ROHKOST.

„So, hier ist dein Platz.“

Frau Krüger, die Kindergärtnerin, die aussah wie eine lederne Aktentasche, die 20.000 Kilometer hinter einem Auto hergeschleift wurde, hat ihre schorfigen Gichtfinger auf meine Schulter gelegt und mich in die Mitte einer kleinen Halle geschoben.

Ich konnte, seit ich vor ein paar Minuten von meiner Mutter hier abgegeben wurde, die ganze Zeit nur die Muster im Steinfußboden anstarren: Graue kleine Steinchen, die irgendwann aus einem mächtigen Felsen gesprengt und zu diesem Fußboden verarbeitet wurden. Ich hatte viel Mitgefühl, schließlich wurde auch ich herausgesprengt – aus meiner Familie. Aus meinem Bett. Aus der kleinen Miniwohnung mit den dicken Teppichen.

Und jetzt war ich hier, ganz dicht neben der grobschlächtigen Frau Krüger.

Ihre Hose war aus Sperrholz gefertigt, aus dem gleichen Material, aus dem auch die Decken vom Roten Kreuz gemacht sind. Beim Gehen scheuerten die Hosenbeine aneinander und machten Geräusche wie Schmirgelpapier auf Schmirgelpapier.
Ich bekam davon eine sehr unangenehme Gänsehaut.

Um mich herum haben sich ungefähr achtzig Kinder aufgestellt, mich angestarrt und angefangen zu schreien.

„HEU-TE IST LIE-DER UND GE-MÜSE-TAG, DAS IST DER TAG, DEN JE-DER MAG…“

Bei „TAG“ und „MAG“ wurde es so laut, dass meine Kniescheiben vibrierten. Die Heimleitung hat mich angesehen wie Dr. Frankenstein sein Monster angeguckt haben muss, als er ihm die letzte Hand angenäht hat.
Dann ist sie zum Hocker geschlendert, der am Rand stand, hat sich draufgesetzt und wie eine Irre auf ihre Wandergitarre eingeschlagen. Sie hat mich dabei nicht aus den Augen gelassen, ihre Blicke zerstörten meine Hornhaut und bohrten sich in meinen Kopf. Ihre Haare wippten. Klong. Und dann ging das Gekreische los.

Die Kinder haben aber nicht nur gekreischt. Sie haben auch geklatscht und getreten. Alles immer schön in meine Richtung. Und während sie ihre Strophen brüllten, sahen sie mich an und taten so als würden sie kleine Kätzchen ertränken. Später folgten Würgebewegungen. Ganz klar.
Sie wollten mich fertig machen, und zwar alle zusammen.

Das fürchterliche Lied, das sich für immer in meine Hirnrinde eingebrannt hat, hieß: „Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh´.“
Ich kann es nicht mehr hören, ohne mich schlecht zu fühlen.

Nach dem Singen hat sich meine neue Bezugsperson, der ich hinterhergedackelt bin wie ein frisch geschlüpftes Gänseküken dem Hofhund, zu mir runter gebeugt und mit mir geredet wie mit einem sedierten Wrack auf dem Sterbebett. „Ach das ist aber schön, dass du da bist. Heute singen wir den ganzen Tag und essen Gemüse. Denn heute ist unser Lieder- und Gemüsetag. Wir wünschen dir ganz, ganz viel Spaß hier bei uns. Und jetzt….“

Sie hat mir ansatzlos mir eine 25 Zentimter lange Karotte in den Hals gerammt und geklatscht. Fünf Mal.

„…G-U-T-E-N A-P-P-E-T-I-T“.

In ihren Augen hat es geblitzt, als sie die Silben geklatscht hat. Und das Klatschen war in einer Frequenz, die mir zusätzlich die Trommelfelle zerfetzte. Beide.

Blitzen, Klatschen, Piepton. Mehr weiß ich nicht.

Meine nächste Erinnerung war ein spontaner Angsthustenanfall, mit dem ich die zerkauten Karottenstückchen großflächig auf dem Linoleumfußboden verteilt habe. Rohes Gemüse, das sich nicht zerkleinern ließ, sondern sich mit jedem Biss verdoppelt hat. Es wurde immer mehr. Immer mehr. Immer mehr.

Frau Krüger beugte sich zu mir herunter, streichelte meinen Rücken und sprach sanft und eindringlich: „Ach, das macht doch nichts. Das wirst du jetzt einfach wieder aufsammeln und dann ist alles so als wäre nichts gewesen.“

Noch während die letzten Ausläufer dieser mörderischen Hustenattacke durch meinen Hals pfiffen, durfte ich auf dem Linoleum hocken und die zerkauten Einzelteile aufsammeln. Und wurde so meiner Pinguingruppe vorgestellt.

„Und das da ist SoBo, unser Neuer. Sagt mal alle hallo….“.

Die erste Sache, die ich im Kindergarten gelernt habe, war also Empathie.

Ich konnte mich von der ersten Sekunde an zum Beispiel sehr gut in einen Strafgefangenen hineinversetzen, der unschuldig eingebuchtet wurde (lebenslänglich), mit seiner Zahnbürste das Klo putzen und sich danach vor allen Leuten die Zähne putzen muss.

