ROHKOST.

„So, hier ist dein Platz.“

Frau Krüger, die Kindergärtnerin, die aussah wie eine lederne Aktentasche, die 20.000 Kilometer hinter einem Auto hergeschleift wurde, hat ihre schorfigen Gichtfinger auf meine Schulter gelegt und mich in die Mitte einer kleinen Halle geschoben.

Ich konnte, seit ich vor ein paar Minuten von meiner Mutter hier abgegeben wurde, die ganze Zeit nur die Muster im Steinfußboden anstarren: Graue kleine Steinchen, die irgendwann aus einem mächtigen Felsen gesprengt und zu diesem Fußboden verarbeitet wurden. Ich hatte viel Mitgefühl, schließlich wurde auch ich herausgesprengt – aus meiner Familie. Aus meinem Bett. Aus der kleinen Miniwohnung mit den dicken Teppichen.

Und jetzt war ich hier, ganz dicht neben der grobschlächtigen Frau Krüger.

Ihre Hose war aus Sperrholz gefertigt, aus dem gleichen Material, aus dem auch die Decken vom Roten Kreuz gemacht sind. Beim Gehen scheuerten die Hosenbeine aneinander und machten Geräusche wie Schmirgelpapier auf Schmirgelpapier.
Ich bekam davon eine sehr unangenehme Gänsehaut.

Um mich herum haben sich ungefähr achtzig Kinder aufgestellt, mich angestarrt und angefangen zu schreien.

„HEU-TE IST LIE-DER UND GE-MÜSE-TAG, DAS IST DER TAG, DEN JE-DER MAG…“

Bei „TAG“ und „MAG“ wurde es so laut, dass meine Kniescheiben vibrierten. Die Heimleitung hat mich angesehen wie Dr. Frankenstein sein Monster angeguckt haben muss, als er ihm die letzte Hand angenäht hat.
Dann ist sie zum Hocker geschlendert, der am Rand stand, hat sich draufgesetzt und wie eine Irre auf ihre Wandergitarre eingeschlagen. Sie hat mich dabei nicht aus den Augen gelassen, ihre Blicke zerstörten meine Hornhaut und bohrten sich in meinen Kopf. Ihre Haare wippten. Klong. Und dann ging das Gekreische los.

Die Kinder haben aber nicht nur gekreischt. Sie haben auch geklatscht und getreten. Alles immer schön in meine Richtung. Und während sie ihre Strophen brüllten, sahen sie mich an und taten so als würden sie kleine Kätzchen ertränken. Später folgten Würgebewegungen. Ganz klar.
Sie wollten mich fertig machen, und zwar alle zusammen.

Das fürchterliche Lied, das sich für immer in meine Hirnrinde eingebrannt hat, hieß: „Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh´.“
Ich kann es nicht mehr hören, ohne mich schlecht zu fühlen.

Nach dem Singen hat sich meine neue Bezugsperson, der ich hinterhergedackelt bin wie ein frisch geschlüpftes Gänseküken dem Hofhund, zu mir runter gebeugt und mit mir geredet wie mit einem sedierten Wrack auf dem Sterbebett. „Ach das ist aber schön, dass du da bist. Heute singen wir den ganzen Tag und essen Gemüse. Denn heute ist unser Lieder- und Gemüsetag. Wir wünschen dir ganz, ganz viel Spaß hier bei uns. Und jetzt….“

Sie hat mir ansatzlos mir eine 25 Zentimter lange Karotte in den Hals gerammt und geklatscht. Fünf Mal.

„…G-U-T-E-N A-P-P-E-T-I-T“.

In ihren Augen hat es geblitzt, als sie die Silben geklatscht hat. Und das Klatschen war in einer Frequenz, die mir zusätzlich die Trommelfelle zerfetzte. Beide.

Blitzen, Klatschen, Piepton. Mehr weiß ich nicht.

Meine nächste Erinnerung war ein spontaner Angsthustenanfall, mit dem ich die zerkauten Karottenstückchen großflächig auf dem Linoleumfußboden verteilt habe. Rohes Gemüse, das sich nicht zerkleinern ließ, sondern sich mit jedem Biss verdoppelt hat. Es wurde immer mehr. Immer mehr. Immer mehr.

Frau Krüger beugte sich zu mir herunter, streichelte meinen Rücken und sprach sanft und eindringlich: „Ach, das macht doch nichts. Das wirst du jetzt einfach wieder aufsammeln und dann ist alles so als wäre nichts gewesen.“

Noch während die letzten Ausläufer dieser mörderischen Hustenattacke durch meinen Hals pfiffen, durfte ich auf dem Linoleum hocken und die zerkauten Einzelteile aufsammeln. Und wurde so meiner Pinguingruppe vorgestellt.

„Und das da ist SoBo, unser Neuer. Sagt mal alle hallo….“.

Die erste Sache, die ich im Kindergarten gelernt habe, war also Empathie.

Ich konnte mich von der ersten Sekunde an zum Beispiel sehr gut in einen Strafgefangenen hineinversetzen, der unschuldig eingebuchtet wurde (lebenslänglich), mit seiner Zahnbürste das Klo putzen und sich danach vor allen Leuten die Zähne putzen muss.

Und ich wusste auch genau, wie sich eine Kuh fühlt, wenn ihr das Bolzenschußgerät auf die Stirn gesetzt wird. Ich wusste, wie sich Pestopfer gefühlt haben müssen. Ich wusste, wie mit Leuten umgegangen wird, die sich großflächig mit kochender Suppe verbrüht haben und für immer entstellt sind.
Und ich wusste, woraus Superkleber besteht: aus Karotten, Speichel und Linoleum.

Gerade als ich anfing, meine Erfindung positiv zu sehen, wurde ich unterbrochen.
Angelika ein vierjähriges Wesen, das aus Mitleid und glänzender Haut bestand, torkelte unbeholfen auf mich zu, pulte etwas aus ihrem Backenzahn und steckte es mir in den Mund. Damals durfte man im Kindergarten nämlich noch Kaugummi kauen. Rauchen durfte man damals auch noch, glaube ich.

Der Kaugummi schmeckte nach Blut, Wurzeln und Fensterkitt, ich war aber zu zerstört, um mich zu wehren und kaute diesen zähen Brocken weiter.

Angelika nahm mich an die Hand, nuschelte ein „ljesn“ und zerrte mich zur Bücherecke. Da standen drei Bücher. Eins mit Baggern, eins mit einer Raupe, eins mit einem Dinosaurier.
Natürlich konnte ich noch nicht lesen, aber Bilder waren erst einmal okay. Bisschen Blättern zum Runterkommen, das konnte ich gerade ganz gut gebrauchen. Baustellen und Raupen interessierten mich nicht, in dem „Was ist Was“ (wie ich später herausgefunden habe) ging es um Dinosaurier, Buchstaben und Eis.

Okay. Ganz vorsichtig. 

