ROOOOOOOAAAAARR.

Neben mir hat vorhin ein Kreuzfahrtschiff abgelegt.
Das Bollern der Maschine war bis in den Mariannengraben spürbar, umliegende Bäume haben ihre Rinde abgeschält und spontan alle Blätter verloren. Vögel sind vom Himmel gefallen und der Asphalt, auf dem ich stand, hat Risse bekommen.

Das Kreuzfahrtschiff war kein Kreuzfahrtschiff, sondern ein Mercedes-AMG G 63. Und der Fahrer sah aus wie der junge, überambitionierte und innerlich zersetzte Bruder von Sascha Hehn. Mit Polohemd und Segelschuhen. Er hat seinen Kahn ausgeparkt und mit einem zarten Tipp auf das Gaspedal beschleunigt.

Zum Auto: 2618 Kilogramm feinste Ingenieurskunst und ein Stückweit deutsche Automobilgeschichte.
Angetrieben wird dieser Tanker von einem V8/4 Biturbo Motor mit 585 PS.
0-100 schafft das Teil in 4,3 Sekunden. Bei 240 Km/h ist Ende.
Mercedes gibt den Werksverbrauch (innerorts) mit 16,5 Litern Superbenzin an.  Ein Test einer Autofachzeitschrift hat gezeigt: Es ist ein kleines bisschen mehr. Man kann sich ziemlich sicher sein, dass der Redakteur eine kleine A-Klasse und einen Karibikurlaub bekommen hat, wenn er den Realverbrauch schriftlich unter 30 Liter drückt. Also steht da, dass die Brennkammern mit 29,5 Litern geflutet werden.

CO2-Ausstoß: 299 g/km, nur unwesentlich mehr als das gesamte Ruhrgebiet.
Die mobile Ikone hat den CW-Wert eines Braunkohlebaggers (0,55) und die Energieeffizienzklasse: F.
Zum Vergleich: eine brennende Bohrinsel hat die Energieeffizienzklasse: G.
Das Ganze gibt es ab Werk für 182.569,80 Euro. Das ist natürlich der Basispreis, sollte klar sein.

Man kann sich seinen Kindheitstraum also noch nach Belieben konfigurieren. Sidepipes, Felgen, Fußmatten, etc.
Oder man spart sich das Geklicke und nimmt die benutzerfreundliche und philosophisch-krude „STRONGER THAN TIME“-Edidion.

Hier bekommt man neben feinstem Nappaleder und einem Schiebedach auch eine „Aussenschutzleiste mit Ziereinlage in gebürsteter Aluminiumoptik“, „Trittbretter seitlich links und rechts in Silberchrom“ und „Haltegriffe in Leder“.
Preis für das Paket: läppische 28.560,00 Euro.
Ob es unter der Ladentheke auch einen vollverchromten Anal-Intruder gibt, ist nicht überliefert. Den Blicken der Fahrer nach: ja.

Das Auto ist sehr geländefähig, setzt mit der maximalen Wattiefe von 70 cm, einer Schräglage bis zu 70 % und einer Steigfähigkeit von bis zu 100 % Maßstäbe.
Die Sicherheit des Klotzes wird von den Machern besonders betont.

Hauptklientel: Bundesligaspieler, die damit nach dem Training zum Friseur fahren und reiche, dünne Frauen, die mit ihrem Hund zum Hundeyoga müssen.
Ok, das war gemein und ein unnötiger Griff in die Klischeekiste.
Ich habe nämlich die reichen, blassen Söhne vergessen.
Und die Gangsterrapper mit Geldscheintattoos, die damit durch ihre Hood bollern und heimlich Nickelback hören.

Man hat sie vor sich, die die vom Zynismus zerfressenden Marketingverantwortlichen, die seelisch verknorpelten Produktmanager und die nach Endlösungen suchenden Ingenieure, die mit brennenden Gehirnen im Meeting gesessen haben und überlegten, wie sie die Karre positionieren.

Nach einigen Litern Nestlé-Kapselkaffee, ein paar telefonischen Peitschenhieben vom Vorstand, vielen Bifi Roll XL und 19 Paletten Red Bull war es dann soweit.

Der Marketingmann ist über seinem Tablet zusammengesackt, ihm lief ein zähflüssiger, übel riechender Speichelfaden aus dem Mundwinkel, der sich in die Tischplatte gefressen hat, sein Puls war, angetrieben vom Koffeein und den anderen Substanzen, irgendwo bei 400.
Die Augen haben geflackert wie ein Daddelautomat.

Sie mussten den Betriebsarzt holen. Der hat den Mann gesehen, wie er auf dem Teppich gezuckt hat wie ein Breakdancer, auf den geschossen wird und meinte, nachdem er seine Werte gemessen hat, zum Rest der Kollegen:

„Puls 398. Blutdruck 8 Bar. Keine Steigerung möglich.“

Der Produktmanager ist zu ihm hin, hat ihm seine drahtige Hand auf die Schulter gehauen und meinte: „Das ist richtig geil! Das nehmen wir. Danke, Mann.“

Bei einer Sache kann man sich sicher sein: Es ist, im Gegensatz zur Positionierung, auf jeden Fall eine Steigerung möglich.
Die Frage ist nämlich nicht, ob die Schallmauer von 200.000 Euro Grundpreis für 600 PS durchbrochen wird. Sondern wann.

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Ich will gar nicht in die „SUV sind unnötig-Kerbe“ schlagen. Aber zum Mercedes-AMG G 63 habe ich tatsächlich zwei ernsthafte Fragen.

1. Wie weit könnten wir sein, wenn die Ingenieure und Hersteller ihr Können, ihr Talent für etwas Sinnvolleres einsetzen würden als für solche maßlosen Autos?

2. Ist es im Stau besser, wenn man 585 PS unterm Arsch hat?

2 Gedanken zu “ROOOOOOOAAAAARR.

  1. “Man hat sie vor sich, die die vom Zynismus zerfressenden Marketingverantwortlichen”
    Damit bist du gar nicht mal soweit von der Wirklichkeit weg. Je maßloser, desto höher wird der Preis für die Kampagne, die natürlich außerhalb des Budgets verhandelt wurde. Nachverhandlungen sind selbstredend im Vorhinein vereinbart, Gründe sind von vorherigen Projekten übernommen. Eigentlich könnte so eine Marketingfirma nach so einem Auftrag die Pforten wegen Reichtums schliessen, aber die Maßlosigkeit hat auch hier ihre Tentakeln längst in allen Portemonnaies.
    Ich werde täglich mehr zum Fatalisten, Worte wie „Ungeheuerlichkeit“, „Skandal“ u.ä. sind längst nicht mehr in der Lage, die Unfassbarkeit zu beschreiben. Was bleibt einem da noch anderes übrig, als sofort zur Entspannung einen Flug nach Thailand an den Strand zu buchen?

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  2. Ich habe Tränen gelacht, besonders in dem Abschnitt mit der Bohrinsel. Und generell stimme ich dir auch völlig zu. Nur ist dies eigentlich kein SUV für Zahnarztgattinnen. Dieses Teil ist der letzte echte Geländewagen von Mercedes und wird auch oft so eingesetzt. Es gibt nur ein paar, die ihn brauchen und die meisten davon in Afrika oder Sibirien, auch in Südamerika ist solch ein Gefährt sinnvoll. Sicher nicht auf den Autobahnen rund um Hamburg.

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