JENS.

Jens.

(Oder Lutz. Oder Tanja. Oder Sabine. Oder jeder andere Name)

Unter Bildung steht auf Facebook „Schule des Lebens“, das Profilbild ist ein Hund, ein Baum oder ein Motorrad. Jens hat natürlich auch einen Telegram-Account. Weil da ja weniger zensiert wird. Und weil den jetzt alle haben.

Jens (oder jeder andere Name) lässt sich sehr leicht mitreißen, war schon immer so. Also nicht damals, als alle zu „Beat it“ auf die Tanzfläche geströmt sind – da ist Jens am Rand stehen geblieben und hat ein warme Bierspucke aus der Flasche genippt.
Bei „wind of change“ hat er immer mitgepfiffen. Macht er sogar heute noch.
Wenn sich Typen vor der Dorfdisco geprügelt haben („Mein Spoiler ist größer als dein Spoiler!“), ist er mit hin zum Anheizen – aber immer so weit weg vom Geschehen, dass er schnell abhauen konnte.
Jens, die Randerscheinung.

„Auf Arbeit“ ist Jens der Leise. Leidenschaft: Null.
Sein Motor: Routine. Sein Feind: Veränderungen. Als sie ihm damals so einen blöden Computer hingestellt haben, hat er ihn erstmal Wochen nicht angerührt. Alles muss so bleiben, wie es war. Immer!

Wenn er seine Mutter besucht, wischt sie ihm mit Spucke Saucenreste (Jägersauce zum Selbstkochen, 99 Cent / Tüte) aus dem Mundwinkel.
Hat sie früher schon so gemacht, macht sie immer noch. Eigentlich findet er es natürlich nicht gut, gibt da auch so einen Begriff für, irgendwas mit „über“, aber ist auch egal.
Es ist schon ok, dass sie es noch macht. Ist ja auch gut.
Oft sehnt er sich nach der Zeit zurück, in der er in seinem Kinderzimmer auf dem Teppich gelegen hat und mit Autos gespielt hat. Oder als er runter zum Bach ist – Frösche aufpusten mit Uwe, seinem einzigen Freund von damals.

Jens rechnet immer noch in D-Mark um. Und neuerdings auch in Reichsmark.

Verliebt war er einmal in seinem Leben. In Carola, sie war „die Neue“ auf Arbeit.
Und natürlich wusste sie nichts davon, denn seine Liebe bestand daraus, ihr hinterher zu schielen. Er hat sie auch sonst gern beobachtet. Im Internet.
Sind ja doch für was gut, die Dinger. Nicht nur Frauen – man kann da seinen Frust auch echt gut rauslassen. Jens hat mehrere Profile, weil er immer mal wieder gesperrt wird – nur weil er sich schlimme Dinge wünscht. Immer diese Zensur!
 
Jens interessiert sich natürlich nicht für Fußball, aber wenn Deutschland im Halbfinale gegen die blöden Italiener spielt, wird die Deutschlandflagge über die Opel Astra-Rückspiegel gestülpt.

Für Politik interessiert er sich auch nicht. Den Politikteil in der Zeitung liest er nicht – die Sätze sind zu lang! Kurze Sätze sind gut. Und wenn diese ganzen komplizierten Sachen schnell und gut erklärt werden. Macht die BILD gut. Und auf Jutjub gibt es auch immer mehr Leute, die gut erklären können. Und vor allen Dingen wissen, was abgeht. Sie kennen die Wahrheit. Alle anderen wollen mit ihren komplizierten Texten nur verwirren. Und warum schreibt Jutjub den eigenen Namen falsch? Sind die doof, oder was?

Früher ist Jens nie auf Demonstrationen gegangen. Weil sie ihn ja alle in Ruhe gelassen haben. Aber jetzt langt es, Jens hat die Faxen dicke.
Bei den Demos steht er am Rand, so wie damals in der Disco, wenn „Beat it!“ lief. Heute mit Dosenbier.