Der Lack knirschte noch, als ich das Buch aufschlug. Zahlen, Buchstaben, Gürteltiere, hässliche Wesen, und Vögel mit Lederflügeln, die aussahen wie die Heimleiterin Frau Krug mit ihren lappigen Falten. Ich tauchte langsam ab, vergaß die Kinder um mich herum, konnte ausblenden, dass ich mitten in einem Alptraum steckte. Und als ich zur Doppelseite mit dem Säbelzahntiger geblättert habe, ist in mir ein Gefühlsfeuerwerk explodiert: Staunen, Ehrfurcht, Freude, Schaudern, Angst, alles dabei. Das Tier hat mich direkt angesprungen. Das Maul aufgerissen. Gebogene Riesenzähne, gelb und groß wie Riesenbananen. Ganz klar. Der Tiger wollte mich angreifen.

Plock.

Mir ist Angelikas Kaugummi aus dem Mund gefallen, der graue Klumpen ist im Fell des Tieres kleben geblieben.
Hat das jemand gesehen? Angelika? Nein – die hat Puppen gefüttert. Die anderen? Haben mit Töpfen geschmissen. Die Erzieherin? Hat zwei Kinder, die sich ineinander verbissen hatten, getrennt.
Ich war vollkommen überfordert. Ein paar vorsichtige Versuche, den Klumpen aus dem Fell zu pulen, habe ich schnell aufgegeben. Fehlende Motorik und eine noch bessere Klebewirkung als Karotte-Speichel-Linoleum haben den Erfolg verhindert. Denkdenkdenk, scheissescheissescheisse. Sagt man nicht. Egal. Scheisse. Was tun? Und das am ersten Tag.

Meine Lippe zitterte.

Also habe ich das Buch zugeklappt und so den Säbelzahntiger ein weiteres Mal ausgerottet.

Das ganze schöne Wissen über dieses großartige Tier: klatsch, weg.

Den kompletten Kindergarten habe ich verdummt – niemand konnte jemals wieder etwas über die Jagdtechniken des Säbelzahntigers erfahren. Anmut, Schönheit, Katzenhaftigkeit: weg. Ich habe getötet, eine Spezies ausgerottet.

Also habe ich das Buch ins Regal gestellt. Das neue Buch. War bestimmt teuer.


Die nächsten Stunden erlebte ich in einem verklebten Nebel aus Tränenflüssigkeit, Angst und Scham. 

Es gab noch Mittagessen (verbranntes Kartoffelpüree), danach wurden wir zum Mittagsschlaf gezwungen. Auf Feldbetten hat man uns gelegt und uns in kratzige Wolldecken gehüllt. 
Die letzten Stunden habe ich einfach nur ertragen.

Und dann wurde ich abgeholt. Die Minuten fühlten sich an wie Stunden, die Stunden fühlten sich an wie ein Folterknecht, der einem mit einer Kneifzange die Fingernägel rausreißt. Und dann stand da meine Mutter, sie sah mich stolz an.

Zur Verabschiedung hat sich die Kindergärtnerin zu mir gebeugt und mir noch ein paar wahrscheinlich lieb gemeinte Worte mit auf den Weg gegeben. Ihre Hose machte dabei wieder diese ätzenden Schmirgelpapiergeräusche.

„Guck mal, der erste Tag im Kindergarten ist etwas ganz Tolles. An den erinnert man sich sogar noch, wenn man so groß und Erwachsen ist wie ich.“

Stimmt.


PARTY!

Die Altbauwohnung liegt im fünften Stock, mitten im Szeneviertel. Hohe Decken, alte Dielen, große Wohnküche, ein verschachteltes Bad, das hellgrün gekachelt ist.
Der Balkon ist gigantisch und ungefähr so lang wie eine Bundeskegelbahn.
Der Blick über die Dächer der umliegenden Häuser raubt einem den Atem. Jeder, der hier steht und in den Sonnenuntergang blinzelt, nickt innerlich – und stellt sich vor, diese Wohnung zu besitzen. Was man hier alles machen könnte! Man muss natürlich auch einiges machen, die Dielen knarren, müssten mal wieder abgeschliffen werden, der Putz blättert an ein paar Stellen, ein paar Ecken im Keller sind feucht. Und das Dach muss auch irgendwann mal neu gedeckt werden. Ist halt ein Altbau.
Aber dieser Ausblick. Wahnsinn.

Hier auf dem Balkon stehen die Raucher, Selbstdreher unterhalten sich mit E-Rauchern, der häufigste Satz, der gesagt wird, ist: „Darf ich mal kurz?“ – denn hier steht auch das Bier. Man schiebt sich aneinander vorbei, verrenkt und verbiegt sich.
Der zweithäufigste Satz ist: „Echt schön hier, oder?“, der Smalltalk beginnt reibungslos, weil man über die anderen Dächer reden kann, über den Blick, über den Sonnenuntergang, über den bröckelnden Putz, über die anderen Familien, die in dem Haus wohnen.
„Wohnst du hier?“ ist auch ein oft gesagter Satz. „Ja.“, ist eine oft gegebene Antwort. Es ist eine ziemlich große WG.

In jedem einzelnen Zimmer, auf dem Flur und in der Küche ist es rappelvoll und sehr bunt. Die meisten Nachbarn sind da und haben ein paar Freunde mitgebracht.
Es sind auch ein paar Freunde aus den unterschiedlichen Gesteinsschichten des Lebens der WG-Bewohner gekommen. Und Kollegen und Kommilitonen. Und alle haben alle irgendwelche Freundinnen und Freunde im Schlepptau. Klar.
„Freunde? Einfach mitbringen.“, hieß es in der Einladung.
Der Jackenberg im Schlafzimmer geht bis zur Decke. Wie viele Gäste sind hier? Hundert? Hundertfünfzig? Oder mehr?

Es sind Kinder da, es sind Alte da – und alles dazwischen. Sogar ein Hund rennt hier rum, ein Mischling aus einer rumänischen Tötungsstation. Oder aus Marokko. Ein Tier mit Dankbarkeit im Blick, das so viel gestreichelt wird, dass es die Party wahrscheinlich als am Rücken blank gescheuerter Nackthund verlassen wird.
Und fast jeder der Gäste hat etwas für das Buffet mitgebracht, „irgendwas, was zu euch passt“, hieß es in der Einladung.

