ANPASSUNGEN.

Wir haben uns an Parkpieper gewöhnt, an klimatisierte Räume, an Latte Macchiato-Boutiquen, in denen man in einer komplizierten Phantasiesprache teuren, schaumigen Kaffeeschlamm in Bechern bestellen und im Gehen in sich reinschütten kann.

Wir haben uns auch an Transportbänder auf Flughäfen gewöhnt, auf die man sich stellt, um auf dem Weg zum Billigflieger bloß nicht zu viele Schritte zu machen und auf keinen Fall Kalorien zu verbrennen.
Billigflieger und Fernreisen gehören sowieso zum Leben.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir eine gute Zeit des Tages mit unseren Wurstfingern über unser Smartphone-Display wischen. Und wenn mal ein Bild von geshredderten Küken kommt, wischen wir es schnell weg – und kriegen irgendwie Bock auf Saté-Spieße.

Und wir haben uns auch daran gewöhnt, dass wir zu Hause Super HD-Triptonit-Mega-Ultra-Special-Bildschirme haben. Mehrere davon.
Mit passenden Soundsystemen. Und zwei Laptops.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir, wenn es uns überkommt, mal eben per Klick was bestellen. Die Einkäufe werden, wenn wir wollen, am nächsten Tag von einem vom Leben durchgef*ckten Paketboten geliefert. Den wir im Netz mit unserem aufgestauten Frust fertig machen.
Weil wir es immer so machen.
Und natürlich weil die fertige Sau es verdient hat. Der hat das Paket einfach beim Nachbarn abgegeben! „Arschloch! Den fotografier ich und stell das Bild ins Netz und dann werde ich ihn komplett durchbeleidigen!“

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir auf Volksfeste gehen, wo wir uns zu unfassbar schlechter Musik ungefähr ein Monatsgehalt in uns reinsaufen und –fressen, nur um es kurze Zeit später auf die Wiese daneben zu kotzen.

An Mähroboter haben wir uns gewöhnt und an den Lärm von Laubpustern. Behelmte Segway-Armeen, die planlos durch Innenstädte eiern sind nichts Besonderes. Weil wir uns daran gewöhnt haben. Genau wie an Berichte über Attentate.

Das Auto war eine tolle Erfindung, die Hersteller haben sich komplett ausgetobt und tun es noch. Es gibt zum Beispiel den Bugatti Chiron, ein Megasportwagen mit 16-Zylindern und 1500 PS. Na und? Schulterzucken. Ist normal. Weil das technisch Machbare eben ausgereizt wird.
So sind wir Menschen.

Wir haben uns natürlich daran gewöhnt, dass es im Supermarkt das ganze Jahr über Erdbeeren, Sternfrüchte, Ananas, Avocado und eine vollgestopfte, dreizehn Meter lange Fleischtheke gibt. Wir haben uns auch daran gewöhnt, dass Supermärkte jeden Tag Lebensmittel wegwerfen. Und daran, dass es Parteien gibt, die verbieten, dass man sich die weggeworfenen Lebensmittel mitnimmt.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir Krabbenbrötchen mit echten norddeutschen Krabben essen, die in der Nordsee gefangen, aber nach Marokko verschifft wurden, um da gepult zu werden. Weil es sich lohnt, Krabben in der Nordsee zu fangen, aber in Marokko pulen zu lassen. Das ist vollkommen pervers. Aber so ist das eben. Hm. Lecker. Krabben.
 
Wir sind gerade dabei, uns daran zu gewöhnen, dass es eine Nazi-Partei im Bundestag gibt, und dass es ganze Bundesländer gibt, die stramm nach rechts abgebogen sind. Daran, dass der amerikanische Präsident Donald J. Trump jeden Tag richtig gefährliche Lügen verbreiten kann und noch lange keine Kugel gefangen hat, haben wir uns auch gewöhnt. Genauso wie daran, dass er mit sehr zweifelhaften Methoden (und russischen Bots) an die Macht gekommen ist.