Komplizierte Dinge werden nicht hinterfragt. Wenn die Dinge einfach erklärt werden, sprechen sie jawohl auch für sich!
Man kann ja auch keine langen Sätze brüllen, sondern nur einfache Parolen. Und da darf man sich schon mal von seinen Gefühlen leiten lassen.
Also„Wir sind das Volk!“ nachmittags auf der Demo und „Schlaaaaaaaaaaaaand!“, wenn Timo Werner zur Führung gegen diese scheiß-Italiener trifft!

Es ist schön, mit dem Strom zu schwimmen so herrlich einfach, GEGEN etwas zu sein. Weil es sich besser brüllen lässt und weil man mit Wut besser schreien kann.

Viel besser!

Gegen die Anschnallpflicht!
Gegen die fünfstelligen Postleitzahlen!
Gegen die GEZ!
Gegen das System!
Gegen das Dieselfahrverbot!
Gegen die Klimagöre!
Gegen die Maskenpflicht!
Gegen Corona! (Das ist nur ne Grippe!)
Gegen die Merkeldiktatur!
Gegen Regen!
Und wenn jetzt auch noch das Tempolimit kommt, ist aber wirklich mal genug.

WO LEBEN WIR DENN HIER?!?!?!

Jens ist ein zwanghafter Typ, der sich gegen alles wehrt, was in seinen Augen zwangsgedingst ist. GEZ-Beiträge werden zu „zwangsgebühren“, die Tagesschau ist „zwangsfinanziert“ und verfolgt nur das Ziel, „die Massen zu manipulieren“. Wenn in der Besteckschublade die Gabel schräg liegt, dreht Jens durch.

Jens ist sehr leicht manipulierbar und merkt, wie er immer wütender wird. Er driftet ab, wird immer extremer.
Er schreibt Treppenhauszettel und verpfeift Falschparker, manchmal tritt er die Fußmatte seiner Nachbarn. Dann liegt die schief! So! Er liebt Tiere, also bis auf die, die er früher gequält hat.
Seine Jacken haben alle Kapuzen. Das hat zwei Vorteile: Jens fühlt sich geborgen wie wenn Mama ihm mit der Hand über den Kopf streicht und wenn es regnet, treffen die verstrahlten Regentropfen nicht auf seine Kopfhaut. Und seine fettigen Haare sieht man dann auch nicht.

Neulich war Jens im Baumarkt, hat sich einen Gaskocher und eine große Propangasflasche gekauft und sich danach noch mit einer Palette Dosenravioli ausgestattet. Man weiß ja nie! Machen die anderen ja auch.
Er hat jetzt immer ein Klappmesser dabei, man weiß ja nie – und wenn es ginge, würde er sich sofort eine Waffe kaufen. Wie in Amerika. Da ist ja alles möglich.

Diskutieren bringt nichts. Wenn man Jens mit Argumenten kommt, wird er eben laut. Zack, dann ist Ruhe im Karton!

Ja! Genau!

Und jetzt soll die Impfpflicht kommen! Es gibt zwar noch nicht mal einen Impfstoff – und das wird sich in näherer Zeit auch nicht ändern, aber man kann ja vorsorglich schon mal laut werden!
Weil es so einfach ist, Dinge, die andere verfälscht und vereinfacht haben, zu brüllen. Bill Gates ist Schuld! Das weiß jeder! 5G wird uns manipulieren und ab 15. Mai beginnt die neue Weltordnung! Deutschland ist eine GmbH! Es gibt keine Meinungsfreiheit! (Lässt sich auf Demonstrationen besonders gut brüllen)

Jens lässt denken – und zwar von gefährlichen, narzisstisch gestörten Typen.
Jens (oder jeder andere Name) ist der Prototyp  des verschwurbelten Nachplapperers mit zu fest sitzendem Aluhut.

Vielleicht wurde in den Discos auch einfach zu wenig getanzt.

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P.S.: Obrigkeitshörigkeit ist das andere Extrem, es ist genau so falsch wie das (passive) Denken von Jens.
Es ist verdammt richtig und wichtig, die Regierung zu kritisieren und Entscheidungen zu hinterfragen. Entscheidend dabei ist nur, wie man es macht.
Und ich glaube auch, dass in jedem ein kleiner Jens steckt. Ist halt die Frage, wie viel Platz man ihm gibt.

2 Gedanken zu “JENS.

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