Neben Kartoffelsalat mit Öl steht Curryreis, es gibt Oliven, eingelegte Paprika, Couscous, Frikadellen, Thunfischsalat, jede Menge Obst, Pflaumenkuchen, Apfelkuchen, aufgebackene Brezeln, Kirschkuchen, Fantakuchen und irgendein undefinierbarer Teighaufen.
Da stehen Scampi-Spieße, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, spanische Tapas, Melone mit Schinken, Datteln im Speckmantel, Käsewürfel, Nudelsalat, Chicken Saté, geröstetes Brot, Avocados und natürlich die Schüssel mit Coctailwürstchen, die immer nur nach Wurstwasser-Nachgeschmack schmecken.
Dazu sind überall Erdüsse, Chips und Gummiquatsch verteilt.
Es wird geredet, gelacht, probiert und geschmatzt. „Hast du das echt selbst gemacht?“ wird genau so oft gesagt wie: „Altes Familienrezept.“

Die Klingel ist ausgestellt, die Tür steht den ganzen Abend offen. Stand ja auch so in der Einladung. „Fünfter Stock, einfach hochkommen.“
Die Leute, die kommen, sind mit einem Sixpack Bier, mit Wein oder mit einer Schüssel für das Buffet beladen. Oder Verlegenheitsblumen von der Tanke. In Knisterpapier eingewickelte Tulpen, die so natürlich wirken wie Donatella Versace.

Echt gut hier.

Als die Ränder einiger Dips schon angetrocknet sind, als die Musik weiter aufgedreht wird, als getanzt und bestimmt auch schon geknutscht und gekotzt wird, ist da auch dieser groß gewachsene Typ, den erst keiner so richtig auf dem Zettel hatte. „War der schon die ganze Zeit hier?“, denken viele.
Er wirkt bestimmt, eloquent, wenn man böse ist, vielleicht ein bisschen schmierig in seinem Hemd und dem Sakko und den nagelneuen Schuhen. Er nickt allen zu, guckt den Leuten direkt in die Augen. Alle sehen ihn, nur dem Hund ist er egal.

Ein bisschen Smalltalk hier und da, ein paar Biere hier und da. Ist ja leicht und einfach.

Am Buffet nimmt er Kartoffelsalat (der mit Mayonnaise wie er es kennt) und Frikadellen. „Nun, diese Couscous-Pampe da ist nix für mich. Damit kann man hier Löcher in der Wand ausbessern. Aber essen? Nein, niemals.“

Dann geht alles ganz schnell: Er macht Reinheitsgebotswitze mit Leuten, die sie nicht hören wollen.
Er kommt sehr nah ran beim Sprechen, hat weiße Kleckse im Mundwinkel und spuckt einen voll. Wenn man mit ihm redet, hat man Mayo im Haar. Und man muss sich seinen ausgerotzten Hass aus dem Gesicht wischen.
Später pisst er ins Waschbecken, stopft tatsächlich Couscous in ein kleines Loch in der Küchenwand, rotzt auf die Paprika, wünscht sich vom DJ Schlager.
Er geht auf den Balkon und schmeisst Oliven und Tapas an die Fenster der umliegenden Wohnungen. Er wird immer lauter, unangenehmer, ekelhafter. Ein paar, die nicht mal ihre Jacke ausgezogen haben, die irgendwelche Freunde von Freunden sind, finden das ganz witzig und machen mit. Erst die Oliven. Dann die Sprüche.

Natürlich sagt einer der Gastgeber etwas, danach wird es laut: „Guck dir diese Scheiß-Party doch mal an – was habt ihr denn für Gäste? Kuffnuckis und Ahmeds. Wollen sich hier unters Volk mischen, wollen mein Land vergiften!“

Dann zeigt er auf die Nachbarin von unten.

„Hier, was ist das? Die kommt aus dem Orient. Islamistin, oder was? Trägt sie einen Gürtel?“

Dann kommt er ganz nah und redet leise und zischt dem Gastgeber Nudelsalatspucke-Hassgemisch ins Ohr.

„Weißt du, wie man solche Leute befruchtet? Auf den Tisch wichsen. Den Rest machen dann die Fliegen.“


„Ok. Du gehst jetzt besser, sonst bekommen wir hier echt Ärger.“, heißt es von den Gastgebern. Die größten Gäste haben sich aufgestellt. Eine Frau schreit den Typen an, ist echt wütend, die Musik ist jetzt aus.
Nach ein paar quälenden Sekunden geht er. „Kommt noch wer mit? Hier sind nur Widerlinge und Verlierer! Los, komm, raus hier. Wer ist dabei?“
Die beiden stumpfen Einzeller, die auch Oliven und Tapas vom Balkon geschmissen haben, kommen mit. Sie rülpsen irgendwelche besoffenen Parolen.
Die WG schließt die Haustür, einige rufen den beschissenen Idioten noch was hinterher.

Im Treppenhaus gucken die drei auf die Namensschilder. Bei den Özlems pissen und rotzen sie auf die Fußmatte, die Kinderschuhe, die vor den Türen der Sülüs stehen, treten sie genüsslich die Treppe runter. Genau wie den Roller. Unten telefoniert einer der drei, wahrscheinlich sucht er eine neue Location.

Oben in der Wohnung hat Stimmung hat jetzt jedenfalls mehr Risse als der Putz an den Wänden, die Party geht trotzdem weiter. Irgendwie jedenfalls.
Einer sagt: „Tja. Aber so ist das, wenn Populisten eine Party zerscheißen. Ein paar hat er mitgenommen, aber wir sind ja irgendwie enger zusammengerückt. Jetzt sind sie weg. Lass weiterfeiern!“

Einige haben gar nicht so richtig mitbekommen, was los war, weil sie seit Stunden an der Absturzgrenze wandeln, oder geknutscht haben, andere sagen: „Ach egal, ist noch Wein da?.“ Ein paar diskutieren noch eine Weile über die Arschlöcher, regen sich auf, haben Wutflecken am Hals, „Wo kam der denn überhaupt her? Wer hat den eingeladen?“, ein paar wenige gehen nach Hause, weil sie müde sind.

Die Party ist ein bisschen anders geworden, irgendwie ist die ganze Veranstaltung einmal kurz in sich zusammengezuckt.
Alles ein bisschen in Moll. Nicht lange.
Denn es geht schnell weiter wie vorher. Der Jackenberg ist zwar etwas kleiner geworden, das Buffet besteht nur noch aus Resten und den traurigen Cocktailwürstchen, die so intensiv riechen wie ein Walkadaver, der an den Strand gespült wurde. Nicht mal der Hund wollte die essen.

Die Raucher stehen auf dem Balkon, trinken Bier, gucken über die Dächer und stellen sich vor, wie es wäre, diese Wohnung zu besitzen. Eigentlich ist fast alles wie vor ein paar Stunden.

Bis laute Stimmen zu hören sind und Fäuste an die Wohnungstür hämmern.


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Am 26 Mai sind Europawahlen. 


Vielleicht sollten wir uns die Party nicht zerscheißen lassen. 

DIE WAHRHEIT.

Die beiden Mitarbeiter der Bilderberg-Zentrale, die auf dem Foto zu sehen sind, reparieren mal wieder Chemtrails. Das machen sie, damit wir Menschen denken, dass wir denken.
Und damit wir die ECHTE Wahrheit nicht erkennen.

