SEHR GUT!

Tja. Die Leidtragenden der Pandemie: alle (bis auf die wenigen Ausnahmen, die aus der Pandemie einen saftigen Profit schlagen).

Für die allermeisten wird sich das Leben allerdings irgendwann demnächst wieder irgendwo Richtung Normalempfinden einpendeln. „Irgendwann demnächst, irgendwo“ – das waren jetzt viele weiche Wörter, schön unkonkret, ich weiß. Aber es wird besser werden, die Pandemie wird bald unter Kontrolle sein. Daran glaube ich fest.

Natürlich wird nichts mehr sein wie vorher, es wird viele Pleiten, viele fiese Schicksale und neue Gewohnheiten geben, aber in ein, zwei Jahren, vielleicht sogar schon in ein paar Monaten, wird man bei einem schalen Bier aus dem Plastikbecher auf einem Stadtfest stehen, sich zuprosten und sagen: „Wir hier! Das wäre 2020/21 nicht gegangen! Prost!“
Es kann natürlich jede andere vollkommen undenkbaren Situation sein, wie zum Beispiel: Bei einem Spaziergang anhalten, ohne Maske auf einer Parkbank sitzen oder einen Kindergeburtstag mit mehr als einem Kind feiern.

Kinder.

Sie sind die wirklich Leidtragenden: Kita-Kinder, die verzweifelte und ängstliche Home-Office-Eltern aushalten müssen, Grundschüler:innen, die von wütenden Eltern unterrichtet werden müssen, Jugendliche, die sich zwischen eigenem Hormonlotto, der Unfähigkeit der Lehrkörper und der Verzweiflung der Eltern entscheiden müssen.
Aber diese Kinder haben zumindest die Chance, irgendwann wieder in normalen Bahnen lernen zu können.

Wer das Leben lang mit einem Stigma und einer vollkommen zu Unrecht aufgerückten Etikettierung zu kämpfen haben wird, sind die Kinder und Jugendlichen, die genau jetzt ihren Abschluss machen. Egal, ob ESA, MSA oder Abi. (Erst-Schulabschluss, mittlerer Schulabschluss oder Abitur). Egal, welcher sozialen Schicht zugehörig.
Das sind laut statistischem Bundesamt mal eben kurz 1,8 Millionen Menschen.

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Schulen/_inhalt.html

Diese Kinder und Jugendlichen werden irgendwann in einem Vorstellungsgespräch sitzen – wenn sie es überhaupt bis dahin schaffen – und dann werden die Menschen am anderen Ende des Tisches die Augenbrauen hochziehen, die Lippen schürzen und mit verständnisvoller Stimme sagen: „Ah, ich sehe gerade: Corona-Abschluss…“, und in diesem Moment wird die Klappe fallen.
Der Senior Human Ressources-Manager oder Unternehmens-Boss wird wohlwollend eine von diesen übertrieben kleinen Minifläschchen Apfelsaft anbieten, was exakt das Äquivalent für die Chancen der Bewerberin oder des Bewerbers im Unternehmen ist: Mehr als eine Karikatur einer Chance wird das nicht sein.

Und genau dieses Bild, das gerade entsteht (nicht nur hier im Text, sondern vor allen Dingen in der Medienlandschaft), sollte schnellstmöglich gedreht werden.

Diese 1,8 Millionen Absolvent:innen haben in einer Pandemie, in der sehr viele Entscheider:innen so planlos umhergeirrt sind wie Hühner, denen man gerade den Kopf abgeschlagen hat, mal eben ihren Abschluss gemacht.
Und zwar trotz überforderter Lehrkräfte, einem bundesweiten Digitalisierungsstandard auf dem Niveau eines Faxgerätes von 1989, trotz sozialer Abnabelung, trotz maximaler Unsicherheit. Die können gar nicht anders als gut sein.

Und genau deshalb haben diese Absolvent:innen haben viel mehr verdient als eine verächtliche Alibi-Chance.

Liebe Personalabteilungen, wenn ihr jemanden mit einem 20/21er Abschluss bei euch sitzen habt: schiebt ihnen kein Minifläschchen Apfelsaft rüber. Stellt ihnen einen ganzen Kasten hin.
Das sind gute Leute. Sie können mit Druck umgehen, sie sind maximal flexibel und sehr viel besser als jede Abschlussnote es jemals ausdrücken könnte.

Und vor allen Dingen haben sie in der Pandemie etwas gelernt, was man in der Schule eben nicht beigebracht bekommt: Sie wissen, wie man durch eine Krise kommt.

Jedes ins Zeugnis gestempelte „ausreichend“ ist, gemessen an den Umständen, also ein „sehr gut“.

Mindestens.







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