DIE MITTE.

Tauben sind mit einem natürlichen Kompass ausgestattet. Egal, wo man die kleinen Racker aussetzt: Sie finden immer wieder nach Hause. So ähnlich wie Besoffene. Und wenn sie unterwegs sind, kacken die Klumpfußwesen parkenden Autos aufs Dach. (Die Tauben, nicht die Besoffenen.)

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Brieftauben den Stand der Sonne und Sterne sowie das Magnetfeld der Erde als Orientierungswerkzeug verwenden können und zusätzlich visuelle Anhaltspunkte nutzen. „Bei der Pappel rechts abbiegen, dann dritter Strommast links – und dann da der Opel Corsa….“
Diese kleinen Milbenschleudern mit ihrem nervenzersetzenden Dauergegurre haben außerdem ein System verbaut, auf das jeder Radfahrer, der in einer Großstadt unterwegs ist, neidisch sein dürfte: Sie lassen sich nicht von Autos überfahren.

Tauben eignen sich auch hervorragend als Einleitung für einen Text über Menschen.

Der Großteil der deutschen Menschen ist mit einem Wege-Vermessungs-Sensor ausgestattet: Egal, wo man sie aussetzt, sie bewegen sich immer exakt in der Mitte.
Dabei ist es egal, ob die Menschen auf einem Fußweg, einem Radweg, auf einer Autobahn oder in ihrer gesellschaftlichen Position unterwegs sind: ihr implementierter Gyroskop hält sie immer genau mit dem gleichen Abstand von links und rechts.
Man könnte Menschen auch mit verbundenen Augen und mit Gehörschutz auf einem Acker in Turkmenistan aussetzen – sie würden automatisch die Mitte finden. Ist es zwanghafter Symmetriewille?

Wissenschaftler streiten noch, was genau das Phänomen ist, und wie es einzuordnen ist. Und sie untersuchen auch, ob Tauben vom Menschen abstammen – oder umgekehrt. Aber was können die Ursachen für den zwanghaften Drang sein, sich immer zentriert bewegen zu müssen?

-> Angst ist ein Motiv

Eine Erklärung des Heidelberger Instituts für Bewegungspsychologie ist die Angst der Deutschen.  
Zum Beispiel die mächtige Angst davor, mit dem Ellenbogen an einem Gebüsch entlang zu schubbern und irgendwann in eine besondere Stoff-Abhängigkeit zu kommen. Ärmel gehen kaputt. Jacken wetzen ab.
Die Abwärtsspirale droht: es muss immer mehr Kleidung repariert und besorgt werden, dafür müssen immer mehr Wege zurückgelegt werden. Immer mehr Wände, Gebüsche, Straßenlaternen und Häuserfassaden liegen an diesen Wegen. Beschaffungskriminalität ist die nächste Station. Und dann geht es immer schneller.

Wer mal genau hinsieht, bemerkt: viele Menschen, die mit Handschellen gefesselt auf Polizeirevieren sitzen und auf ihre Vernehmung durch Beamten warten, haben aufgerissene Ellenbogen. Auch bei Aktenzeichen XY ungelöst und im TATORT ist das zu beobachten.
In amerikanischen oder britischen Krimiserien hingegen haben die Verhafteten immer unversehrte Ellenbogen.
Dann ist da natürlich noch die pure Angst davor, überholt und abgehängt zu werden. Nicht nur physisch, sondern auch in der gesellschaftlichen Position. Eine furchtbare, diffuse Angst. Dieser Druck lässt die Menschen in der Mitte gehen. Immer.

-> Macht ist eine Erklärung.

„Meins, meins, meins! Ich mache hier Karriere! ICH! Du nicht! Das ist MEIN WEG“, denken viele, während „my way“ von F. Sinatra als Ohrwurm am Thalamus knabbert.
Empathielose ICH-Menschen mit einem ausgesprochen miesen Arschlochverhalten und einem hohen narzisstischen Anteil lassen natürlich niemanden vorbei.

WÄRE JA AUCH NOCH SCHÖNER!

ICH habe mir diesen Platz hier erkämpft. Und ich lasse mich GANZ BESTIMMT nicht überholen. My life is my Schreibtisch!
Solche Mittelgänger sind innerlich Konzernchefs mit einer archaischen Grundhaltung und leben in ihrer undurchdringlichen Herrschaftsblase. Keulenschwingend. Mammut jagend. Feuersteine aneinander schlagend. Frauen hinter sich herziehend. Gutturale Laute von sich gebend.

Prof. Olaf Borselius vom Frankfurter Machtinstitut dazu: „Was nerven Sie denn mit so einer Frage? Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, ich habe keine Zeit, mich mit Kretins wie Ihnen aufzuhalten. Ich werde Sie jetzt in den Ruin klagen!“

-> Unentschlossenheit ist ein Motiv.