Wenn man sich direkt unter eine Chemtrail-Lücke stellt, weiß man plötzlich ganz genau, dass Christiano Ronaldo der Anführer einer Reptiloidensekte ist. Das sieht man an seinem Hals.
Er kann nicht nur supergut Tore schiessen, er kann sich in Luft auflösen und an acht Orten gleichzeitig sein. Wenn er zwei Mal blinzelt, verwandelt er sich in DEN WENDLER. Oder hat man die beiden jemals in einem Raum gesehen?
Eben.

Achtet mal auf die Hälse.

Dass „Echsi“ Ronaldo jetzt irgendwelche Steuergeschichten angehängt werden, und er sich Vergewaltigungsvorwürfen ausgesetzt sieht, zeigt nur, dass die Welt eine einzige Flachfirma ist.

Ach ja, von wegen Bienensterben: 
Bienen sind kleine Hochleistungsmikrophone, die uns alle abhören.
Sie werden von Putin gelenkt, der ein direkter Nachfahre von Jack the Ripper ist und alle seine Daten an Mark Zuckerberg verkauft. Putin lässt sich in Bärenfell auszahlen, denn das ist die einzig echte Währung.

Und Mark Zuckerberg (Hallo?!?!? Merkt das denn keiner? Z-U-C-K-E-R-B-E-R-G!!!) ist ein von Leonardo da Vinci ausgedachter Roboter, der Menschen zu Zuckerbergen macht, indem er sie vor Computerbildschirme fesselt und sie Snickers und Gummibärchen fressen lässt.
Achtet mal drauf: Mona Lisa guckt genau wie Zuckerberg.
Die „Augen“ wandern immer mit.

Die Chinesen bauen eine USA-Filiale auf der Rückseite des Mondes, wo sie Dinosaurier züchten, die Billigtextilien zusammennähen. Das kann man von hier nicht sehen, weil der „Blick hinter die Kulissen“ nicht erlaubt ist. Ganz einfach.

Wer das nicht glaubt, ist doof.

Tauben sind in Wahrheit lebendige Funkmasten des Mossad und sie sind die einzigen, die wissen, in welchem Hangar Hitlers Reichsflugscheibe steht. Es ist zum Haare raufen.

Ach ja. Haare.

Haare? Frisuren? Hahaha. Friseure sind doch nur dazu da, Gedanken abzuschneiden und neu zu sortieren. Wo soll denn sonst das bekannte Sprichwort „Dem Repto muss man mal wieder ordentlich den Kopf brzzzzt brzzzzzt Flonk!“ herkommen? Oder habt ihr euch mal gefragt, warum es Dreadlocks gibt? Und Glatzen? Ja. Genau.

Der Sternenhimmel? Ist natürlich nur eine Illusion, denn wir wohnen ja im Inneren eines großen Hohlkekses. In der Oberfläche sind kleine Löcher, durch die Licht scheint. Sieht dann so aus, als würden Sterne funkeln.
In einigen Löchern stecken LED-Lampen. LED = LEADING EASILY into DUMBNESS. Schnallt das denn keiner? Wir sollen alle fressen und schweigen und immer fetter werden. Bis wir platzen.

Vor allen Dingen sollen wir keine Fragen stellen.

9-11? Nur dazu da, uns alle abzulenken – und damit US-Truppen die Berge in Afghanistan flachbomben können.
9-11 heißt ja auch: „NEIN ELE WENN“.
Denkt mal drüber nach! Denn die Erde ist eine Flachfirma.
Und in Afghanistan ist der Flagship-Store. Nächster Hinweis. Flagship. Boom!

Nächste Pläne sind: Portugal in eine gigantische Konservendose zu verwandeln und alle Fische in den Meeren durch Plastikenten zu ersetzen.
Damit alles eindeutig ist. Das Klima ist eine Sendung von RTL und CNN, Politik nur eine Werbeunterbrechung. Greta Thunberg? Ach hör mir auf! Sie ist ein Vatikan-Hologramm, das uns ablenken soll.

Einziger Lichtblick: Elvis Presley lebt. Und zwar momentan als Donald Trump, der uns den Weg zeigen wird.

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Klingt irre?

Vielleicht.

Es gibt aber ganz schön viele Menschen, die so ähnlich denken. Und es gibt Menschen, die so ähnliche Gedanken verbreiten und für ihre wirre Politik nutzen.
Zum Beispiel dass der Klimawandel Quatsch ist.
Oder dass Frauen an den Herd müssen.
Oder dass Europa islamisiert wird.

Am 26. Mai ist die Europawahl.

Bitte setzt euch mit den Parteien auseinander und geht wählen.

Passt aber auf dem Weg zur Wahlkabine auf, dass ihr nicht von der Erdscheibe fallt.

SIE HABEN GROß GEMACHT.

Man kennt vielleicht das Gefühl aus Stolz und Ekel, wenn man sich einen gigantischen Popel aus der Nase gezogen hat. So einen grün-braun-verkrusteten Matschhaufen, der fast zwei Kilo wiegt, in der Hand liegt wie ein Döner und sich um den Arm wickelt wie eine Würgeschlange.

Irgendwie ist man vollkommen angewidert und gleichzeitig entzückt – so müssen sich die Designer jedenfalls gefühlt haben, als sie ihr Werk das erste Mal vor sich stehen hatten.

Sie haben ein Monster geschaffen.

Für Erwachsene sieht es aus wie ein verchromtes Billy-Regal, für Kinder muss es ungefähr so wirken wie eine glänzende Plattenbausiedlung.

Es ist der Kühlergrill des neuen BMW X7.

Das Teil hat Ausmaße – es gibt in Deutschland Menschen, die weniger Wohnraum zur Verfügung haben als diese (liebevoll genannte) Doppelniere groß ist. Guck mal, wie süß!

Die Designer von BMW haben hinter dieses Chrommonster ein Fahrzeug von der Größe des Saarlandes gebaut: 5,15 Meter lang, 2 Meter breit, ca. 2,5 Tonnen schwer, Einstiegspreis: € 84.300,-. Dafür bekommt man drei oder vier Häuser in Mecklenburg-Vorpommern.

Sie sagen über ihr Werk:

„Ein Statement der Luxusklasse: Der erste BMW X7 überwältigt. Sein imposantes Erscheinungsbild wirkt dank des puristischen Designs und der athletischen Formensprache leicht und agil.“

Wer diesem Auto die Attribute „leicht und agil“ zuordnet, findet auch einen Flakbunker zart und die Kollektion von Harald Glööckler puristisch.

Leute, die dieses Auto kaufen, bestellen sich eine ganze Marzipan-Pfirsich-Quark-Sahne-Nuss-Pudding-Torte mit einem sechsfachen Cheeseburger, einem Hummer und Popcorndressing und dazu ein Kilo Hack vom Kobe-Rind, wenn der Magen knurrt, nehmen eine Gabel voll und lassen den Rest vergammeln, während sie die Hungrigen auslachen.

Der X7 ist ein Auto für Großwildjäger, Investmentbanker, Miethaie, Bundesligaprofis, Konzernerben und für Leute, die gern in dem Blut von ausgestorbenen Tierarten baden.
Man könnte meinen, dass Donald Trump diese Blechburg gestaltet hat und sich von Markus Söder und Robert Geissen hat beraten lassen.

