WIRKUNGEN.

AUSWIRKUNGEN.

Vielleicht interessiert man sich für Gemüsefond, Turnschuhe oder Aktienkurse, geht vielen Leidenschaften nach oder ist vielleicht auch komplett hobbylos und trotzdem glücklich.
Man ruckelt sich in seinem Leben ein, versucht, seinen Platz zu finden und merkt irgendwann, dass da irgendwas irgendwie ein bisschen schief läuft. Aber was?
Das Klima. Die Wirtschaft. Das System. Die Gesellschaft. Alles irgendwie angespannt und leicht hektisch. Was wird passieren? Steigen die Meeresspiegel so rasant wie befürchtet? Kippen die Ozeane? Starten die Rechtsextremen einen Bürgerkrieg? Kommen plötzlich Millionen Klimaflüchtlinge?
Nein. Erstmal kommt ein Virus, das lustig klingt. Corona. Covid-19.

Die ersten Auswirkungen waren unheimlich verkrampfte Berichte, die mit Überheblichkeit geschrieben und mit Rassismus gewürzt wurden.
„Made in China“, titelte der SPIEGEL mit der Wuchtigkeit eines nervigen Andreas Gabalier-Hits.
„Ist ja weit weg, interessiert uns hier nicht“, hat der deutsche Durchschnitts-Jochen gedacht. „Alles nicht so wild, haha, die blöden Schinokken, sollen mal lieber Schuhe nähen. Ich mach hier weiter. Mein Gemüsefond ist wichtiger. Und meine Sneaker sowieso. Was kostet ein Liter Diesel?“

Was folgte, waren Hamsterkäufe und schlimme Hamsterkaufwitze.
Die Prepper waren die neuen IT-Boys. Virologen sind die neuen Helden.

Eine virale Übersprungshandlung hat das ganze Land erfasst: Die Menschen wollten sich kümmern, wollten irgendwas Vernünftiges tun – und haben angefangen, Nudeln und Toilettenpapier zu kaufen wie die Irren. Was für eine Scheiße. 

Ein paar Wochen später hat das Corona-Virus das Land und sogar größte Teile der Welt lahmgelegt. Forscher haben berechnet, dass jeder Infizierte drei bis fünf Menschen ansteckt. Es gibt sehr viele Menschen, die die Pandemie überstehen, aber auch viele Tote.
Eine Pandemie. Krass. Grippe in unbekannt und schlimm. Damit hat kaum jemand gerechnet.

Europa ist am Boden. Das öffentliche Leben ist sehr stark eingeschränkt – so stark wie selten zuvor. Es werden in den ersten Ländern Ausgangssperren verhängt, Schule fällt aus, die Kultur sackt in sich zusammen, Clubs und Kleinunternehmer sterben, die Wirtschaft bricht ein. Das menschliche Denken ist überlastet. Das System „Alltag“ sowieso.
Und die Leute prügeln sich in Supermärkten um die letzte Flasche Desinfektionsspray. Der letzte Mundschutz ist schon längst über die Ladentheke gegangen. Fake-News, Hetze und widerliche Verschwörungstheorien treiben Menschen in den Wahnsinn.

Hamsterkäufe werden nur der Anfang gewesen sein.

NEBENWIRKUNGEN.

Auf den Titelseiten werden in neun Monaten die ersten „Corona-Kids“ zu sehen sein. Kinder, die im Home-Office gezeugt wurden.
Therapeuten werden sehr viele Burn-Out-Opfer behandeln müssen: Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen, Ärzte, Menschen, die sich für andere Menschen aufgerissen haben – und immer noch aufreissen.
Und die häusliche Gewalt wird sehr wahrscheinlich ansteigen – logisch: Angst, Stress und dann sind die Leute auch noch eingesperrt.
Natürlich gibt es auch die Rebellen (die sehr, sehr dummen, ignoranten und behämmerten Rebellen), die trotzdem feiern. Weil man sich doch „von oben“ nichts verbieten lässt! „Pack‘ das Nackensteak auf den Grill!“. Man leckt sich ab und steckt sich an. 
Und überall wachsen Verschwörungstheoretiker aus ihren Bunkern wie Schleimpilze und halten ihre blassen Gesichter in die Kamera. Sie geben Tipps („Nicht zu tief bohren, immer dran denken: die Erde ist ja hohl!“)
Handcrème wird knapp, die Populisten hetzen fröhlich weiter und wenn mal das Internet ausfällt, schlagen sich die Leute die Köpfe mit Gullydeckeln ein.


Schlimm.

Aber es gibt auch wirklich gute Nachrichten.
Menschen fangen an, sich umeinander zu kümmern, sind ja nicht alles ignorante Blödmannsgehilfen und Allesversalzer.
Nachbarn sind wieder wer, nämlich Menschen, denen man hilft.
Viele nutzen die Zeit, um in sich zu gehen und den Alltag zu überdenken. Sie hinterfragen vieles, es ist auch die Zeit der Kontemplation. Man redet miteinander. Viele geben social Media die eigentliche Bedeutung wieder.
Unternehmen merken, dass man gar nicht so viel reisen muss, ganz einfach, weil es nicht geht. Es gibt Videokonferenzen statt Gedränge am Gate, es gibt weniger Belastung für die Umwelt. Die Welt kann einmal durchatmen, während wir Menschen einmal kurz lahmgelegt sind.
Das verklebte Denken: „Dasmachenwirimmerso! Denn das haben wir schon immer so gemacht!“ platzt auf wie eine Schorfkruste. Und macht Platz für Neues.

NACHWIRKUNGEN.

Vielleicht wird man ja mal wieder mehr auf Wissenschaftler hören.
Und vielleicht wird man die Flexibilität zur Gewohnheit werden lassen. Und vielleicht wird man wieder ein bisschen mehr füreinander da sein. Vielleicht ist es gar nicht mehr so peinlich und dumm, sich zu kümmern. Vielleicht werden Pflegeberufe endlich wertgeschätzt. Und auch die Menschen, die im Supermarkt Klopapier nachlegen. (Und Dosentomaten.)
Vielleicht kann man mal wieder mehr lächeln.
Vielleicht nehmen die Menschen aus der Krise mit, dass die neuesten Sneaker, das größere Auto, das geilere Selfie, die NOCH derbere Fernreise, die Frisur, die Zeit beim Triathlon, die Serie auf Netflix, der Tweet von dem einen Typen, das Ergebnis vom Wochenende, die Klamotten von Gucci, das Tattoo, die Uhr, der Burger, der YouTube-Clip und das Idealgewicht nicht so wichtig sind, sondern dass es Wichtigeres gibt.

Gesundheit zum Beispiel. Und ein vernünftiges Miteinander. 

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