigt ist, naja, eigentlich auch egal. 
Hauptsache, man kann die Dinger mit Gewinn verticken. 
Für die Kohle kann man sich einen richtig guten Gin kaufen. Und ein Konzertticket. 
Den Gin saufen wir aus und tun so als würden wir einen Unterschied schmecken. 
Beim Konzert stehen wir hinten und filmen alles mit dem Scheißtelefon, damit wir Insta-Stories machen können. Um zu zeigen, dass wir da waren. 
Warum? Weil wir es können.

Wir legen Wert darauf, dass unsere Kinder in der 2. Klasse gute Schulnoten bekommen und dass sie spätestens in der 4. Klasse das Handelsblatt verstehen. Sie sollen alles wissen. Sie sollen die Besten sein. 
Dass dabei Dinge wie „Wie geht es dir“, „Danke“ und „Bitte“ verloren gehen: egal.

Hauptsache, die Performance stimmt.

Wenn wir in uns hineinhorchen und denken: „Boah ey. Leben ist echt anstrengend. Je suis Midlife-crisis! Ich mach was für mich und fahre jetzt ab und zu mal Rennrad, ist auch gut für die Umwelt!“, bedienen wir im Internet einen Konfigurator, lassen uns in Taiwan einen Carbonrahmen backen und zu uns schippern. 
Dann zwängen wir unsere deformierten Wurstkörper in functional Lycra-Wear und drehen eine Runde durch den Schwarzwald oder über irgendeinen Deich. 
Und während wir unsere 300 Euro-Trikots mit Mettwurstdampf vollschwitzen, denken wir, dass wir tatsächlich was Gutes tun, weil wir ja gerade kein Benzin verbrauchen.

Den Paketboten, diesen dummen, faulen Idioten, haben wir natürlich beschimpft, als er das Fahrrad geliefert hat – machen ja alle. 
Darüber im Netz gelästert haben wir auch. 
Haha. 
„Der Kommentar war so lustig, gab 27 Likes! Hahahahaha. Den Typen hab ich fertig gemacht!“

Machen ja auch alle. Das gehört zum guten Ton.

Wir posten fleissig Bilder aus dem Sessellift: 
„2973 Meter hoch. Guck mal, wie die Sonne ballert!“ 
Und dann beschweren wir uns darüber, dass der Schnee sogar hier oben sogar Mitte Februar schon seifig ist.

Wir nehmen Kredite auf, um uns vielleicht einen E-Smart, einen Toyota, einen Tesla oder wasauchimmer leisten zu können, weil wir nicht darüber nachdenken, wo der Strom herkommt und wie die Akkus gebaut werden.

Wenn wir uns Avocado aufs Brot schmieren, denken wir, dass wir die Guten sind, weil Avocado ja immerhin kein Fleisch ist.

Wir denken von der Tapete bis zur Wand.

Und wenn uns was nicht passt, werden wir zu Protestwählern. 
„Jawohl! Denen da oben muss man es mal zeigen!“

Wir wollen Vorteile, keine Anstrengungen. Wir sind Speichellecker. Machtgeile Politiker unserer eigenen Partei.

Die Partei heisst: „ICH.“

Und wenn es mal jemanden gibt, der an unserer verkrusteten Struktur rüttelt wie derzeit eine Greta Thunberg oder auch der fertige Bettler aus der S-Bahn oder irgendein fragender Kommentar im Netz, werden wir wütend und antworten mit Zynismus und Hass.

Wir fordern eine Revolution von der Jugend! Aber nur, damit wir sie im Keim ersticken können. Weil wir doch selbst Berufsjugendliche sind. 
Wir sind 50 und tragen Sneaker, Jeans und Tattoos. Und wir haben Durchblick. 
Und zum Karneval gehen wir als Punk. 
Wir sind jung. Da können jetzt keine Kinder kommen und uns sagen, was zu tun ist!

Wir sind halbglatzige, übergewichtige, von Zynismus zerfressene Riesenarschlöcher, die guten Rotwein saufen wollen und denen im Prinzip alles egal ist.

Hauptsache, die Rente stimmt. 
Hauptsache, die Eigentumswohnung ist abbezahlt und man könnte sein 2 Tonnen schweres Auto mit 275 km/h über die Bahn treten. (Was nie passiert, weil immer Stau ist. Oder weil die Autobahnen absacken.)
Hauptsache das mit dem Feminismus wird nicht irgendwann mal Überhand nehmen. 
Hauptsache da kommen nicht so viele Flüchtlinge. 
Hauptsache für die neue Netflix-Serie lohnt sich das Wachbleiben. 
Hauptsache der Urlaub ist geil.
Hauptsache die Performance stimmt.
Hauptsache der Bonus stimmt. 
Hauptsache der Wein schmeckt nicht billig. 
Hauptsache ICH.

Wir hinterlassen Fußabdrücke, die größer sind als Dubai und Las Vegas zusammen und zerren unsere Kinder in genau diese Fußabdrücke – statt dass wir sie ihren eigenen Weg gehen lassen.

Wir hören ihnen ja nicht mal zu.
Der nächste Yogakurs ist wichtiger.
Was die Nachbarn sagen ist wichtiger.
Rendite.
Nagellackentferner.
Bacon auf dem Burger.
Rasenmäherroboter.

Alles ist wichtiger, als mal den den Kindern zuzuhören.

Die Wahrheit ist: Nichts ist wichtiger, als mal den Kindern zuzuhören.

Die Kinder versuchen nämlich gerade, uns den Arsch zu retten.

Und wir lassen sie nicht.

Was vielleicht hilft, ist einmal ganz kurz vor den Spiegel stellen, den Rücken durchdrücken und so abgezockt gucken wie bei einer Verhandlung, bei der es um Geld und um den eigenen Vorteil geht.

Und dann der Person, der man gegenüber steht, in die Augen gucken und diese eine, klitzekleine Frage stellen:

„Stimmt meine Performance?“

Und dann mal 5 Minuten darüber nachdenken.

Das würde vielleicht schon mal helfen.

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