Über Verbrauch, Fahreigenschaften und CO2-Abdruck braucht man gar nicht zu reden, da ist Hopfen und Malz verloren: Diese Blechburg ist von allem zu viel, wer das Auto schön findet, mochte auch das Gesicht von Michael Jackson nach der 52. Beauty-OP und findet 3-Kilo-Silikonimplantate geil.

Die Straßen sind dicht, wir stecken mitten in der Verkehrswende.
Weltweit wächst das Bewusstsein für einen vernünftigen Umgang mit Ressourcen, jeden Freitag gehen Kinder für ein besseres Klima auf die Straße. Und das ist die Antwort von BMW.

Eigentlich müssten die Verantwortlichen über ihr neuestes Werkt sagen: „Ein Statement der Ignoranz und der Überheblichkeit.“

Immerhin kann man den Wagen auch in den Farben „Terrabraun“ oder „Vermontbronze“ bestellen. Dann sieht das Teil aus wie ein gigantischer Kackhaufen – und das ist dann das ehrlichste Statement.

Als nächstes kommt übrigens der BMW X8. Man darf gespannt sein, wie da der Kühlergrill aussieht – vielleicht kleben ein paar frisch überfahrene Kinder, die auf einer FridayForFuture-Demo waren, darin.


HALLO FACEBOOK,

ich wollte dir nur ganz kurz sagen, dass ich es super finde, wie du Verantwortung übernimmst. Es ist gut zu wissen, dass du dich mit eigens programmierten Algorithmen um deine 31 Millionen Nutzerinnen und Nutzer allein in Deutschland kümmerst.
Werbeanzeigen ausspielen und Targeting funktionieren nahezu perfekt, das machst du echt prima. Das Geschäft brummt.

Es ist auch toll zu sehen, dass du hart durchgreifst: Wenn man zum Beispiel einen Nippel („Nippel! Nippel! Nippel! Boing“) oder eine stillende Mutter („WHAT!!!!??? Da saugt ein Baby an einem Nippel! GUCKT DA NICHT HIN!!! DAS IST WIE SEX!!! MAMA, WO SIND DIE TASCHENTÜCHER?!?!“) postet, wird man sofort gesperrt.

Oder das hier: wenn man von einem verwirrten Rechtsradikalen beschimpft wird und das mit einem Screenshot der Beschimpfung und einer harmlosen Zeile („Wenn die Hupe besser denken kann als das Gehirn“) kommentiert, wird gedroht, dass man gesperrt wird.
Wenn man sich mit dir in Verbindung setzen will, um das aufzuklären, wird man gesperrt.

Dieses konsequente Durchgreifen ist genau richtig.

Nicht.

Nochmal:

Hey Facbook,

du bist ein großartiges Netzwerk. Katzenvideos, Zucchini-Rezepte, Selfies, lustige Geschichten und so weiter. Ich bin mir sicher, dass viele nur deshalb ihren Eltern und Arbeitskollegen von 1983 gratulieren, weil du sie immer schön daran erinnerst. Und Geschenkvorschläge hast du ja auch immer gleich parat.
Aber mal ehrlich, Facebook, du bist nur noch uneigentlich großartig.
Denn das, was du geschaffen hast, ist zu einem digitalen Frankenstein-Monster geworden, das voll unter Strom steht.

Du hast die Kontrolle verloren.
Komplett.
Deine „Regulierungsversuche“ sind – naja, um ehrlich zu sein, agierst du wie jemand, der versucht, das Fahrwerk seines Autos zu reparieren. Während er mit 180 Sachen über eine kurvige Landstraße brettert. Im Nebel. Bei -1 Grad Außentemperatur. Durch ein Waldgebiet.
Mit 31 Millionen Leuten auf der Rückbank, die nicht angeschnallt sind.
So wie es aussieht, wird es nicht besonders gut ausgehen.

Durch dein Sperre hatte ich genügend Zeit, mal deine Gemeinschaftsstandards durchgelesen. Weil ich wissen wollte, wo genau ich dagegen verstoßen habe.

Irgendwie glaube ich, dass du überlegen solltest, dir entweder neue Gemeinschaftsstandards auszudenken oder dir hier in Deutschland mal testweise ein Team von ca. 5.000 Menschen (das sind diese Fleischsäcke, die mit Knochen, Innereien und einem funktionierenden Gehirn gefüllt sind) an Rechner setzt, damit diese echten Menschen (-> Fleischsäcke) prüfen, was gepostet und ggf. gemeldet wurde.

Möglichst in Echtzeit.

Wahrscheinlich reicht ein altes Callcenter irgendwo im Industriegebiet am Rande einer Stadt. Jeder Mitarbeiter bekommt eine Visitenkarte mit einem attraktiven Titel, sowas wie Realtime Verification Manager und einen Rechner.
Dazu gibt es ein kleines Onboarding in Form einer einstündigen Moralschulung. Und immer schön frisches Obst. Das sollte reichen.
Du als Unternehmen solltest es dir leisten können, denn du verdienst ja ganz gut. (Außerdem könnte „Realtime Verification Manager“ sogar ein Ausbildungsberuf werden. Sag doch deinem Algorithmus mal, dass er darüber mal nachdenken soll.

Also gut.

Zu deinen Gemeinschaftsstandards:


Du schreibst:

„Manchmal teilen Menschen Inhalte, die Hassrede einer anderen Person enthalten, um für ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren oder Aufklärung zu leisten. So kann es vorkommen, dass Worte oder Begriffe, die ansonsten gegen unsere Standards verstoßen könnten, erklärend oder als Ausdruck von Unterstützung verwendet werden. Dann lassen wir die Inhalte zu, erwarten jedoch, dass die Person, die solche Inhalte teilt, ihre Absicht deutlich macht, so dass wir den Hintergrund besser verstehen können. Ist diese Absicht unklar, wird der Inhalt unter Umständen entfernt. Wir lassen Humor und Gesellschaftskritik in Verbindung mit diesen Themen zu. Wir sind außerdem der Ansicht, dass die Nutzerinnen und Nutzer, die solche Kommentare teilen, verantwortungsbewusster handeln, wenn sie ihre Klarnamen verwenden.“

Du meinst:

„Unsere mies programmierten Algorithmen sperren erstmal alles, was von verwirrten Seelen, die stündlich ihren ätzenden Hass in die vergilbten Tastaturen absondern, gemeldet wird. Egal, ob lustig, satirisch oder sonstwas. Eine kontextuelle Prüfung findet nie statt. Wie denn auch?!?!?
Und gegen Bots und Fake-Profile haben wir noch kein Mittel gefunden.
Pffffft…..na und? Uns doch egal. Erstmal sperren.
Sollen die Leute doch sehen, was sie davon haben. Sperren ist schön einfach. So einfach wie eine Mauer um ein Land bauen – nur viel, viel billiger!“