Und ich wusste auch genau, wie sich eine Kuh fühlt, wenn ihr das Bolzenschußgerät auf die Stirn gesetzt wird. Ich wusste, wie sich Pestopfer gefühlt haben müssen. Ich wusste, wie mit Leuten umgegangen wird, die sich großflächig mit kochender Suppe verbrüht haben und für immer entstellt sind.
Und ich wusste, woraus Superkleber besteht: aus Karotten, Speichel und Linoleum.

Gerade als ich anfing, meine Erfindung positiv zu sehen, wurde ich unterbrochen.
Angelika ein vierjähriges Wesen, das aus Mitleid und glänzender Haut bestand, torkelte unbeholfen auf mich zu, pulte etwas aus ihrem Backenzahn und steckte es mir in den Mund. Damals durfte man im Kindergarten nämlich noch Kaugummi kauen. Rauchen durfte man damals auch noch, glaube ich.

Der Kaugummi schmeckte nach Blut, Wurzeln und Fensterkitt, ich war aber zu zerstört, um mich zu wehren und kaute diesen zähen Brocken weiter.

Angelika nahm mich an die Hand, nuschelte ein „ljesn“ und zerrte mich zur Bücherecke. Da standen drei Bücher. Eins mit Baggern, eins mit einer Raupe, eins mit einem Dinosaurier.
Natürlich konnte ich noch nicht lesen, aber Bilder waren erst einmal okay. Bisschen Blättern zum Runterkommen, das konnte ich gerade ganz gut gebrauchen. Baustellen und Raupen interessierten mich nicht, in dem „Was ist Was“ (wie ich später herausgefunden habe) ging es um Dinosaurier, Buchstaben und Eis.

Okay. Ganz vorsichtig. 

Der Lack knirschte noch, als ich das Buch aufschlug. Zahlen, Buchstaben, Gürteltiere, hässliche Wesen, und Vögel mit Lederflügeln, die aussahen wie die Heimleiterin Frau Krug mit ihren lappigen Falten. Ich tauchte langsam ab, vergaß die Kinder um mich herum, konnte ausblenden, dass ich mitten in einem Alptraum steckte. Und als ich zur Doppelseite mit dem Säbelzahntiger geblättert habe, ist in mir ein Gefühlsfeuerwerk explodiert: Staunen, Ehrfurcht, Freude, Schaudern, Angst, alles dabei. Das Tier hat mich direkt angesprungen. Das Maul aufgerissen. Gebogene Riesenzähne, gelb und groß wie Riesenbananen. Ganz klar. Der Tiger wollte mich angreifen.

Plock.

Mir ist Angelikas Kaugummi aus dem Mund gefallen, der graue Klumpen ist im Fell des Tieres kleben geblieben.
Hat das jemand gesehen? Angelika? Nein – die hat Puppen gefüttert. Die anderen? Haben mit Töpfen geschmissen. Die Erzieherin? Hat zwei Kinder, die sich ineinander verbissen hatten, getrennt.
Ich war vollkommen überfordert. Ein paar vorsichtige Versuche, den Klumpen aus dem Fell zu pulen, habe ich schnell aufgegeben. Fehlende Motorik und eine noch bessere Klebewirkung als Karotte-Speichel-Linoleum haben den Erfolg verhindert. Denkdenkdenk, scheissescheissescheisse. Sagt man nicht. Egal. Scheisse. Was tun? Und das am ersten Tag.

Meine Lippe zitterte.

Also habe ich das Buch zugeklappt und so den Säbelzahntiger ein weiteres Mal ausgerottet.

Das ganze schöne Wissen über dieses großartige Tier: klatsch, weg.

Den kompletten Kindergarten habe ich verdummt – niemand konnte jemals wieder etwas über die Jagdtechniken des Säbelzahntigers erfahren. Anmut, Schönheit, Katzenhaftigkeit: weg. Ich habe getötet, eine Spezies ausgerottet.

Also habe ich das Buch ins Regal gestellt. Das neue Buch. War bestimmt teuer.


Die nächsten Stunden erlebte ich in einem verklebten Nebel aus Tränenflüssigkeit, Angst und Scham. 

Es gab noch Mittagessen (verbranntes Kartoffelpüree), danach wurden wir zum Mittagsschlaf gezwungen. Auf Feldbetten hat man uns gelegt und uns in kratzige Wolldecken gehüllt. 
Die letzten Stunden habe ich einfach nur ertragen.

Und dann wurde ich abgeholt. Die Minuten fühlten sich an wie Stunden, die Stunden fühlten sich an wie ein Folterknecht, der einem mit einer Kneifzange die Fingernägel rausreißt. Und dann stand da meine Mutter, sie sah mich stolz an.

Zur Verabschiedung hat sich die Kindergärtnerin zu mir gebeugt und mir noch ein paar wahrscheinlich lieb gemeinte Worte mit auf den Weg gegeben. Ihre Hose machte dabei wieder diese ätzenden Schmirgelpapiergeräusche.

„Guck mal, der erste Tag im Kindergarten ist etwas ganz Tolles. An den erinnert man sich sogar noch, wenn man so groß und Erwachsen ist wie ich.“

Stimmt.


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