Wir gewöhnen uns gerade daran, dass es regelmäßig Waldbrände gibt. In Deutschland.
Und dass es immer weniger Insekten gibt. Und auch daran, dass in Indien 50 ° im Schatten sind und dass da einfach mal eben der Asphalt schmilzt. Aber Indien ist ja weit weg. Und so oft ist das mit den Waldbränden ja nun auch wieder nicht. „Außerdem habe ich vorhin eine Biene gesehen“.

Daran, dass Flachwurzler wie Birken langsam ihre Lebensweise an den niedrigen Grundwasserpegel anpassen und weniger Blätter haben als sonst und dass es sehr wahrscheinlich bei uns bald weniger Birken, aber dafür mehr Palmen geben wird, werden wir uns auch schnell gewöhnen.

„Ist doch geil, wenn das so waaam ist im Sommer drinne. Kann ich Cabrio fahrn.“

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es Medien wie die BILD gibt, die mit Hetze und Lügen Werbeplätze verkaufen.
Auch daran, dass es Politiker gibt, denen es eigentlich nur um ihre beschissene Macht geht. Und darum, mit ihren Meinungen zu spalten oder mit mega-aggressiven Konzernen wie Nestlé oder Rheinmetall ins Bett zu steigen.

Soweit so dumm.

Wir sollten uns jetzt bitte nicht daran gewöhnen, dass wir von „Verboten“ sprechen. Dass Politiker und Medien die Grünen (die mit ihrem Programm momentan irgendwie eher zufällig gefragt sind) als „Verbotspartei“ etablieren wollen, um die Menschen noch ein bisschen weiter aufzuhetzen und zu verdummen.

Vielleicht sollten wir uns jetzt einfach mal daran gewöhnen, dass wir uns nur anpassen müssen. Weil wir es die ganze Zeit machen.

So geht Evolution.

Und ein Teilverzicht auf das Gewohnte, ist, wenn man es sehr negativ sieht, nichts anderes als ein Wachstumsschmerz. Es kann sogar ein Gewinn sein, mal was Neues auszuprobieren oder sich auf etwas Ungewohntes einzulassen.

Wir haben uns schließlich auch daran gewöhnt, dass man in S-Bahnen nicht rauchen soll. Und dass man sich in Autos besser anschnallt.

Nochmal: Es geht nicht um Verbote.

Es geht um Vernunft und um Anpassungen.

Was spricht dagegen, mal für eine Kurzstrecke nicht das Auto zu nehmen, sondern das Fahrrad? Auch wenn es windig ist.
Was spricht dagegen, mal nicht die Currywurst mit Pommes zu nehmen, sondern ein Linsencurry?
Was spricht dagegen, den Jungen, die für das Klima (und gegen das Gewohnte) auf die Straße gehen, weil sie verzweifelt sind, mal zuzuhören? Was spricht dagegen, viel mehr in Bildung zu investieren und viel weniger in Rüstung? Was spricht dagegen das nächste Stück Müll, das man sieht, einfach aufzuheben und in den Mülleimer zu schmeissen? Was spricht dagegen, nicht irgendeiner dummen Meinung eines Politikers oder eines Hetzblattes hinterherzulaufen? Was spricht dagegen, mal wieder selbst zu denken?

Was spricht gegen Anpassungen?

Wir passen uns doch die ganze Zeit an. Wir teilbehaarten Fettbeutel, die genetisch irgendwo zwischen Stubenfliege und ganz einfachen Affennachfolgern hin- und herpendeln, haben es ja auch irgendwie bis hierher geschafft.

Und an die fünfstelligen Postleitzahlen haben wir uns auch gewöhnt. Oder?

Passen wir uns doch einfach an die Umstände an – ist nicht alles so schlimm, wie es einem die ganze Zeit gesagt wird.

Schlimm wird es nur, wenn wir so weitermachen wie bisher.

5 Gedanken zu “ANPASSUNGEN.

  1. Ähnliche Gedanken hatte ich, als ich heute morgen das Plakat der CSU zu Elternteil 1 und Elternteil 2 gesehen habe (Facebook). Ich habe gedacht: Passt Euch doch einfach mal an die Realitäten an und versucht nicht immer Euer überholtes 50er Jahre Weltbild mit Macht aufrecht zu erhalten.
    Danke für diesen Text, der es mal wieder exakt auf den Punkt bringt.

    Gefällt 1 Person

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