Und das hier, du schreibst:

„Wir möchten die Menschen dabei unterstützen, stets informiert zu sein, ohne die produktive öffentliche Diskussion zu behindern. Zudem besteht nur ein schmaler Grat zwischen Falschmeldungen und Satire oder Meinungen. Daher entfernen wir Falschmeldungen nicht von Facebook, sondern reduzieren stattdessen ihre Verbreitung erheblich, indem wir sie weiter unten im News Feed anzeigen.“

Du meinst:

„Ist doch voll geil, wie die Leute immer wieder auf Fakenews reinfallen. Guck mal – schon wieder. Und hier: schon wieder. Und hier: hahahaha! Komm, lass nochmal Lügen verbreiten. Hier ist eine geile – die packen wir ganz nach oben in den Newsfeed!“

Du schreibst:

„Wir tolerieren auf Facebook keine Belästigung. Wir möchten, dass Menschen sich sicher fühlen, wenn sie sich mit anderen Mitgliedern unserer Online-Gemeinschaft verbinden und mit diesen kommunizieren. Unsere Richtlinien für Belästigung gelten sowohl für Personen des öffentlichen Lebens als auch für Privatpersonen.“

Du meinst:

„Ach, wir sind da nicht so. Wenn jemand einen anderen „ins Gas“ schicken will, ist das nicht schlimm, weil das ja auch was mit einem Herd zu tun haben könnte. Und wenn jemand einem anderen Menschen wünscht, „es von einer Horde ordentlich hart besorgt zu bekommen“, finden wir das auch nicht so schlimm. Denn unser Programm kennt das Wort „Horde“ ganz einfach nicht. Und mit „ordentlich hart besorgt“ sind ja sehr wahrscheinlich hart gekochte Eier gemeint.
Und wenn ein krankes Hirn eine Seite, die sich sehr eindeutig gegen Rechtsradikalismus positioniert, mit den Worten „Das ist eine Faschoseite, die von Nazischweinen betrieben wird“, ist das ja nur lustig und niedlich gemeint. Hihi. Haha.“

Du schreibst:
„Wir möchten eine besser informierte Gemeinschaft aufbauen und die Verbreitung von Falschmeldungen mithilfe verschiedener Methoden reduzieren, u. a. durch Folgendes:

– Reduzierung wirtschaftlicher Anreize für Personen, Seiten und Domains, die Fehlinformationen verbreiten.

– Verwendung verschiedener Signale, einschließlich Feedback unserer Nutzerinnen und Nutzer, mit denen wir ein Machine Learning-System trainieren, das voraussagt, welche Meldungen falsch sein könnten.


Du meinst:

„Ähem – na komm, wir sind ehrlich: es geht uns natürlich immer nur um Kohle, das sollte jedem klar sein. Soziale Verantwortung, obwohl das, was wir hier machen unter „social media“ fällt? Nicht wichtig für uns. Überlegt doch mal: sonst hätte PEGIDA nicht stattgefunden. Die AfD wäre nicht im Bundestag. Sonst dürfte die BILD bei uns nichts posten, sonst hätte auch eine verwirrtes Lügenmaul wie Henryk Stöckl auf unserer Seite nichts zu melden.
Wir argumentieren natürlich nur mit „wirtschaftlichen Anreizen“ weil unser Anwalt uns das so empfohlen hat. Graubereich. Ihr wisst schon. Sonst hätten wir ja nicht geschrieben: „mit denen wir ein Machine Learning-System trainieren, das voraussagt, welche Meldungen falsch sein könnten.“ Hallo?!?! Konjunktiv! KÖNNTEN.
Uns interessiert nur, was sein könnte. Nicht, was ist. (Datenlecks interessieren uns übrigens auch nicht.)

Denn das Abgefahrene ist ja, dass die Leute gerade auf Falschmeldungen so anspringen und sich auslassen und die teilen und kommentieren – das erhöht die Reichweite. Und dann klingeln bei uns wieder die Kassen. Aber so richtig! Es ist phantastisch! Ist noch Hummer da? Wo der Schampus? Gibt es den Lambo auch in 18 Karat?“

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Hey Facebook,

ich habe bei dir bald 9.000 Follower, einige meiner Beiträge haben eine Reichweite im hohen sechsstelligen Bereich. Ich schreibe, was ich mit dem Bauch denke, was ich für wichtig halte. Manchmal ist das sogar lustig, meistens hat es mit Haltung zu tun. Ich bin aber nur eine kleine Funzel in deinem Las Vegas-artigen Vergnügungspark mit Milliarden Flutlichtern.
Ich schreibe echt gern für dich, ich lass mich auch gern von Rechten Idioten und FDP-Mitgliedern beschimpfen. Und ich weiß, dass du bestimmt ein paar gute Dollar mit meinen Gedanken machst. (Weil ja Targeting & Co bei dir wirklich gut funktionieren).
Und ich lasse mich natürlich von deinen Algorithmen sperren.
Ist mir egal.

Hier auf meiner eigenen Seite habe ich sagenhafte 12 Follower – und für die schreibe ich sehr gern mit Herzblut, Leidenschaft und Bauchgefühl.
Denn ob 12 oder knapp 9.000: Ich mache da keinen Unterschied.

Du anscheinend schon.

Ach nee, sorry: ich meinte:

Dein Algorithmus anscheinend schon.



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Diese Zeilen habe ich vor ein paar Tagen geschrieben – als ich von der Sperre erfahren habe. Vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas zu emotional, aber ich lass das hier trotzdem mal so stehen.




ZEITREISE.

„Dieses uneheliche Gör! Kind einer Magd und eines Lokomotivführers.
Was will der stumpfsinnige Sohn dieser hinterwäldlerischen Eltern, die nicht mal die Ehe geschlossen haben? Gottverräter sind das! Kein Wunder, dass der Vater an einer Lungenentzündung gestorben ist.
Und was will dieser Nichtsnutz uns jetzt da andrehen? Eine Pferdekutsche ohne Pferd. Dafür verplempert er seine Zeit. MOTORWAGEN.
Was für ein Quatsch! Er sollte lieber Lokomotiven bauen und nicht so ein komisches Knattergerät, das aussieht, als würde es von Geisterhand bewegt!“

(ein bekannter deutscher Politiker über Carl Benz)

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„Ich kann diesen Joseph Gayetty echt nicht mehr sehen! Mit seinem Scheiß-Toilettenpapier auf Rollen. Denkt er, er ist was Besseren oder was? Peinlich sieht der aus. Er ist ein Vollidiot, ich hoffe, er bricht sich die Beine und fällt dann in eine Klärgrube.“

(ein deutscher Bürger über Joseph Gayetty, den Erfinder des Toilettenpapiers)

