NICHT WEITERSAGEN!

Wenn man in New York ist, erlebt man unheimlich viel. Ganz einfach, weil einem diese riesige Stadt viel gibt. Sehr viel sogar. Und alles auf einmal. Ein paar Mal war ich da schon und habe meine Synapsen an das New Yorker Starkstromnetz angeschlossen. Informationen, bis die Drähte glühen – innerhalb von Nanosekunden.
Man kann gar nicht anders als gucken und glotzen und staunen. Und mal den Kopf aufmachen und mal ins Museum gehen, oder in dieses eine Café, von dem alle reden. Und auf jeden Fall auch mal in diesen einen Jazz-Laden, wo die Leute spielen, von denen man noch nie vorher gehört hat, von denen man aber später auf jeden Fall mal hören wird.

Ach, New York.

Dieser eine Geheimtipp-Jazz-Laden, in dem ich ein paar mal war, ist in einem Hinterhof, irgendwo eine gute halbe Stunde Fahrt mit der Bahn, dann noch ein paar Minuten zu Fuß.
Liegt in diesem einen Stadtteil, in den man sonst nicht so geht, irgendwo im East-End vergraben.
Aber wenn man schon in New York ist, na klar, dann kann man da mal eben hinfahren. Weil es sich immer lohnt – extrem gut kuratierte Abende vom Betreiber, der Musik liebt, der Musik ist. Die Stunden in dem Laden sind der perfekte Abschluss nach einer vollen Woche.

Die Bands, die da spielen, spielen da gern, wenn sie in der Stadt oder in der Nähe sind – weil da keine klassische Club- oder Konzertatmosphäre ist, sondern eine Mischung aus Proberaum, Bar und Wohnzimmer. Direkt vor der Bühne steht ein Sofa, der Sound in dem Laden ist exzellent und das Publikum weiß zu schätzen, was es da hört und sieht.

Die Bands, die kommen, wohnen da mehr als dass sie nur spielen. So nah ist man den Musikerinnen und Musikern sonst nur, wenn man selbst in einer Band ist.
Alles ist sehr intim und offen. Keine durchkonzipierten Konzertabende, die sich nach Plastik anfühlen und bei denen sich die Leute auf der Bühne fragen, in welcher Stadt sie eigentlich gerade sind.
Es gibt hier keine Hotelkettenbands, die sich Hotelkettenfrühstück reinschaufeln und nur da ihre Sets runterrotzen, weil es so im Plan steht, den der Bandmanager im Kokainwahn aufgestellt hat. Die Bands, die hier spielen, wollen hier spielen, weil es einzigartig ist.

Da ist das internationale Jazz-Kollektiv, das einem mit seinen Arrangements das Rückenmark auf links dreht und das Gehirn kalibriert. Mit der finnischen Trompetenfrau, die auch die Sängerin ist und die man spontan heiraten möchte, weil sie so toll ist. Die Band mit dem Drummer, der so spielt als hätte er vier Arme und dem Bassisten, der mit seinem Kontrabass irgendwann mal Nachwuchs zeugen wird und dem 22jährigen Pianisten, der spielt als käme er aus einer anderen Galaxie und wäre auf dem Halleyschen Kometen in die Stadt geritten.

Es gibt da experimentelle Jungs, die Elektronik und Jazz zu einem absonderlichen Abend mit der Sprengkraft von mehreren tausend Tonnen TNT vermischen und es gibt da offene Jam-Sessions, wo Leute aus der Szene hinkommen und sich ausprobieren. Ganz einfach, weil sie Bock haben. Das ist besonders.

New York ist aber auch einzigartig. Solche Orte gibt es eben nur da, in dieser Millionenstadt, wo es neben den Massenabfertigungsorten mit stumpfen Touristen und Feiermenschen eben auch sowas wie diesen Ort gibt. Wahrscheinlich ist das Verhältnis von Scheiss-Plätzen zu so einem wie diesem hier ungefähr 14999227:1.
Dieser Ort hier liegt in diesem halb-Industriegebiet, bisschen abgefuckt, bisschen gut, wo irgend so ein schrumpelig-legendärer Pizzadienst ist und gegenüber eine bunte Tankstelle und wo sich echt nur Freaks und Kenner hinverirren. Kommt man aber mit der Bahn gut hin. Geheimtipp. Hinterhof, Treppe hoch, zweiter Stock. Gibt da Erdnussflips und Hutkasse. Also nicht mal Eintritt. Die Getränke sind günstig. Alle sind nett. Sollte man lieber niemandem sagen.

Und ich mache es doch. Das mit dem Weitersagen.

Und kann an dieser Stelle auch verraten, dass man sich den Flug über den Atlantik sparen kann.
Der Club heißt „white cube“ und ist in Bergedorf, also Hamburg Ost.
Dauert ein paar Minuten, um dahin zu kommen, aber die Reise (die keine Reise, sondern eine schnöde Bahnfahrt mit der S-Bahn ist) lohnt sich sehr.
Der white Cube könnte sehr gut in New York stehen, Brooklyn zum Beispiel, da passt er wirklich gut hin.

Aber noch besser passt er dahin, wo man ihn nicht erwartet – weil man dort Abende erlebt, die man so nicht erwartet.

Geht da hin, erlebt was unterstützt die Leute da. Erlebt die Leidenschaft. Erzählt aber niemandem von dem Laden.

Hier gibt es alle Informationen: https://whitecube-bergedorf.de/program/

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