PARTY!

Die Altbauwohnung liegt im fünften Stock, mitten im Szeneviertel. Hohe Decken, alte Dielen, große Wohnküche, ein verschachteltes Bad, das hellgrün gekachelt ist.
Der Balkon ist gigantisch und ungefähr so lang wie eine Bundeskegelbahn.
Der Blick über die Dächer der umliegenden Häuser raubt einem den Atem. Jeder, der hier steht und in den Sonnenuntergang blinzelt, nickt innerlich – und stellt sich vor, diese Wohnung zu besitzen. Was man hier alles machen könnte! Man muss natürlich auch einiges machen, die Dielen knarren, müssten mal wieder abgeschliffen werden, der Putz blättert an ein paar Stellen, ein paar Ecken im Keller sind feucht. Und das Dach muss auch irgendwann mal neu gedeckt werden. Ist halt ein Altbau.
Aber dieser Ausblick. Wahnsinn.

Hier auf dem Balkon stehen die Raucher, Selbstdreher unterhalten sich mit E-Rauchern, der häufigste Satz, der gesagt wird, ist: „Darf ich mal kurz?“ – denn hier steht auch das Bier. Man schiebt sich aneinander vorbei, verrenkt und verbiegt sich.
Der zweithäufigste Satz ist: „Echt schön hier, oder?“, der Smalltalk beginnt reibungslos, weil man über die anderen Dächer reden kann, über den Blick, über den Sonnenuntergang, über den bröckelnden Putz, über die anderen Familien, die in dem Haus wohnen.
„Wohnst du hier?“ ist auch ein oft gesagter Satz. „Ja.“, ist eine oft gegebene Antwort. Es ist eine ziemlich große WG.

In jedem einzelnen Zimmer, auf dem Flur und in der Küche ist es rappelvoll und sehr bunt. Die meisten Nachbarn sind da und haben ein paar Freunde mitgebracht.
Es sind auch ein paar Freunde aus den unterschiedlichen Gesteinsschichten des Lebens der WG-Bewohner gekommen. Und Kollegen und Kommilitonen. Und alle haben alle irgendwelche Freundinnen und Freunde im Schlepptau. Klar.
„Freunde? Einfach mitbringen.“, hieß es in der Einladung.
Der Jackenberg im Schlafzimmer geht bis zur Decke. Wie viele Gäste sind hier? Hundert? Hundertfünfzig? Oder mehr?

Es sind Kinder da, es sind Alte da – und alles dazwischen. Sogar ein Hund rennt hier rum, ein Mischling aus einer rumänischen Tötungsstation. Oder aus Marokko. Ein Tier mit Dankbarkeit im Blick, das so viel gestreichelt wird, dass es die Party wahrscheinlich als am Rücken blank gescheuerter Nackthund verlassen wird.
Und fast jeder der Gäste hat etwas für das Buffet mitgebracht, „irgendwas, was zu euch passt“, hieß es in der Einladung.

Neben Kartoffelsalat mit Öl steht Curryreis, es gibt Oliven, eingelegte Paprika, Couscous, Frikadellen, Thunfischsalat, jede Menge Obst, Pflaumenkuchen, Apfelkuchen, aufgebackene Brezeln, Kirschkuchen, Fantakuchen und irgendein undefinierbarer Teighaufen.
Da stehen Scampi-Spieße, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, spanische Tapas, Melone mit Schinken, Datteln im Speckmantel, Käsewürfel, Nudelsalat, Chicken Saté, geröstetes Brot, Avocados und natürlich die Schüssel mit Coctailwürstchen, die immer nur nach Wurstwasser-Nachgeschmack schmecken.
Dazu sind überall Erdüsse, Chips und Gummiquatsch verteilt.
Es wird geredet, gelacht, probiert und geschmatzt. „Hast du das echt selbst gemacht?“ wird genau so oft gesagt wie: „Altes Familienrezept.“

Die Klingel ist ausgestellt, die Tür steht den ganzen Abend offen. Stand ja auch so in der Einladung. „Fünfter Stock, einfach hochkommen.“
Die Leute, die kommen, sind mit einem Sixpack Bier, mit Wein oder mit einer Schüssel für das Buffet beladen. Oder Verlegenheitsblumen von der Tanke. In Knisterpapier eingewickelte Tulpen, die so natürlich wirken wie Donatella Versace.

Echt gut hier.

Als die Ränder einiger Dips schon angetrocknet sind, als die Musik weiter aufgedreht wird, als getanzt und bestimmt auch schon geknutscht und gekotzt wird, ist da auch dieser groß gewachsene Typ, den erst keiner so richtig auf dem Zettel hatte. „War der schon die ganze Zeit hier?“, denken viele.
Er wirkt bestimmt, eloquent, wenn man böse ist, vielleicht ein bisschen schmierig in seinem Hemd und dem Sakko und den nagelneuen Schuhen. Er nickt allen zu, guckt den Leuten direkt in die Augen. Alle sehen ihn, nur dem Hund ist er egal.

Ein bisschen Smalltalk hier und da, ein paar Biere hier und da. Ist ja leicht und einfach.