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„Thomas Edison ist ein gefährlicher Mann! Sein Vater kann nichts, seine Mutter hat den Blödmann von der Schule genommen. Und jetzt will er uns die „Glühlampe“ verkaufen? Was ist denn mit unseren Kerzen? Und den Petroleumlampen? Außerdem ist es doch tagsüber hell! Niemand weiß, was das soll. Ich würde ihn so lange Kerzen ziehen lassen, bis er mal wieder normal wird! Und dann kann er nochmal in die Schule gehen, was Vernünftiges lernen. Oder er soll in den Berg gehen, Kohle schaufeln.“

(ein bekannter deutscher Chefredakteur über Thomas Edison)

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„Der Mann ist mal als allererstes schwarz. Wie soll jemand, der bis vor kurzem noch auf einem Baum gelebt hat, plötzlich schlaue Gedanken haben können? Der gehört aufs Baumwollfeld, aber ganz bestimmt nicht ans Mikrofon. Es kann doch nicht sein, dass dieser Mann ein Forum bekommt und ihm tatsächlich auch noch Leute folgen! Wo kommen wir denn hin, wenn plötzlich „schwarze Affen“ hier irgendwie mitbestimmen wollen?
Soll er Basketball spielen oder Football. Hauptsache, er ist ruhig.“

(ein bekannter deutscher Politiker über Malcom X)

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„Noch so ein ungezogenes Mädchen. Will in den Krieg ziehen und das Land von den Engländern befreien. Lächerlich! Sie sagt selbst, dass sie Stimmen hört. Merkt denn niemand, dass die krank ist und sich von ihren Eltern instrumentalisieren lässt?! Was will die? Etwa mit Waffen kämpfen? Das geht nicht, denn Jeanne D´ Arc ist eine FRAU! Sie gehört zum schwachen Geschlecht – und das schwache Geschlecht wird für immer schwach bleiben. Auch in 5.000 Jahren noch. Was soll den noch kommen? Sollen Frauen etwa auch arbeiten dürfen wie edle Männer? Sollen Frauen etwas zu sagen haben dürfen? Ich bitte Sie – das geht nicht.“

(ein bekannter deutscher Politiker über Jeanne D´ Arc)

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„Jaja, natürlich. Kann über einen See gehen, kann Kranke heilen, kann Brot teilen und aus Wasser Wein machen. Was denn noch? Kann er sich ja gleich ans Kreuz nageln lassen. Der Hochstapler wird niemals die Mehrheit hinter sich wissen. Denn man kann von einem Unehelichen, der in einem Stall geboren wurde nicht erwarten, dass er alle globalen Zusammenhänge, das Sinnvolle und das Machbare sieht. Das ist eine Sache für Profis.“

(ein bekannter deutscher Politiker über Jesus Christus)

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So ungefähr hätte es wahrscheinlich geklungen, wenn die deutschen Medienprofis weltbewegende Erfindungen oder Bewegungen kommentiert hätten. Und zwar mit derselben Energie, mit der sie die #FridayForFuture-Bewegung und die Initiatorin Greta Thunberg angehen.

DA LANG? ODER DA LANG?

Greta Thunberg hat einen Sonderpreis bekommen. Herzlichen Glückwunsch dazu!
Die Laudatio hielt auf die „Symbolfigur“ hielt Bully Herbig. Den kennt man noch aus der Gummibärchenwerbung. 
Andere Preisträger sind u.a. die Gruppe „PUR“, die Serie „Der Bergdoktor“ und Kai Pflaume. Interessanter Nebeneffekt: Der österreichische Künstler Tom Neuwirth, besser bekannt als „Conchita Wurst“ kam in einem Schrumpffolienanzig und nannte sich „Wurst“.

Irgendwie ist die Goldene Kamera an Greta Thunberg in diesem Kreis ein falsches Zeichen, „das Mädchen mit den Zöpfen“ ist falsch abgebogen.

Es kann nämlich gut sein, dass an genau diesem Abend die Metamorphose zum Popstar vollzogen wurde. Ob freiwillig oder nicht ist egal.

Natürlich hat sie die Bühne genutzt und einen mitreißenden Appell für die Rettung des Weltklimas gehalten. „Wir stehen jetzt an einem Scheideweg unserer Geschichte“, sagte sie. Und sie rief Prominente auf, ihre Stimme zu erheben. Es gab Standing Ovations.
Wäre natürlich großartig, wenn die Prominenten auch wirklich was machen würden – und nicht nur irgendwie theoretisch helfen, weil sie ja schließlich dabei waren, als sie den Preis bekommen hat. Und dann schnell zurück ans Glas sind – das ist ja auch irgendwie Aktivismus.

Hauptsponsor Volkswagen hat übrigens eine Stunde, nachdem Thunberg die Auszeichnung bekommen hat, einen SUV verschenkt. Zwei Tonnen Ambivalenz mit 300 PS.
Weitere Sponsoren der Veranstaltung sind „MEIN SCHIFF“ und „ELASTEN, der Beauty Drink, der von innen wirkt. Das ist natürlich nicht so gut.

Ein viel sinnvolleres Zeichen als die „Goldene Kamera“ wäre doch, wenn Politiker, Wirtschaftsgrößen, Greta Thunberg und ihre Generation einfach mal ernst nehmen würden. Eine differenzierte Klimadebatte. Ein Plan. Ein Maßnahmenkatalog. Handlungen. Gesetze.

Beim SPIEGEL schreibt man als : „Greta Thunberg in ungewohnter Robe: Die 16-jährige Schwedin trägt normalerweise Zöpfe, bei der Verleihung der Goldenen Kamera trug sie die Haare offen zu ihrem weißen Kleid.“

Und genau das meinte ich mit „falsch abgebogen.“ Es geht Richtung Bambi. Nicht Richtung Klimadebatte.

PSSSSSSST.

Impfen. Rammstein-Video. Tempolimit. Greta Thunberg. Schiedsrichterentscheidungen. Zu warm für die Zeit. Zu kalt für die Zeit. Rente. Dieselmotoren. Veganismus. Bahn zu spät. Kinder, die „Schule schwänzen“. RTL. Hackfleisch. Wasser aus Plastikflaschen.  Sommerzeit. Selfies. Kevin. Rolltreppenblockierer. Mittelspurfahrer. Markus Wendler. Merkelnutte. Kobalt. Hundekackebeutel schon wieder alle.
Sonnencrème zu dickflüssig. ALTER!

Das Thema ist egal – der Puls knallt hoch. Zum Glück für die wenigen verbliebenen Pflegekräfte wird er bei 250 automatisch abgeriegelt.
Sonst hätten sie noch mehr zu tun.

Ja genau. Pflegekräftemangel. Kann man sich auch drüber aufregen. Muss man sogar.
Wir regen uns schließlich über alles auf. Auch über das hier. Und das.
Und das nächste erstmal…

Wenn jemand meckern kann, dann die Dichter und Denker und Meckerer und Spaltmaßgoebbels und Quittungsnazis.

Das können wir gut.

Hetzlich Willkommen in der Empörungsrepublik Deutschland.

Warum ist das eigentlich so?