Wer mal ganz gepflegt ausrasten möchte, geht mit jemandem Essen, der sich immer in der Mitte eines Weges bewegt. Am besten mit jemandem, der mittelalt ist.
„Hm. Ich weiß überhaupt nicht, was ich nehmen soll. Vielleicht Fisch. Aber Fleisch ist auch schön. Oder was Vegetarisches. Vegan? Tja. Tja. Tja-haaaaaaaa.
Was nimmst du? Ach, ich weiß gar nicht, ob ich etwas essen möchte. Oh. Mein Magen knurrt – vielleicht habe ich doch ein bisschen Appetit. Sollte ich mit dem Nachtisch anfangen? Oder erstmal was trinken? Wein? Bier? Wasser? Mit Sprudel? Ohne? Medium? Heilwasser? Quellwasser? Warm? Kalt? Lauwarm?“


Und so weiter.

Spätestens nach 20 Minuten des Lavierens möchte man diese Menschen mit der Speisekarte, der Pfeffermühle und einem Tischbein füttern.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen, deren Lebensantrieb Unentschlossenheit ist, mehr als drei Mal so viel Zeit vor Kleiderschränken verbringen wie Menschen, die entschlossen links oder rechts gehen. Platzverschwendung wegen Zeitverschwendung. Unentschlossenheit, von Unsicherheit genährt. Wie so ein Lungenfisch, der am Strand liegt und nicht weiß, ob er doch lieber zurück in den Ozean kriechen soll.
In einem Kölner Büroartikelgeschäft soll Rainer J. seit 43 Jahren, 8 Monaten und 13 Tagen stehen, weil er sich nicht entscheiden kann, ob er ein liniertes oder ein kariertes Notizheft haben möchte.

-> Bequemlichkeit ist ein Motiv.

Lebensziel Egal: Immer schön mittig positionieren, damit man zur Not nach links oder rechts pendeln kann. Von da aus dann gleich wieder in die Mitte schielen, damit man immer wieder schnell in jede Richtung neigen kann.
Was nach schmalem Fußweg oder nach Autobahn klingt, ist vorrangig im Kopf vieler Menschen aktiv. Beim Wahlverhalten, in der gesellschaftlichen Position. VW Golf ist gut. Größe M ist gut. Pauschal ist gut. GroKo ist gut. 1,75 Körpergröße ist gut. Nicht nachdenken ist gut. Das-machen-was-alle-machen ist gut. „Wir haben das schon immer so gemacht“ ist gut. Flachbildfernseher ist gut. Masse ist gut. Bestseller sind gut. Borniertheit ist gut. Das, was im Radio läuft, ist gut. Schuhgröße 43 1/2 ist gut. Haben alle, muss man auch tragen. Egal, ob man 45er Füße hat.

-> Abnutzung ist eine Ursache.

Kennt man vielleicht von der Autobahn oder von viel befahrenen Straßen: Da, wo LKW mit ihren 40 Tonnen Gewicht dauerhaft fahren, bilden sich Spurrillen. Reifen wollen immer in diesen Rillen fahren, man merkt, wie es am Lenker zerrt.
Ein ähnliches Phänomen gibt es auf jedem deutschen Fußweg.
Da, wo viel Gewicht mäandert, sackt der Weg ab. Und Fleischmasse glibbert zäh in diesen Abnutzungsgraben. Physik. Mit einer beachtlichen Gleit- und Absackgeschwindigkeit von 1,28 m/s bewegen sich die Körper Richtung Mitte.
Viele Deutsche können sich diesen Kräften nicht widersetzen, kommen dort schwerer wieder raus als angeschossen aus dem Schützengraben anno 1943.

-> Eine Mischung aus allem + Dummheit ist ein Motiv.

Auf der Welt leben gut acht Milliarden Menschen. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass hinter einem ein anderer Mensch in einer etwas höheren Geschwindigkeit unterwegs ist, ziemlich hoch.

Eine Bitte:

Bitte geht nicht in der Mitte. Bitte fahrt nicht in der Mitte.
Geht rechts. Fahrt rechts. Wählt aber nicht rechts.

Danke.

Ein Gedanke zu “DIE MITTE.

  1. Danke Sorgenboy!!
    Gerade in Coronazeiten Nerven MitteGeher noch viel mehr. Sie weichen n i e aus. Man muss auf die Strasse ausweichen.
    Auf der Autobahn Hupe ich jeden .ittelStreifenPatienten an. Soll ich mir auch ei e Fussgängerhupe besorgen??
    LG
    Cornelia Lena Schiller

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