Am Buffet nimmt er Kartoffelsalat (der mit Mayonnaise wie er es kennt) und Frikadellen. „Nun, diese Couscous-Pampe da ist nix für mich. Damit kann man hier Löcher in der Wand ausbessern. Aber essen? Nein, niemals.“

Dann geht alles ganz schnell: Er macht Reinheitsgebotswitze mit Leuten, die sie nicht hören wollen.
Er kommt sehr nah ran beim Sprechen, hat weiße Kleckse im Mundwinkel und spuckt einen voll. Wenn man mit ihm redet, hat man Mayo im Haar. Und man muss sich seinen ausgerotzten Hass aus dem Gesicht wischen.
Später pisst er ins Waschbecken, stopft tatsächlich Couscous in ein kleines Loch in der Küchenwand, rotzt auf die Paprika, wünscht sich vom DJ Schlager.
Er geht auf den Balkon und schmeisst Oliven und Tapas an die Fenster der umliegenden Wohnungen. Er wird immer lauter, unangenehmer, ekelhafter. Ein paar, die nicht mal ihre Jacke ausgezogen haben, die irgendwelche Freunde von Freunden sind, finden das ganz witzig und machen mit. Erst die Oliven. Dann die Sprüche.

Natürlich sagt einer der Gastgeber etwas, danach wird es laut: „Guck dir diese Scheiß-Party doch mal an – was habt ihr denn für Gäste? Kuffnuckis und Ahmeds. Wollen sich hier unters Volk mischen, wollen mein Land vergiften!“

Dann zeigt er auf die Nachbarin von unten.

„Hier, was ist das? Die kommt aus dem Orient. Islamistin, oder was? Trägt sie einen Gürtel?“

Dann kommt er ganz nah und redet leise und zischt dem Gastgeber Nudelsalatspucke-Hassgemisch ins Ohr.

„Weißt du, wie man solche Leute befruchtet? Auf den Tisch wichsen. Den Rest machen dann die Fliegen.“


„Ok. Du gehst jetzt besser, sonst bekommen wir hier echt Ärger.“, heißt es von den Gastgebern. Die größten Gäste haben sich aufgestellt. Eine Frau schreit den Typen an, ist echt wütend, die Musik ist jetzt aus.
Nach ein paar quälenden Sekunden geht er. „Kommt noch wer mit? Hier sind nur Widerlinge und Verlierer! Los, komm, raus hier. Wer ist dabei?“
Die beiden stumpfen Einzeller, die auch Oliven und Tapas vom Balkon geschmissen haben, kommen mit. Sie rülpsen irgendwelche besoffenen Parolen.
Die WG schließt die Haustür, einige rufen den beschissenen Idioten noch was hinterher.

Im Treppenhaus gucken die drei auf die Namensschilder. Bei den Özlems pissen und rotzen sie auf die Fußmatte, die Kinderschuhe, die vor den Türen der Sülüs stehen, treten sie genüsslich die Treppe runter. Genau wie den Roller. Unten telefoniert einer der drei, wahrscheinlich sucht er eine neue Location.

Oben in der Wohnung hat Stimmung hat jetzt jedenfalls mehr Risse als der Putz an den Wänden, die Party geht trotzdem weiter. Irgendwie jedenfalls.
Einer sagt: „Tja. Aber so ist das, wenn Populisten eine Party zerscheißen. Ein paar hat er mitgenommen, aber wir sind ja irgendwie enger zusammengerückt. Jetzt sind sie weg. Lass weiterfeiern!“

Einige haben gar nicht so richtig mitbekommen, was los war, weil sie seit Stunden an der Absturzgrenze wandeln, oder geknutscht haben, andere sagen: „Ach egal, ist noch Wein da?.“ Ein paar diskutieren noch eine Weile über die Arschlöcher, regen sich auf, haben Wutflecken am Hals, „Wo kam der denn überhaupt her? Wer hat den eingeladen?“, ein paar wenige gehen nach Hause, weil sie müde sind.

Die Party ist ein bisschen anders geworden, irgendwie ist die ganze Veranstaltung einmal kurz in sich zusammengezuckt.
Alles ein bisschen in Moll. Nicht lange.
Denn es geht schnell weiter wie vorher. Der Jackenberg ist zwar etwas kleiner geworden, das Buffet besteht nur noch aus Resten und den traurigen Cocktailwürstchen, die so intensiv riechen wie ein Walkadaver, der an den Strand gespült wurde. Nicht mal der Hund wollte die essen.

Die Raucher stehen auf dem Balkon, trinken Bier, gucken über die Dächer und stellen sich vor, wie es wäre, diese Wohnung zu besitzen. Eigentlich ist fast alles wie vor ein paar Stunden.

Bis laute Stimmen zu hören sind und Fäuste an die Wohnungstür hämmern.


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Am 26 Mai sind Europawahlen. 


Vielleicht sollten wir uns die Party nicht zerscheißen lassen. 

5 Gedanken zu “PARTY!

  1. Klasse beschrieben diese lebensfrohe Party und dieses braune Gesocks was das Leben bedroht und einschüchtert…ich konnte es mir bildlich vorstellen und mitfühlen.
    Leute ,geht wählen damit euer Leben genauso bunt bleibt wie es sein sollte…denn wenn die Rechten gewinnen wird es zappenduster…oder tief kackbraun…. also hoch vom Sofa 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Hi there.

    Jesus fucking Christ. Du hast Talent. Du malst Bilder mit Worten. Plastisch, Eindringlich. Großes Kompliment. Hoffe Du machst das noch lange weiter. Danke.

    Diana

    Gefällt 1 Person

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