Wir lassen uns permanent von Provokations-Profis auf die Palme bringen. (Egal, ob AfD mit ihren kranken Methoden und ihrer widerlichen Nazi-Rhetorik, ob von BILD-Redakteuren, von den klassischen „alten weißen Männern“, die in irgendwelchen Chefetagen sitzen oder von Comedians und anderen Schlaganfallgesichtern, die sich selbst radikalisieren und nicht mehr merken, dass sie nicht lustig sind.

Diese Leute zündeln mit Tweets und Videos und wir versuchen, das Feuer zu löschen. Meistens mit Benzin. Weil es so schön bunt ist und weil man Aufmerksamkeit in Form von Likes und Retweets bekommt.
Ist doch schön – irgendwann dreht sich die Spirale weiter und es geht nicht mehr um das eigentliche Thema, sondern um einen ätzenden Kommentar, über den man sich aufregen kann.

Und immer weiter.

Wir leben im Perpetuum mobile der miesen Laune und regen uns so sehr darüber auf, dass gern vergessen wird, worum es eigentlich ging. Denn man kann sich als normaler mit einem Durchschnittsgehirn ausgestatteter Mensch niemals mit den vielen Themen auseinandersetzen, die pro Tag – oder besser pro Stunde – auf einen einprasseln.

Deshalb wird der kleine Finger nur einmal kurz auf die Wasseroberfläche gelegt, dann wird gemeckert: „NASS! ALTER! ALLES NASS!“ Dass man eigentlich auf Tauchgang gehen müsste, um die Komplexität dieses einen Themas auch nur ansatzweise zu verstehen, ist nicht drin.
Weil schon wieder das nächste Thema kommt, zu dem man was sagen muss, damit man seine bescheuerten Likes bekommt oder sich zynisch in seinen Ledersessel zurücklehnen kann. Oder beides.

Worum ging es nochmal?

Ach ja, ich wollte eigentlich nur eine kleine Frage stellen.

„Können die Ruhigen mal bitte lauter und die Lauten mal bitte leiser sein?“

Oder: „Können die Lauten bitte einfach mal die Fresse halten?“

Danke.

ANSCHLÄGE.

Jemand hat mich mal in einer heißen Diskussion gefragt: SoBo, hast du eigentlich Angst vor Terroranschlägen?

Natürlich.

Und zwar fast so viel wie vor den Establishment-Eltern in ihren Blechburgen. Stellt euch mal morgens vor einen Kindergarten oder eine Grundschule.
Es dauert keine 3 Minuten, dann kommen die ersten.
Unterkoffeeiniert. Unausgeglichen. Übermotorisiert.
Unter 500 PS geht gar nichts.

Auf dem Weg zum ersten Meeting oder zum Yoga brettern sie über den Schulhof und laden ihre Kinder direkt im Klassenzimmer ab.
Nicht, dass dem kleinen Fritz-Alpha-Zentaurus (14) oder der kleinen Amélie-Erika-Josefine (12) noch etwas passiert.

Kann natürlich sein, dass DOCH etwas passiert – und irgendein anderes, dummes, fremdes Kind vorne am Bullenfänger kleben bleibt.

Ist aber nicht so schlimm.

Bullenfänger kann man gut abwischen.

Oder zur Not neu verchromen lassen.

Ich weiß: Es klingt übertrieben und furchtbar.

Aber diese Eltern, von denen es in jeder größeren Stadt sehr viele gibt, sind leider in die Lifestylefalle getappt.

Szeneviertelkarriere, Visitenkartenkarriere, Modehund.
Designermöbel, 14-lagiges Toilettenpapier und teurer Sekt.
Irgendwann merken sie dann, dass sich dieses Leben gar nicht so anfühlt wie sie es aus Netflix-Serien kennen.

Aber die Autohersteller reagieren sofort.

Mittlerweile hat jede Marke die passenden Fahrzeuge.

Dabei gilt: je größer der Frust, desto größer das Auto.

Nächste Stufe: Flugzeugträger.

Aber bitte voll ausgestattet.

ALTE WEIßE MÄNNER.

Ein Begriff, der für spitzzüngige Kolumnenschreiber und erfolgreiche Geschäftsmänner benutzt wird, über die Sophie Passmann sogar ein Buch geschrieben hat. Es ist ein Begriff, der nicht ganz stimmt.

Eigentlich müssen sie anders heißen. Zum Beispiel:
 
„Hormonskandale in der Midlife-Crisis.“
„Halbschlaffe, borkige Schrumpelglieder.“
„Likeabhängige Twittermonster, denen außer Empörung nichts mehr zuteil wird.“
„Dünnhaarige zerlebte Zurückgebliebene.“
„Gescheiterte laute Wracks.“
„Unangenehm unnötiger Medienrest.“
„Laute letzte Zuckungen.“

Es ist beschämend und gleichermaßen bezeichnend, dass diese rostigen Kanten den Diskurs bestimmen (wollen.)
In den sozialen Medien schießen sie gegen alles, was irgendwie progressiv ist. Sie zeigen sich rückwärts gewandt, verurteilen die Jugend, denken z.B., dass der Klimawandel nur für andere, aber nicht für sie gilt.
Sie sind Verhaltensrentner, die mit auf unsichtbares Kissen gestützten Ellenbogen, den Fortschritt anmeckern und immer weiter nach rechts driften.
Sie verkörpern das Bornierte, zeigen sich gern radikal, damit sie Aufmerksamkeit bekommen. Das ist nämlich der eigentliche Treiber: „Guckt mal alle her, ich bin auch noch da. Aber weil mir keiner mehr zuhört, rede und schreibe ich so laut ich kann.“

Das sind Typen wie Dieter Nuhr, Ulf Poschardt, Jan Fleischhauer, Harald Martenstein & Co. Sie sind innerlich irgendwo zwischen „Kir Royal“ und „dieser einen geilen Party auf Sylt, wo man den Frauen noch auf den Arsch gucken durfte“ kleben geblieben und man bräuchte tonnenweise Teppichablöser, um sie von da wegzubekommen. Aber will man das?

Sollen sie sich lieber eine standesgemäße Harley Davidson kaufen und mit einem Braunkohlebagger um die Wette fahren. Rückwärts. Dabei können sie teuren Wein aus Pokalen trinken und ab und zu auf ihre goldene Uhr gucken, die sie zum 20ten Firmenjubiläum bekommen haben.

Für diese Typen in geistiger Breitcordhose und mit Mundgeruch gibt es eigentlich nur einen einzigen Titel:

„Alte arme Würste.“

(es gibt übrigens kaum Frauen, die sich so mies verhalten. Außer vielleicht Alice Weidel, Beatrix von Storch, und Annegret Kramp-Karrenbauer-Breitcord-Karnevalswitz. Und die ollen Hassomas Ursula Haverbeck und Erika Steinbach.)

Ach so, nochwas: sobald ich anfange, mich so zu verhalten, dürft ihr mir eine Kugel in den Kopf schießen.

Danke.