UNTERWEGS.

Wir sitzen in einem Auto und fahren durch die Zeit. Obwohl der Wagen, vielleicht ein großer Mercedes, ein BMW oder ein Volkswagen, schon ein paar Jahre alt ist, ist er bis unters Dach ausgestattet: Servolenkung, Wurzelholzapplikationen, elektrische Fensterheber, Sitze mit Massagefunktion, Klimaanlage, Schiebedach, Lederausstattung, Automatikgetriebe mit unterschiedlichen Fahrmodi, ESP und ABS sowieso. Insgesamt 14 Airbags, vier davon auf Kopfhöhe, Seitenaufprallschutz, es ist alles dabei.
Wir sind schnell und wir sind stolz. Und sicher sind wir sowieso, uns kann nichts passieren, wir werden immer gut temperiert und pünktlich ankommen. Uns hält nichts auf, erst bei 250 Km/h ist Schluss. Die linke Spur kann uns gehören, wir lieben es aber auch, einfach entspannt mitzuschwimmen.
Der Lack (schwarzpearl-Metallic, Sonderfarbe) glänzt, wir kümmern uns gut um unser Mobil. Wenn wir irgendwo ankommen, geben wir ihm einen Klaps, wir sind dem Wagen, dieser wunderbaren Ingenieurskunst, diesem Kunstwerk aus Stahl, Gummi und Öl, näher als einigen Menschen aus Fleisch, Sehnen und Blut.

Wir sind gern unterwegs. Gut unterwegs. Und es ist großartig. Wir sind frei, können alles erreichen. Wir können Ausflüge machen, zur Arbeit fahren, einfach nur so rumcruisen, wir können zur Geliebten fahren oder zum dementen Vater. Wir können um die Welt fahren, wenn wir wollen, drei Mal. Wir können alles. Weil wir alles können.

Autobahn, Landstraße, Schnellstraße, egal wann, egal wo – unser Navi kennt den Weg. Wir müssen nicht denken, können uns zurücklehnen und genießen. Musik aus der großartigen Anlage oder einfach nur den Blick, wie die Bäume, die Wolken, die Häuser, das Leben der anderen an uns vorbeizieht. Es ist phantastisch. Beschleunigen, Scheitelpunkte, mit dem Fuß lenken, Vollgas. Es riecht nach Benzin und Öl. Das sind wir, es ist großartig. Wirklich.
Es gibt keine Sorgen – nur Wege und Möglichkeiten.

Guck mal. Haha.

Da stehen sie am Straßenrand und brauchen Hilfe. Bei denen geht nichts mehr. Wir sind schneller, wir lachen sie aus. Und wir rufen ein paar Freunde an und machen Witze. Haha, sind die bescheuert, wirklich.
„Was um alles in der Welt machen die denn da? Zucker im Tank, oder was? Idioten!“

Klack. Tja.

Eben waren es nur die anderen.

Und jetzt hat uns irgendein unsichtbares Ding den Schlüssel abgezogen, mitten in der Fahrt. Wir waren doch eben noch so schnell! Wir rollen aus, wir sind entkoppelt, nichts geht mehr. Da sind nur noch wir in unserer schweren Hülle und alles ist schwer. Es gibt Angst und Unsicherheit, aber kaum noch Geschwindigkeit. Im Gegenteil, wir werden zu Langsamkeit gezwungen, bewegen uns durch eine Zeit, die aus Aspik ist. Und wir dürfen nicht mal raus aus unserem Leben.

Jetzt müssen wir höllisch aufpassen, dass das Lenkradschloss nicht einrastet.

Wenn wir das hinbekommen, werden wir ankommen.
Viel später als geplant. Ohne Navi. Ohne die vielen Annehmlichkeiten, ohne Bequemlichkeit, ohne das Mühelose, vielleicht auch ohne Leichtigkeit. Und bestimmt auch ohne das geplante Ziel zu erreichen. Aber vielleicht ist es da, wo wir landen, viel besser – das wissen wir allerdings erst, wenn wir da sind.

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